Körpergefühl (Andere Zeiten)

Ein Kleinlaster auf dem Weg zu einer Dessouskette ratterte auf dem Kopfsteinpflaster an ihr vorbei. Ihre Blicke folgten der Frau auf der Seitenwand, die sich lasziv auf weißem Fell ausstreckte und ihre unnatürlich langen Beine in den Himmel reckte. Ein kleines Lächeln huschte da über ihr Gesicht und verschob ihre Falten fast vor die Augen: Ach, noch einmal jung sein und sich einbilden, man müsse so aussehen, wie irgendwelche Werbegestalten …

Dabei kam es nie auf die Rundungen oder Nicht-Rundungen des Körpers, nie auf die Zartheit der Haut, nie auf den Glanz der Haare an, sondern stets nur darauf, ob die Freude am Dasein aus dem Innersten schien, ob man mit dem, was einem die Natur gegeben hatte, umzugehen wusste. Leggings bei Stempeln und bauchige Oberteile bei großem Busen demonstrierten das aber gerade nicht.

Als Modistin früher hatte sie durchaus auf ihren Körper Wert gelegt, hatte gesund gegessen und sich ohne Auto durchs Leben bewegt. Aber hungrig hatte sie nie ausgesehen, dafür war sie zu gern Frau gewesen: Sie hatte ihre Hüften durch die Stadt geschwungen, hatte ihr Haar vom Wind verwirbeln lassen und den Menschen entgegengelacht.

Natürlich hatte es auch damals schon Jammerfrauen gegeben, nämlich solche, die zu viel Zeit hatten, sich über zu Nichtiges Gedanken zu machen. Und natürlich hatte es, gerade als Folge des Wirtschaftswunders, bereits zu kräftige Frauen gegeben, die die Finger von Zucker und zu viel Fett hätten lassen sollen. Aber in ihrem Umfeld hatten die Frauen sich zu kleiden gewusst, hatten aus mancher fehlenden und mancher ausgeprägten Rundung das Beste gemacht. Und nur darauf kam es an, oder? Das Schönste aus einem gesunden Körper und das Beste aus dem eigenen Leben zu machen.

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3 Kommentare zu „Körpergefühl (Andere Zeiten)

  1. Hiho,
    gerade ein Thema, dass auch mich sehr beschäftigt. Ich kenne viele Frauen in meinem Umfeld, die damit Probleme haben, die meinen sie müssten für Männer oder sonst wem so aussehen, wie diese Models. Aber sich in seiner Haut wohlfühlen, fällt dabei da leider hinter runter. Sehr schade eigentlich.

    1. Ich nehme an, dass das etwas ist, das sich vermutlich nie ändern wird bei uns Frauen … Schade eigentlich. Und dumm, dass man oft erst nachher feststellt, wie toll man eigentlich aussieht bzw. ausgesehen hat 😉

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