Gechillt (Charaktere)

Klar, mein Vater hat den gleichen Beruf wie ich. Das ist ja in meinem Berufszweig oft so. Da sehen die Kinder, wie die Eltern leben und wie viel Sicherheiten die haben und denken sich: „Kann ich auch.“ Ihn aus Überzeugung machen? Naja, aus der Überzeugung heraus, ein gutes, stabiles Leben für mich und meine Frau zu haben. Das ja. Aber so mit Herz, das wären doch alles Scheißidealisten. Von denen werden Sie bei uns kaum welche finden.

Die meisten, die den Job machen, haben eine ähnliche Auffassung wie ich. In erster Linie muss man sich ja – vor allem in der heutigen Zeit – auch um sich selbst kümmern. Und wenn man einmal alle Jahrgänge durchgeackert hat, hat man Zuhause die Materialien stehen, dann kramt man die raus und gibt die nächste Stunde. Dabei mache ich auch ganz sicher nicht den Hampelmann da vorne, sondern sitze halt hinter dem Pult, wie das früher bei meinen Lehrern auch schon war. Glauben Sie mal, die Schüler haben gar keinen Bock auf dauernde Gruppenarbeiten oder Unterricht, der sie nur fordert. Die sind ganz froh, wenn die sich zurücklehnen können und den Lehrer reden lassen. Vor allem die Oberstufenschüler. Und die hab ich zum Glück fast nur. Fünfer wären mir zu anstrengend, weil ich da den Papa spielen müsste. Nein danke.

Aber eins kann man mir nicht vorwerfen: Die Großen bereite ich gut vor. Aufs Abi. Und ein witziger Typ bin ich auch. Darum ist das schon in Ordnung, dass ich das jetzt nicht aus dem puren „Ich will die Welt verbessern“- Gefühl heraus mache.  Da würde ich eh nur miese Laune und nen Burnout kriegen, weil ich sähe, wie sich nichts ändert. Lehrersein ist halt nur ein Job.

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16 Kommentare zu „Gechillt (Charaktere)

  1. Ist es sehr traurig, dass ich mir schon während des ersten Absatzes denken konnte, welchen Beruf der Erzähler hat? Aber ich hatte auch, wie du so schön schreibst, ein paar „Scheißidealisten“ als Lehrer 🙂

  2. Hmm, erraten habe ich den Beruf nicht gleich.
    Das ist die geiche Einstellung, mit der die meisten meiner Lehrer ans Werk gehen. Meine Lieblingslehrer sind zwar auch eher die, bei denen weniger Gruppenarbeit drin ist (Bei Gruppenarbeiten fällt die ganze Arbeit an mich) aber ich mag die Einstellung: „Ich mach nur meinen Job“ nicht. Meine Lieblingslehrer sind die, die selber auch ein bisschen Freude an ihrer Arbeit zeigen.

    1. Das Interessante ist genau, dass SchülerInnen Gruppenarbeit wegen der Eigenarbeit nicht gerne mögen. Dass aber das eigentlich dazu führen soll, dass ihr eigenständiger werdet.
      Meine Lieblingslehrer waren stets die, die Charakter hatten, wussten, was sie taten, und den Schülern stets zugewandt blieben.

      1. Ich würde Gruppenarbeit mehr mögen, wenn die Arbeitverteilung kein so riesiges Problem wäre. Oft haben wir Probleme uns auf Dinge zu einigen, weil entweder die Gruppe total engagiert ist und jeder sich einbringen will, oder die ganze Arbeit bleibt an einer oder zwei Personen hängen, während der Rest herumsitzt und quatscht. Das kommt allerdings ganz auf Fach und Lehrer an. In Chemie klappt das, wohl, weil Gruppenarbeits zwangsweise für praktische Experimente dazugehört, ganz gut, anderersits ist unser Deutschlehrer z.B. nicht in der Lage, wirklich Diszplin in unserer Klasse aufrechtzuerhalten, sodass die Gruppenarbeit meist eine ganze Unterrichtsstunde in Anspruch nimmt.
        Allerdings stimmt es schon, dass ich eher skeptisch gegenüber Gruppenarbeit bin, weil man nie genau weiß, ob es funktioniert oder nicht. Das Problem ist nämlich das, dass egal wie offen man sich einstellt, es immer einige gibt, die nicht bereit sind, in der Gruppe mitzuarbeiten.

      2. „unser Deutschlehrer z. B. nicht in der Lage, wirklich Disziplin in unserer Klasse aufrechtzuerhalten“ Zumindest ab einem gewissen Alter bin ich der Ansicht, dass SuS das bitteschön selbst zu regulieren haben und der Lehrer nicht mehr als Zuchtmeister auftreten muss. Aber dass dies von ihm erwartet wird, ist eins der Probleme, das zum Typ resignierter Lehrkörper führt. Die wenigsten sind nämlich von Anfang an so. Und die allermeisten ergreifen den Beruf auch auf Grund eines gerüttelt Maß an Idealismus.
        Damit will ich nicht den SuS die Schuld an der derzeitigen Situation zuschreiben, bitte nicht missverstehen. Aber die Schuld allein bei den Lehrern zu suchen, ist gerade im Netz sehr beliebt. In den meisten Fällen steckt dahinter meiner Beobachtung nach immer eine große Enttäuschung – durch sich selbst, die SuS, die Politik, die Gesellschaft. Das ist traurig. Ein wenig mehr „Das ist nur mein Beruf“ würde manchem Lehrer sogar gut tun, sonst folgen einem die Problemfälle überall hin und fressen einen auf. Wie in jedem Sozialberuf.

      3. Was bedeutet eigentlich SuS?
        Ich brauche auch keinen Zuchtmeister, sondern nur einen Lehrer, der wenigstens Autorität hat. Ich glaube nicht, dass der Großteil meiner Klassenkameraden noch irgendwie arbeiten würde, wenn man sie nicht ein bisschen schieben würde. Ich brauche auch manchmal einen Anstoß, damit ich etwas tue und ich finde es durchaus in Ordnung, einfach mal auf den Lehrer zu hören und zu wissen, was ich zu tun habe, anstelle eines: „Mach mal“ ohne dass ich weiß, was ich tun muss.
        Ich finde das nervig: Die meisten Leute glauben, dass ich selbstständiger werden kann, wenn man mich mir selbst überlässt, und wundern sich dann, wenn ich meine Aufgabe nicht packe, weil ich sie nicht verstanden habe oder sie sich einzelne Details anders vorgestellt haben, aber die Anforderung nicht immer klar genug formulieren.

      4. SuS ist kurz für Schülerinnen und Schüler. Hab ich das echt geschrieben? Da hat mein Studium tiefe Narben hinterlassen. 🙂

        Dieses Phänomen, an seinen Aufgaben zu wachsen, ist im Umgang mit Berufsanfängern auch sehr verbreitet. Mal bekommt man gesagt, was man tun soll aber nicht wie oder wie man etwas tun soll, aber was genau… Im schlimmsten Fall bekommt man keins von Beidem gesagt. In der Schule in der Tat nicht der beste Ansatz. So ein bisschen ziehen gehört auch dazu. Aber das ist keine Frage der Autorität sondern der Qualität der benutzten Materialien. Die gleichen Sachen wieder und wieder zu benutzen, funktioniert in der Praxis leidlich schlecht, das muss man immer neu an die Klassen anpassen.
        Wobei du unter Autorität auch eher sowas wie Persönlichkeit verstehst, oder? Motivationskraft, Begeisterungsfähigkeit, usw. Und weniger an den autoritären Sack, der nur den Kasernenhofton beherrscht und sonst nichts. Manchmal denke ich ja, gute Lehrer sind studierte Fußballtrainer.

      1. Verständlich. Wenn sie nicht gut ausgeführt werden, lehnen die einen sich zurück, während die anderen die Arbeit machen. Und die, die sich zurücklehnen, stellen dann die Ergebnisse vor. Das ist dann allerdings ein falsches Verständnis von Arbeitsteilung … (Aber oft wie im richtigen Leben …)

  3. Die Einstellung, dass viele Schüler (aber auch noch Studenten!)am liebsten möglichst wenig gefördert werden und stattdessen mehr durch physische Anwesenheit glänzen liegt meiner Meinung nach oftmals an der Schulpflicht. Richtig gute Lehrkräfte/Dozenten bereiten meiner Ansicht nach auch trockeneren Inhalte so auf, dass man sich zum Mitmachen angesprochen fühlt. Doch, dass als Lehrkraft überhaupt das Interesse dazu da ist, mit Mehraufwand den Inhalt interessanter zu machen, statt nach Dienst nach Vorschrift strikt den Lehrplan zu beachten, gehört ein bisschen die Lust am Job dazu. Die Verbeamtung wiederum suggeriert die sichere Unkündbarkeit auf der sich dann viele auch auszuruhen wissen. Mein Berufsfeld wäre es sicher nicht, doch auch hier lohnt sich die ausführliche Auseinandersetzung vor/in dem Studium und nicht erst wenn man hinterm Pult sitzt. Grüßle

    1. Da stimme ich dir voll zu. Ich finde auch tatsächlich, dass Lehrersein kein Job mit sicherem Beamtenstatus sein sollte (obwohl es für mich natürlich schön so ist), aber man sollte es nur werden, wenn man es wirklich sein möchte und an den Materialien arbeiten will.
      Wenn es aber keine Verbeamtung mehr gibt (wie in Berlin), ist das Lehrerseinwollen stark eingeschränkt (wie in Berlin), weil es dann für viele zu geringe Anreize gibt.

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