Erwachsen (Charaktere)

Mit 18. Definitiv. Da hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt endlich für mich entscheiden kann. Nein, das stimmt nicht. Ich musste ja noch weiter zur Schule gehen. Musste und wollte. Dann vielleicht mit 19 als ich mein Abitur hatte? Hm. Nein. Eigentlich da auch nicht. Oder mit 20 als ich für ein Jahr alleine nach Neuseeland ging? Freiheit gab es ohne Ende. Aber weil ich nicht immer dann einen Job fand, wenn ich einen brauchte, musste ich auf meine Eltern zurückgreifen. Finanzielle Abhängigkeit zerstört das Erwachsenengefühl. Und so war es dann auch mit der Studienzeit. Nebenbei habe ich gearbeitet, klar, aber nie hätte ich mir Studium, Praktika, Auslandssemester ohne meine Eltern leisten können. Also nein, Erwachsensein war auch da nicht drin.

Nach dem Studium? Als ich aus der letzten Prüfung rauskam, hatte ich auf jeden Fall dieses absolut umwerfende Gefühl in mir, dass die Welt mir offenlag. Ich würde alles erreichen können, würde jede Richtung einschlagen können, würde nur entscheiden müssen, was ich machen wolle. Und ob ich aus meiner Studienstadt verschwinden und woanders neu anfangen sollte. Das sind Erwachsenenentscheidungen. Also ja, da hab ich mich schon erwachsen gefühlt.

Mittlerweile habe ich einen Job in einer Werbeagentur. Nicht unbedingt mein Ziel, aber ich kann lernen dort. Lernen hat ja nicht mit Nicht-Erwachsensein zu tun. Und ich lebe in einer WG. Aber das ist eine bewusste Entscheidung: Ich habe ein anderes Lebenskonzept als meine Eltern. OK, ich bin 33 und Single. Ab und zu vögle ich noch ziemlich durch die Gegend. Das heißt aber nicht, dass ich keine Frau und Kinder will. Aber dazu fühle ich mich noch nicht bereit. Nicht erwachsen genug vielleicht. Muss man denn erwachsen werden? „Aus etwas erwachsen“ muss man. Bin ich ja auch. Immer wieder: Aus den Klamotten, der Jugend, der Schule, dem Studium. Ich bin herausgewachsen aus mir und der Person, die ich war. Also bin ich erwachsen. Aber ich wachse weiter.

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30 Kommentare zu „Erwachsen (Charaktere)

  1. „Erwachsen werden“ ist ja so eine Sache. Ich bin es nie geworden – und froh drum. Erllaubt es mir doch immer wieder und noch „Kinderspiele“ zu spielen (Ist das „Netz“ eines davon ?) – Immerhin habe ich mittelerweile gelernt, in den letzten 14 Jahren in Berlin nicht alle (durchschnittlich) 6 Monate die Beziehung, die Wohnung und den Job zu wechseln.

    Vielleicht ist diese „Stabilisierung“ ja erwähntes „Erwachsen werden“ – ich weiß es nicht und will es auch garnicht.

    1. Aha, du fudelst dich jetzt unter anderem Namen hier ein, hm? 😉
      Was waren dir denn die liebsten Jobs? Oder war es immer der gleiche nur bei einer anderen Unternehmung?

  2. Sehr tolle Beschreibung eines Lebensgefühls. Es überzeugt mich! Sollten Lehrer und Eltern unbedingt lesen und verstehen! Zu meiner Jugendzeit haben wir revoltiert 😉 Geht wohl nicht mehr so einfach!!

  3. „Lernen hat ja nicht mit Nicht-Erwachsensein zu tun.“ – Wohl wahr. Ich wollte auch einmal Lehrer werden, weil ich es als das verantwortungsvollste Metier überhaupt hielt: Junge Menschen über den größten Teil des Tages „unter sich“ – jedenfalls verantwortlich zu begleiten und zu „formen„. Daraus ist nichts geworden, weil ich (ähnlich verantwortlich) beim Theater gelandet bin.

  4. Interessanter Text. Ich überlege, wer ich nun bin. Weniger emotional vielleicht, aber noch immer die gleiche Person. Und damit bin auch ich gewachsen. Und das ist gut.

  5. „Never grow up! It’s a Trap“ Dieser Sprucht kreist schon seit einigen Tagen in meinem Kopf und nun kann ich ihn endlich mal anbringen^^. Muss man wirklich erwachsen werden? Hat nicht jede seine ganze eigene Art mit dem Alter und den damit verbundenen Verantwortungen umzugehen? Bedarf es dafür wirklich des Prädikats „Erwachsen“? Ich glaube kaum.

      1. Hm, sie sind zumindest erwachsen da drin, so zu tun als seien sie es. Aber sie werden doch genau so von Unsicherheit und Freude und allen anderen Gefühlen gestreift wie jeder andere Mensch auch, daher denke ich, dass es keine solcher Trennung bedarf. Und meine Eltern sind garantiert nicht erwachsen, wenn ich für meine Mutter die Bewerbungen schreiben muss, dann zeigt mir, dass das sie nicht erwachsen ist^^.

      2. Ich frage mich, wie erwachsen Eltern sind. Irgendwie wird man ja in diese Position rein“gezwungen“. Logisch freiwillig (falls man nicht ungewollt schwanger wird), dennoch… Irgendwie ist man sich doch nicht bewusst, was es bedeutet. Dass die Kindheit und Jugend einfach vorbei ist und man eben erwachsen werden muss/sollte. Verantwortung nennt man das wohl…

  6. Erwachsen… wann ist man das? Wenn man den ersten eigenen Versicherungsvertrag unterschrieben hat? Oder wenn man keinen Spaß mehr daran findet, sich quer zum Hang zu legen und runterzurollen? Was letzteres Kriterium betrifft, bin ich zum Glück noch nicht erwachsen 😉

    Allerdings musste ich mir letztens anhören: „Wie, du bist erst dreißig? Ich dachte, du wärst älter, du bist immer so vernünftig.“ 😦 Irgendwas mache ich falsch…

  7. Das erste Mal erwachsen war ich nach dem schriftlichen Abi. Dann bei der Geburt der Kinder und dann als ich anfing mir mehr Sorgen über meine Eltern zu machen als meine Eltern über mich. Ich hoffe, das es nicht noch schlimmer kommt

    1. Aber wichtig ist ja, dass du zwischendurch offenbar immer wieder „unerwachsen“ warst/bist. …
      Ich bin es nicht. Aber ich habe auch keine Kinder und meine Eltern sind noch soweit klar. Sorgen habe ich mir allerdings schon als Teenie um sie gemacht. Vielleicht wirkte ich deswegen damals auch schon erwachsener, als ich war.

      1. Ich würde „erwachsen“ am ehesten mit Verantwortung gleich setzen. Und wenn einem bewusst wird, dass man Kompromisse machen muss

  8. Ich fühle mich so ertappt. Ertappt dbei, dass ich das Gefühl habe, mir die Frage auch mal stellen zu müssen. Ich hab mir sogar ein paar Notizen zu dem Thema gemacht. Andererseits schiebe ich es immer heraus, es gründlich zu durchdenken (d. h. dann auch darüber zu schreiben). Es dann nicht zu veröffentlichen wäre ja nicht schlimm, ich habe vielmehr Angst, dass mich das Ergebnis enttäuscht … und zwar egal wie es ausfällt.

    1. Hm, gerade dann wäre ein Abwägen ja eigentlich interessant. Und kann dich das eine oder andere wirklich enttäuschen? Für beide Ergebnisse gäbe es ja durchaus positives 🙂

  9. Die Alternativen sind: Du bist bald 28, hast 8,5 Jahre studiert und es immer noch nicht geschafft, erwachsen zu werden/du bist noch keine dreißig und so erwachsen, warum gibst du die Freiheiten auf, die du dir nehmen könntest/Dich nervt die ewige Ungewissheit des Lebens, aber du willst dich ja noch nichtmal bei dir selbst auf irgendwas festlegen. In meiner Rolle als konformistischer twentysomething gibt es meinem Zustand nichts Positives abzugewinnen, das steht so auf dem Rollenkärtchen. 😉
    Aber ja, positives gibt es immer. Das Dumme mit dem Positiven ist nur, dass ich mir das immer mühsam einreden muss, die negativen Aspekte kommen immer von allein.

    1. Die Ende-Zwanziger-Problematik … Ich kannte sie auch.
      Wichtig wird sein, dass dein Leben dich so zufrieden macht, dass du alle Entscheidungen, die du getroffen hast und nach denen du noch lebst, auch nun noch verantworten kannst. Ist das nicht so, muss was geändert werden.

  10. Ha, ja. Wann ist man erwachsen? Mein Opa ist mit 90 noch ein Kind. Auch das geht. Ich bin am Anfang meiner Zwanziger und suche gerade nach meinem Weg. Vielleicht willst du mal vorbeischauen, bin ganz neu dabei.. zwanzigdarling.wordpress.com

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