Kleinstadtleben

Ihr Zuhause war die Kleinstadt. Gewesen. Es hatte viele Menschen mit kleinen Hirnen und großen Mäulern gegeben. Das eine hatten sie sich zermartert, das andere hatten sie sich zerrissen, sobald sie sahen, dass jemand anders war. Anders.

Normal war: Mädchen standen auf Jungen. Über Mädchen mit schwarzen Freunden wurde gelästert. Über Mädchen mit zu vielen Freunden wurde geschimpft. Über außereheliche Verhältnisse wurde leise getuschelt, bis über sie laut getratscht wurde. Über tanzende Jungen wurde gelacht. Frauen arbeiteten weniger als Männer, meistens gar nicht. Nur wenn sie geschieden waren. Dann mussten sie. Halbstarke legten ihre Autos tiefer und fuhren Prollrunden durch die eine Einkaufsstraße, die es gab, weil sie sich sonst nirgendwo in Szene setzen konnten. Außer im Schwimmbad. Im Sommer. Wenn es ein guter Sommer war. Dann verlegte sich der Fokus auf den Fünferturm.

Kleinstadt war ein kleiner Kosmos. Irgendwie behütend. Irgendwie einzwängend. Viele brachen aus. Nur wenige ließen sie wirklich hinter sich.

Aber Kleinstadt war auch etwas, das sie mit Feldern, mit Geruch nach frischgemähtem Vorgartengras, mit Spielen im Freien und Naturmomenten, mit unbeschwerter Kindheit und kurzen Schulwegen, mit ersten Schwärmereien und lebenslangen Freundschaften verband. Es war zwar das, wo sie nie wieder hinwollte, aber auch das, wo sie nie verleugnen würde, hergekommen zu sein.

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9 Kommentare zu „Kleinstadtleben

  1. Jede Zeile weckt Erinnerungen an die Kindheit und Jugend auf dem Land. Und ein Lächeln, weils hier Mitten in den Bergen der Kosmos winzigklein erscheint und doch lebendige, bunte, multikulturelle Vielfalt herrscht.

    1. ‚Wie ist das eigentlich, nur mit einer Mama aufgewachsen zu und ständig umgezogen zu sein‘ – ‚woher soll ich wissen wir es war, mit fehlt die Erfahrung des Anderen um es zu werten, ich bin halt so aufgewachsen und es war normal für mich‘ ; diesen Wortwechsel hat mir mal eine Freundin zitiert.

      Ich denke es ist jedem überlassen ob ihm (dem Menschen) die eigene Welt gefällt oder nicht. Oh du also Glück hattest oder nicht. . . Eh. Who am I to judge.

    1. ach, es geht, mir machte es schon was aus. ich bin oft in die nächste Stadt gefahren. Und besonders als mein Bruder wegen seiner Art ausgelacht wurde und die Schule wechselte, war Kleinstadt (diese eine zumindest) für mich passé. Er ist schwul und lebt mittlerweile in einer Großstadt. Und vielleicht ist das immer noch besser.

      1. Oh ja, das kann ich mir vorstellen. Bei mir im Jahrgang gab es das offizielle Coming Out eines Mitschülers erst nach dem Abi.

      2. Mein Bruder hat schon ab der 5. Klasse auf dem Schulhof getanzt … und andere Klischees erfüllt. Jungen haben sich gar nicht getraut, mit ihm Freundschaft zu schließen, weil dann ja … was weiß ich, hätte passieren können.

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