Altersverwischungen

Es gibt Frauen, die man „Mädels“ nennt, und Männer, die man „Typen“ nennt, und damit drückt man das Dazwischen aus. Nicht mehr Junge und Mädchen, nicht wirklich erwachsen. Aber dieses Dazwischen wird immer länger und länger.

Und nur ganz wenige haben den Stempel „Mann“ tatsächlich verdient. Einer von ihnen begegnet mir mehrmals die Woche. Keine würde ihn als Typen bezeichnen. Vielleicht, weil er die grauen Haare und Fältchen hat, die ihn als jenseits der 40 markieren. Würde man ihn über irgendeinen Internetflirtdienst kennenlernen, wäre aber vielleicht auch er wieder nur ein „Typ“.

Anders bei meinen Eltern, speziell hier bei meiner Mutter. In meinen Augen war sie – natürlich – immer schon erwachsen. Ich habe es gar nicht in Frage gestellt. Hat sie das? Keine Ahnung. Wenn man sich Fotos ansieht, würde ich auch heute noch sagen, dass sie meiner Definition von erwachsen entspricht, zumal wenn man das mit „ein bisschen altbacken“ gleichsetzt. Mit 34 sah meine Mutter so aus. (Sicher auch kein vorteilhaftes Foto, aber Fotos allein von ihr von Kopf bis Fuß sind so gut wie nicht-existent. Und ja, hinzu kommt, dass es kein vorteilhaftes Modejahrzehnt war). Und ich jedenfalls so (wenngleich mein Gesichtsausdruck leider leicht debil ist…).

 Beide sind wir festlich zurecht gemacht. Sie für meine Kinderkommunion. Ich für ihren 60. Geburtstag. Eine von uns würde man nicht anders als als Frau und eine nicht unbedingt als solche, sondern eher als mädchenhaft bezeichnen. Oder? Ich habe mich besser gehalten. Keine Kinder, keinen mich selbst dauernd kritisierender Ehemann, keinen Zwang irgendjemand zu sein, der ich nicht bin.

Sie wiederum sah selbst dann an ihrem 60. so aus:

Was sie so verjüngt hat? Keine Kinder mehr zuhause und keinen einengenden Partner zu haben. Sie konnte sein, konnte werden, sich kleiden, sich entwickeln, wie sie es wollte. Ich glaube, wir alle können uns glücklich schätzen, dass wir in einer Zeit leben, in der das möglich ist. Es sind nicht die Tinkturen, der dauernde Sport, irgendwelche OPs, von denen weder meine Mutter noch ich je welche hatten, die uns „gut erhalten“ sein lassen, sondern wir sind es, wenn wir ein Leben leben, das gut für uns ist, wenn wir Dinge tun, die uns Spaß machen.

Ich selbst würde momentan nicht über mich sagen, dass ich eine „Frau“-Frau bin, weil noch sehr viel von jenem mädchenhaften in mir ist. Vielleicht ist das etwas, das bleiben wird. Wer weiß? Und die Frage nach dem Erwachsen-Sein als solchem stellt sich mir nicht. Ich bin.

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9 Kommentare zu „Altersverwischungen

  1. „Was sie so verjüngt hat? Keine Kinder und keinen Partner zu haben. Sie konnte sein, konnte werden, sich kleiden, sich entwickeln, wie sie es wollte.“

    Hierüber bin ich ein bisschen „gestolpert“, liebe Stefani. Können wir wirklich nur (wieder) jung bleiben (sein), uns kleiden und entwickeln, wie wir wollen, wenn wir keine Kinder, keinen Partner haben? – Nicht, dass mir nicht schon ganz ähnliche Gedanken, Mutmaßungen durch den Kopf gegangen sind, nein das nicht.

    Im Gegenteil …

    Aber mich verstören diese Gedanken und vor allem ihr „zu Ende denken“. Wie wahr sind diese Gedanken? Und wäre diese Wahrheit nicht ein ganzes Stück der Negation unserer selbst als Menschen, die wir doch als solche letztlich nur in biosozialem Kontext existieren, überleben können?

    Liebe Grüße an Dich!

      1. Das „mit dem sich zurücknehmen“, das stimmt natürlich. Jede Partnerschaft, jede Ehe, jede Familie bedingt das ein Stück weit, erfordert das. –

        Jetzt verstehe ich Deine Intension besser.

        Konnte mir, ehrlich gesagt, auch nicht vorstellen, dass Du es anders gemeint hattest.

        Etwas hin- und hergerissen ist man dennoch immer wieder – ich nehme mich da gar nicht aus. Mir geht es jedenfalls so, dass ich mein Leben doch immer wieder hinterfrage. Und deshalb habe ich den Gedanken, der sich mir in Deiner Ursprungsversion so offensichtlich darstellte, schon ernstgenommen.

        Um nun aber denn doch mal ganz auf Dich zurück zu kommen: Durch die Zeilen, die ich hier lesen darf, sehe ich Dich ohne Abstriche als sehr erwachsen an – wobei mir wicdhtig ist, hinzuzufügen, dass ich damit eine moderne, zeitgemäße Art udn Weise des Erwachsenseins meine. Die ist schon mit der von vor dreißig Jahren nicht mehr zu vergleichen. „Mädel“ sage oder denke ich eher über Frauen (darunter sehr erwachsene), die für mich eine besondere Sympathie verkörpern, eine spezielle Lebensart und Ausstrahlung, für die ich dankbar bin, die mich begeistert. Diese besondere Art und Weise finde ich bei Frauen jeden Alters, ich nehme sie insoweit weniger als Indiz für ein „Dazwischen“ als für eine spezifische Besonderheit wahr.

        Bei Männern ist’s für mich schwerer. Irgendwie geistern da bei mir zwidschen den „Typen“ und „Männern“ immer auch noch „Jungs“ herum. Und auch die können durchaus sehr erwachsen sein.

        Na, ich will’s mal nicht zu sehr zerfusseln – Aber Du siehst, dass und wie Du mein Gedankenkarussell angeschmissen hast, mit Deinem Text, liebe Stefanie! 😉

        Nochmal liebe Grüße!

      2. Ich denke, das Hinterfragen ist wichtig. Das hat meine Mutter für mein Verständnis zu wenig gemacht, sie war zu wenig egoistisch, was uns Kindern zugute kam, aber ihr selbst nicht.
        Jungs können bei mir nicht erwachsen sein, und ich nenne eigentlich auch nur noch Schüler so (oder die „Jungs“ aus meiner Clique, aber das kommt einfach noch durchs gemeinsame Aufwachsen); ansonsten sind Männer eher Typen als Männer, was ein bisschen abfällig ist bzw. oft flüchtige Bekanntschaften meint.

  2. Ich habe mich mehrmals gefragt, wo die mir einst bekannten, unternehmenslustigen, fröhlichen, flippigen jungen Mädchen sind, wenn ich nach zehn oder mehr Jahren alte Schulkameradinnen wieder traf. Es war traurig, diese teils verbitterten/deprimierten, oft resignierten Frauen zu sehen – alle verheiratet und mit Kindern.
    Aber das allein ist es nicht, auch mit Kindern und/oder Mann kann das Leben spannend und lebenswert sein. Ich glaube, das Elend beginnt damit, sich Konventionen zu beugen, Entscheidungen anderer zu leben, mit dem Festsitzen an einem Ort, dem Haus im Garten der Schwiegereltern. Da sitzt man nun, festgezurrt in einer freudlosen Situation, die man so nie gewollt hat und mit dem Gefühl, dass es bis ans Ende aller Tage so weitergehen wird.
    Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man sich bewusst für etwas entscheidet und dies bei Kenntnis aller möglichen Konsequenzen und gegen Widerstände mit Freude durchzieht. Dann hauen einen auch Rückschläge nicht um. Natürlich bedeuten Kinder, Beziehungen allgemein, immer auch Verzicht, müssen aber nicht davon geprägt sein. Das funktioniert aber nur dann, wenn man es wirklich bewusst will. Es gibt so viele sinnvolle, freudvolle Dinge, für die man sich in seinem Leben entscheiden und einsetzen kann, das müssen nicht zwangsläufig eigene Kinder sein.
    Ich selbst habe mich für meine Kinder bewusst entschieden, mit ihnen gelebt, gelacht, von ihnen gelernt und es keine Sekunde bereut. Dabei bin ich eigentlich trotz einer Schwächephase ich selbst geblieben. Belastend war einzig der Mann, der sich nach der Hochzeit mehr und mehr als ein Tyrann und Schlimmeres entpuppte. Als ich ihn aus unserem Leben entfernt hatte, ging es uns richtig gut. Mein Leben kann ich durchaus als selbstbestimmt, aufregend, vielfältig und vorwiegend glücklich bezeichnen, obwohl ich zweimal alles verloren und dreimal von vorne begonnen habe.
    Keine Angst – alles was Ihr wirklich wollt, gelingt, solange Ihr dahintersteht. Zieht es durch, es ist Euer Leben.

    1. Bei meinen Freundinnen habe ich diesbezüglich eher Glück gehabt, aber vielleicht ist das auch die Generationenfrage, auf die ich im Artikel ein bisschen anspiele. Meine Freundinnen sind alle recht locker mit ihren Kindern, gehen relativ schnell wieder arbeiten, machen sich immer noch zurecht und sind immer noch hübsch, achten auf sich, ihren Körper, ihr Äußeres, ihren Kopf. Natürlich können wir nicht mehr so viel rausgehen wie vorher, aber dazu habe ich selbst auch momentan keinen Nerv mehr, von daher ist das ok.
      Auch die Entscheidung meiner Mutter für die Kinder war eine sehr bewusste. Sie wollte welche haben, sie haben in ihr Lebenskonzept gehört. Aber wie bei deiner Beschreibung, so war auch ihre Männerwahl aus verschiedenen Gründen nicht so gut/passend. Wie du musste sie dreimal, eigentlich viermal neu beginnen, und erst jetzt hat sie für sich klar, was sie will.

      1. Das ist mit Sicherheit ein Generationending. Bei meiner Tochter, meinen Schwiegertöchtern und deren Freundinnen erlebe ich auch eher das, was du beschreibst. Allerdings bei vielen auch große Zukunftsängste und da möchte ich gerne ein bisschen Mut machen und unterstützen.

  3. Erwachsen, was heißt das schon? 😉

    Aber es stimmt wohl tatsächlich, dass die innere Einstellung und wie sehr man sich in seinem Leben wohlfühlt große Auswirkung nicht nur darauf hat, wie alt man sich fühlt, sondern auch wie alt man wirkt.

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