Zwischen Glaube und Hoffnung

Der Tag, an dem ihr Onkel und ihr Vater sie an ihren Haaren aus der Wohnung der Freundin rissen, war der Tag, an dem wir aufgehört hatten, an den Integrationswillen ihrer Eltern zu glauben. Sie hatte immer für ihre Familie einstehen müssen, hatte sich nachts um die Babyschwester, tagsüber um den Haushalt und Übersetzungen bei Ämtern und irgendwann zwischendurch darum kaum um die Schule kümmern können, und alles trotzdem irgendwie hinbekommen. Aber nun wussten wir: Ihre Eltern würden sie nie freigeben.

Dass sie nur wenige Wochen später mit Kopftuch zur Schule kam, schien uns zu bestätigen. Zwei Tage war sie nicht gekommen, wahrscheinlich, weil sie sich schämte, dachten wir, denn als sie wieder da war, verteidigte sie die Kopfbedeckung nur halbherzig. Aha, egal, was sie sagte, die Eltern hatten es ihr jetzt aufgedrückt, meinten wir, denn es passte zu all dem, was wir von den Eltern wussten.

Doch dann kam der Tag, an dem man ihre Haare wieder sah und sie erklärte, ihre Mutter habe ihr das Kopftuch verboten. Und all unsere Gedanken zur Familie und ihrer Integration wurden wieder durchgeschüttelt. Also war doch sie es, die es hatte tragen wollen, die einerseits in einer Islamschule Nachhilfe hatte geben wollen, während sie andererseits aber mit ihren internationalen, christlich-geprägten Freundinnen sowieso schon ohne in den Freizeitpark gegangen war.

Ein Mädchen. Eine Person, an der all die Zerrissenheit so, so, so deutlich wird. Sie ist nicht ganz hier zuhause, kann es nicht sein, aber dort auch nicht, denn dafür ist sie zu sehr hier. Sie will sich emanzipieren von den Eltern und sich der deutschen Gesellschaft zuwenden, aber wenn sie zurückkehrt in den Schoß ihres Glaubens, fordert der je nach Auslegung so ganz anderes von ihr. Und auch die Familie zerreißt es. Gerade weil die Mutter Heimweh nach den kurdisch-türkischen Bergen hat, ist sie häufiger fort, weniger greifbar, muss die Tochter auf die Geschwister hier achten. Nicht hier, nicht da. Dazwischen. Weil die beiden Kulturen doch so anders sind.

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5 Kommentare zu „Zwischen Glaube und Hoffnung

  1. Wundervoll beobachtet und geschlussfolgert. Eigentlich irgendwie logisch und doch vielfach so schwer. – So kurz dieser Text ist, so eindringlich und lehrreich ist er – wäre eine Kolumne in allen Zeitungen dieses Landes wert!

    (Hast Du schon mal daran gedacht, so was zu schreiben, liebe Stefanie? Du könntest es, auf jeden Fall könntest Du es … 🙂 )

    Liebe Sonntagsgrüße an Dich!

  2. Fein beobachtet und sehr differenziert geschlussfolgert! Und obendrein in einem wunderbaren Eintrag öffentlich gemacht. – Der Text wäre eine Kolumne in allen Zeitrungen dieses Landes wert.

    Hast Du schon mal daran gedacht, als Kolumnistin zu schreiben, liebe Stefanie?

    Liebe Grüße an Dich!

    1. Ach, dafür müsste ich kämpfen und mich vermarkten und meine Dinge rumschicken. Ich glaube, das wäre mir zu zeitaufwändig. Wenn ich kleine Gruppen erreiche, ist das für mich genug.
      Aber wenn du wen kennst, kannst du es natürlich empfehlen 😉

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