Übrig (Charaktere)

Mein Leben hätte ich für dich gegeben. Alles hätten wir gemeinsam geschafft: Egal, wo. Wir hätten überall leben können. Ich weiß es, ich weiß es ganz genau. Manchmal sehe ich dich vor mir: Wie du die Treppen im Haus herunter gehst; wie du in dein Auto einsteigst; wie du die Gartenhecken schneidest; wie du aus dem Bad kommst und mich anlächelst und küsst.

Es ist wie ein Hauch, ein irgendwie weißer Luftzug, der mich streift: Der Vorhang zwischen jetzt und damals hebt sich für Sekunden und ein Sehnen nach dir umfasst mein ganzes Sein. Es zieht mich zu dir hin und ich habe das Messer fast in der Hand. Werde ich bei dir sein, wenn ich es nutze? Oder werde ich nur meinem Sehnen ein Ende machen?

Du und ich. Wir beide. Wir hatten einander. Wir haben alles gehabt. Und hätten noch mehr haben können. Du und ich, wir konnten uns alles nehmen. Doch du, du nahmst dir das Leben.

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18 Kommentare zu „Übrig (Charaktere)

  1. Mit diesem einen, letzten Satz, wird diese traumhaft schöne Beschreibung eines idealen, erfüllenden „wir“ zu einem bitteren Vorwurf. Zur Bitterkeit des Zurückgelassenen, der nicht verstehen kann, dass Leben manchmal zu schwer erscheint. Zu schwer, als das man sich ihm länger gewachsen fühlen könnte. Sehr berührende Zeilen!

  2. Ich kenne das sehr gut. Allerdings nicht mit einem Suizid, sondern mit einem völlig unerwarteten Tod einer Frau, die quasi irgendwie unsterblich für mich war. Ich war so wütend, so hilflos, ja. Wütend trifft es gut. Es brauchte echt lange um den Gedanken wegzubekommen. Habe mich dann eines Tages tattowieren lassen, darauf ein Motiv, von einer Karte die ich von ihr bekam. Das war richtig. So ist sie immer ein wenig bei mir. Für immer…

  3. Ergreifend. Ob sich Jemand, der sich dafür entscheidet, aus dem Leben zu scheiden, je vorher überlegt, was es für die Zurückbleibenden bedeutet? Würden sie es dann noch schaffen? Leben kann so schwer sein, aber ist es nicht viel schwerer, Menschen zurückzulassen mit einem Fragezeichen und unendlich viel Trauer und Wut?
    Deine Zeilen wühlen auf. lg kitty

  4. Ich sehe darin 2 meiner besten Freunde und mich, die die berührenden Zeilen „schreibt“ bzw lebt. Es berührt mich sehr und die Tränen laufen…ich vermisse sie beide schrecklich! Danke für diese traurigen, berührenden Worte.

      1. Ja leider, habe sie in meinem Blog verewigt. Es ist schon sehr lange her, aber es gibt immer wieder Tage und Situationen wo alles wieder da ist…
        Wenn das deine eigene Erfahrung ist, dann wünsche ich dir viel Kraft. Der Schmerz bleibt immer im Herzen, aber es wird weniger…
        LG Sina

  5. Vielen Dank für die Empfehlung deiner kurzen Charakter-Geschichten; ich fand sie alle toll, sehr gut geschrieben und lesenswert. Die ersten beiden hatte ich bereits am Ende des jeweiligen Beitrags: „Hubschraubend“ und „Bock“ bereits kommentiert.

    Zu diesem Beitrag findest du meine Meinung hier, falls du sie lesen möchtest:
    https://poetischesleben.wordpress.com/2016/10/21/kurze-charakter-geschichten-von-stefanini-kommentiert-von-nachtpoetin/

    Alles Liebe
    Nachtpoetin

  6. Sehr schön geschrieben, voller Seele und Herz und man fühlt direkt die Sehnsucht zu irgendetwas, irgendwann, was man selber mal kannte und dann kommt dein letzter Satz -„Bähm“ gemischt mit Kaltschweiß und man merkt wie Belanglos doch manch Anderes ist. Danke für deine Worte!

    1. Danke für deinen Kommentar.
      Ich glaube, so (überraschend, ohne dass Depressionen vorhergegangen sind) zurückgelassen zu werden von der einen Person, die alles für einen war, und von der man glaubte, dass man alles für sie war, gibt ein Gefühl, dessen Tiefe wir gar nicht begreifen können.

      1. Das ist allerdings leider wahr. Patti Smith hat es so „schön“ über den Tod von ihrem besten Freund Robert geschrieben: „Er- Stille schaffend. Ich, die bestimmt war, weiterzuleben, auf eine Stille lauschend, die auszudrücken ein ganzes Leben erfordern würde.“

    2. Danke für deinen Kommentar.
      Ich glaube, so (überraschend, ohne dass Depressionen vorhergegangen sind) zurückgelassen zu werden von der einen Person, die alles für einen war, und von der man glaubte, dass man alles für sie war, gibt ein Gefühl, dessen Tiefe wir gar nicht begreifen können.

  7. Sehr berührend. Der Schmerz kehrt wieder. Das muss sein. Will nicht vergessen. Ja, auch ich hätte mein Leben für sie gegeben, hab geschworen, sie immer zu beschützen. Ich konnte es nicht. Sie wurde krank und starb. Sie noch einmal lachen sehen, ganz fest in die Arme nehmen. Nicht möglich. Sie war unsere Tochter, Schwester.

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