Trennungsaufruf

Politik und ich … Das ist nichts, was unbedingt zusammenfindet, vielleicht auch, weil ich glaube, alles besser zu können, es aber nie ausprobieren wollte, da ich weder die Verantwortung haben noch gegen Lobbyisten kämpfen (oder schlimmer: ihnen zuspielen) wollen würde.

Aber die Nervenbahnen drehen sich mir als Lehrerin doch um, wenn es heißt „Wir haben kein Kind zurückgelassen“. Wir haben hunderte zurückgelassen. Gerade erst heute musste ich eins „zurücklassen“, weil ich einsehen muss, dass die Art und Weise, wie wir Flüchtlingskinder inkludieren wollen, so nicht für jeden funktioniert. Ich habe Anträge für zusätzlichen Deutschunterricht gestellt, weil ich Schüler in der 5. Klasse hatte, die weder lesen noch schreiben (geschweige denn rechnen) können, und keiner ist bewilligt worden. Nein, Deutsch müssen wir in der Schule auffangen, sind aber zweieinhalb Stellen, davon eine Förderlehrerstelle, im Unterhang und können gar nichts auffangen.

Alle Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrer, die ich kenne, kämpfen. Um jedes Kind. Wir wollen ihnen Grundzüge vermitteln, wir wollen die drei Jahre auf der Flucht aufholen, wir wollen ihnen Perspektiven und wieder ein gutes Leben geben, wollen irgendwie mit ihnen verarbeiten, was sie in Träumen plagt. Aber – wie immer – lastet zu viel auf zu wenigen.

Das schlimme ist, dass ich für meinen Bereich nicht mal Vorwürfe machen kann. Es ist ja sowieso zu wenig Personal da. So wenig, dass ungeschultes eingestellt wird. ABER für den Inklusionsbereich kann ich ohne Ende vorwerfen und mit langen Listen aufzählen, was wann alles wie nicht klappt, weil Übergestülptes, Konzeptloses niemals funktionieren kann. Man kann nicht etwas zubilligen, wenn man keine Ahnung von der Ausführung hat. Es baut ja auch niemand etwas, ohne es nicht vorher geplant zu haben. (Außer Lego oder Duplo.) Wir gehen nicht mal ohne Plan einkaufen. Aber wir unterrichten wohl ohne Plan und ohne Zusatzqualifikation Kinder mit unterschiedlichen unterschiedlich ausgeprägten Einschränkungen und Auffälligkeiten. Das wird schon klappen.

Und so reizt es mich, vor bestimmte Haustüren zu brechen, wenn ich „Kein Kind wird zurückgelassen“ höre. Und ich kann sie nicht wählen, diese unstrukturierte Brühe aus gutem Willen und mangelnden Kompetenzen. Bildung und Politik gehören auseinander. Und mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

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23 Kommentare zu „Trennungsaufruf

    1. Was möchtest du denn noch wissen? Wie es funktionieren kann, ohne staatl Oberhoheit? Keine Ahnung.
      Interessant ist aber, dass meistens kleine oder einzelne Schulen mit progressiven Ideen für ihre Konzepte ausgezeichnet werden. …

      1. Ich meinte das eher im Sinne von „den Mund aufmachen“ gerade weil du die Ahnung hast & die Probleme kennst. Aber in deinem Blog darüber schreiben ist schon mal gut.

  1. Alles was du beschreibst, kann ich bestätigen. Ein großes Hemmnis zu einer Verbesserung sehe ich in den Kultusministerien, in denen sich jede Landesregierung scheinbar ein Denkmal setzen will. Schnellschüsse ohne Hintergrund, Einführung der Inklusion ohne Schaffung der Voraussetzungen, A8 ohne Änderung der Inhalte usw. Eine von dir angedachte Trennung halte ich für durchaus überlegenswert. Vielleicht ist auch eine Erweiterung der Autonomie der Schulen eine Option, um eine Privatisierung und Übernahme durch Konzerne zu verhindern.

    1. Genau, diese Kultusministerien sollten überparteilich sein und aus (ehemaligen) Lehrern (und zwar nicht den geburnouteten) bestehen. Aber. Wenn man Lehrer sein will, will man eigentlich Lehrer sein und nicht in irgendeinem Ministerium arbeiten. Ich könnte mir nicht vorstellen, Vollzeit Theorien zu überlegen. Doch wer weiß, vielleicht sehe ich das in einigen Jahren ja anders?!

      1. Das ist der Punkt, ich habe mich auch gegen eine Stelle als Konrektorin und später ein Angebot des Schulamts entschieden, weil ich vermitteln, motivieren will und nicht verwalten. Wenn diese Leute sich nicht so überaus wichtig nehmen würden, hätten sie sich längst ein Beispiel genommen an besseren Modellen, die in der EU ja durchaus existieren, von Neuseeland erst gar nicht zu reden, wo das System nahezu perfekt und zum Wohle der Schüler – aller Schüler – funktioniert.

      2. Mein ältester Sohn lebt dort mit drei Kindern, die dort in Kita und Schule sind. Eine dreizehnjährige Enkelin ist gerade nach einem Auslandsjahr von dort zurück gekommen. Sie hat wöchentlich Berichte geschrieben, um mich an ihrem Leben dort teilhaben lassen und sich natürlich gerade zu Beginn über die extremen Unterschiede ausgelassen. Dabei bestehen diese nicht nur bei der Ausrichtung, sondern auch in einem Menschenbild, das ich aus den Achtzigern auch noch kenne. Es gibt vielfältige Angebote, die Schüler werden motiviert, zu Leistung durch Selbstdisziplin und zum selbstständigen Denken ermutigt. Johannas Schule hat 12 versch. Sportangebote, Räumlichkeiten für Modeateliers vom Zeichnen bis zur Ausführung, Schauspielgruppen und Filmgruppen, wo vom Schreiben eines Drehbuchs über Filmen, Schneiden und digitaler Szenenerstellung alles gelernt werden kann, Biologieunterricht, in dem geforscht wird und der dem Naturschutz einen großen Raum bietet. Die Schüler sind so motiviert, dass sie selbst Projekte entwickeln und in den Ferien in Teams ausarbeiten. Dazu können sie jederzeit die Schulräume nutzen. Das fängt spielerisch schon in den Kitas an, die ohne „Unterricht“ vermitteln und zweisprachig Maori und Englisch im ganz normalen, freudvollen Umgang ausgerichtet sind, wodurch unsere Vierjährige schon Deutsch, Englisch und Maori sprechen kann und will. Der Schulanfang ist fließend und von fünf bis sieben Jahren möglich, wie in den früheren Eingangsklassen, wo die ersten beiden Jahre zusammengefasst und durchlässig waren, bevor dann alle in die zweite Klasse gingen.
        Johanna war hier eine sehr gute Schülerin, aber sehr ängstlich und in Panik vor Versagen, Sport fand sie grauenhaft, weil sie eher zu den schwachen gehörte. Sie ist als von Ängsten befreiter Mensch zurückgekommen, hochmotiviert, schnellstens zu ihrem Abschluss zu kommen, machte dort gerne Sport, weil ihre Schwächen nicht zur Demütigung genutzt wurden, hat bereits einen kleinen, feinen Film gedreht und schreibt in ihrer freien Zeit an einem Roman auf Englisch, dessen Kapitel sie mir zur Kritik und Korrektur schickt. Bücher dazu habe ich nicht. Ach ja, das war keine Privatschule.

      3. Ich würde da eigentlich gerne mehr drüber wissen, also ob es neuseelandweit so ist oder ob deine Familie dort eher Glück hatte und wie das dort politisch aussieht. Wer also die Oberhoheit über das System hat.
        Dass z.B. in Finnland nun auf solche Schulprojekte umgewandelt wird und man nicht mehr fachgebunden unterrichtet wird, erinnert mich an deinen Bericht.
        Lieber Gruß!

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