Ringe (Andere Zeiten)

Keinen Ehering sah sie aufblinken und obwohl sie sich für modern hielt, schockierte es sie ein wenig, vielleicht wegen der zwei wundervollen Kinder, die den Mann und die Frau so eindeutig als ihre Eltern adressierten. Sie hatte immer von sich gedacht, dass sie progressiv wäre und offen. Auch sie hatte einmal eine Beziehung gehabt, von der sie geglaubt hatte, dass sie ohne Ehering in ihr glücklich werden würde. Aber als dann nach Jahren immer noch keiner an ihren Finger gesteckt worden war, hatte sie einsehen müssen, dass man das erhält, was man dem anderen möglicherweise unbewusst suggeriert, obwohl man das eventuell nur tat, um die andere Person zu halten.

In ihrem Herzen, das hatte sie anschließend gewusst, war sie bei weitem nicht so fortschrittlich gewesen, dass sie ohne dieses Zeichen der offiziellen Zusammengehörigkeit glücklich hätte sein können. Und als sie jenem Mann damals vorgeworfen hatte, dass er nie etwas Ernstes mit ihr im Sinn gehabt hatte, hatte er sie nur verwundert angesehen und gemeint: „Nichts Ernstes? Glaubst du das wirklich? Und hast du nicht immer gesagt, du brauchst keinen Ring?“ – Danach hatte es nie mehr sein können, wie es vorher gewesen war, und die Trennung war unvermeidlich gewesen.

Nun blickte sie auf die miteinander lachenden Eltern am Nachbartisch und fragte sich, ob nicht der einzige Mann, den sie für immer allumfassend hätte lieben können – und wollen, eben jener war, der ihr nie einen Ring gekauft und in theatralischer Geste überreicht hätte.

Wäre sie doch nur in ihrem Herzen tatsächlich modern gewesen …

Advertisements

5 Kommentare zu „Ringe (Andere Zeiten)

      1. Manchmal sind Pausen ja schneller vorbei als vorher gedacht … Ich merkte nur, dass ich gerade nicht ganz dabei sein kann. Ich danke Dir. Bis bald. Herzlichen Gruss, Melanie

      2. Ja, das kenne ich. Ganz dabei bin ich seit zwei Wochen auch nicht mehr. Vorher habe ich mich zu täglichen „Veröffentlichungen“ gezwungen, nun schreibt’s sich, wenn’s sich schreibt. Lieber Gruß!

  1. Gänzlich modern ist letztlich doch nur, sich keinen Deutungshorizonten und Erwartungen hinzugeben. Weder den überdauerten, noch den modernen.
    Das zu tun/lassen, was sich mit der eigenen Ansicht vereinigt. Egal wodurch die bestimmt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s