Sicherheitsverlust

Zu viel Gewalt – zu wenig Erziehung.

Mittwoch wird einer meiner Schüler ausgeraubt und mit einer Scherbe im Gesicht verletzt. Donnerstag kommen Schläger zu uns auf den Schulhof während der Mittagspause und versuchen Lehrerinnen einzuschüchtern. Nach der Schule gibt es dann eine Schlägerei – vielleicht waren es auch zwei oder drei, da gehen die Meinungen auseinander. Freitagnacht laufe ich allein durch die Stadt – mittendurch – nach Hause und sehe, wie ein Kerl von einem aus seiner Gruppe auf den Boden geprügelt wird – und liegen bleibt. Die 110 wurde vom Pärchen neben mir gewählt.

In meiner Studentenzeit hier hatte ich nie Angst, nachts alleine nach Hause zu gehen. Aber letzte Nacht schon. Ebenso wie die beiden vielleicht siebzehnjährigen Mädchen, die schnell an mir vorbeieilen, sich an den Händen nehmen und furchtsam murmeln: Wo sind wir denn hier gelandet?

Im Jahr 2017.

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10 Kommentare zu „Sicherheitsverlust

  1. Liken ist hier wohl nicht das richtige Wort, eher: ja, ich hab’s gelesen, es hat mich berührt. Ja, es hat sich doch einiges verändert … im Laufe der Zeit … und es ist eine logische Folge, irgendwie ,,, Gruß aus Wien … !

  2. Ja, Erziehung, was war das noch: „Ach, lassen Sie, meine Kinder müssen sich frei entfalten können!“ Was haben Jungs gelernt, wenn sie beim 80 Geburtstag der Großeltern (der Junge ist 3 Jahre alt) auf der Fensterbank eines etwas besseren Restaurants stehen darf und mit flachen Händen lautstark auf die großdimensionierte Scheibe schlägt, die Mutter es ignoriert und erst der Ober für Raison sorgt? Richtig, er (nun 11 Jahre alt) muss sich mehrere Male beim Direktor der Schule einfinden, und erklären, warum Gewalt ein Mittel der Kommunikation darstellen soll. Bis er der Schule verwiesen wurde. An der nächsten Schule geht es etwas besser.
    Nur ein Beispiel für Orientierung (-slosigkeit) und die möglichen Folgen. (Ein trauriges Beispiel aus nächster Verwandtschaft) 🙈

    1. Es geht nicht nur um das Freientfalten. Da sind die Eltern zumindest meistens greifbar. Schwieriger ist es da, wo die Eltern selbst aus diversen Gründen mit ihrem Leben nicht klarkommen/unzufrieden/arbeitslos/kulturentrissen sind.
      Verwöhnte, freientfaltete Hipsterkinder sind nicht die, die sich prügelnd und raubend die Frisuren zerlegen.

  3. Die Auswirkungen der (mangelnden) Erziehung kriegt man immer erst verzögert mit.
    Vor ein paar Jahren noch hätte man deine beschriebenen Erlebnisse und die von miesvanderbergh noch als „übertriebene fantastische Erzählung“ bezeichnet. Utopisch vielleicht noch.
    Traurig eigentlich, dass mir beim Lesen dieses Textes kein Zweifel an der Echtheit der Situationen gekommen ist.

    Grüße aus dem Gedankenarchiv

  4. Es kommt vielleicht auch immer ein wenig auf das Milieu der betreffenden Stadt an. Mit Ausnahme der wirklich sehr krassen Geschichte mit der Scherbe sind solche Dinge – leider – auch schon in meiner Jugend bei mir zu Hause vorgekommen. Ob die Erziehung in den letzten Jahren lascher geworden ist, vermag ich daher nicht unbedingt zu sagen. Eigentlich stammt doch eher meine Generation (40+) aus der Zeit, in der die Eltern sich an der sogenannten antiautoritären Erziehung versuchten – und fast ausnahmslos scheiterten.

    1. Aachen ist nie ein Brennpunkt gewesen. Wie geschrieben: Ich wohne hier, seitdem ich Studentin war, seit 17 Jahren also. Wir hatten mal einen Sommer lang einen Vergewaltiger, der in einer bestimmten Gegend loszog, aber dass wir Angst hatten, von irgendwelchen Typen in Schlägereien verwickelt zu werden – in dem Ausmaß, das gab es nicht. Natürlich haben sich unsere Jungs auch mal geprügelt, aber ich hatte nie Schiss, wenn ich nachts von einer Party nach Hause kam. Das hat sich leider doch geändert. Und das wird natürlich mehr Ursachen haben, als eine lasche Erziehung. Eltern heutzutage, gerade die von den „schlimmen“ Kindern und Jugendlichen, sind oft sehr mit sich selbst und den zahlreichen eigenen Problemen beschäftigt oder so kulturfern, dass sie ihren Sprößlingen zu wenig mitgeben.

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