Verführen

Da fassen seine Finger um meine und sein Arm streckt sich, nur kurz, um mich dann an seinen Körper heranzuziehen. Und während mein Gesicht in seiner Halsbeuge seinen Geruch einatmet, flüstert sein Mund: „Ich vermisse dich doch mehr, als ich wusste.“ So vieles versteckt sich in dieser Feststellung, aber mehr noch liegt in seinem Ton, in dieser fast schon ungläubigen Verwunderung, die mitschwingt und seine Stimme beinahe zu brechen scheint, verborgen – seine Ehrlichkeit.

Und ich weine. Fast. Ein bisschen. Nur eine Träne lässt sich nicht wieder herunterzwingen, sondern wellt sich über meine Wange herunter in seinen Mantelkragen hinein. Und alle Zweifel und alle Fragen bringt diese Träne zum Versiegen, denn er und ich und wir und jetzt sind richtig. Falsch und richtig. Schlecht und gut. So gut. Und wenn er mich fragt, werde ich überall mit ihm hingehen, an jedem noch so öffentlichen Platz seine Hand halten, seine Lippen suchen und jedem die Anziehung zwischen uns zeigen.

Leugnen, was zwischen uns ist, das konnte ich nie. Und heute am wenigsten, weil ich brauche, was nur er mir geben kann. Ihn.

(Letzter Folgeteil zu Berühren – Spüren)

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12 Kommentare zu „Verführen

    1. Hm, da bin ich in einer Zwickmühle. Eigentlich soll das „ihn“ den Kreis zum ersten Text schließen, der mit „Ihn sehen“ begann. Um es abzurunden: Soll ich da „ihn“ lassen – oder wegen der Verständlichkeit „Sich“ setzen?!

      1. Wenn man weiß, dass es sich um eine Trilogie handelt, ist es wirklich sinnvoll, es bei dem „ihn“ zu lassen. Mir ist es leider jetzt erst klar geworden.

      2. Tun sie, aber dafür muss man sie dennoch als ein Bündel in Betracht ziehen. Für mich waren das drei einzelne kleine Kunstwerke (ich nenne so etwas ja „Wortbilder“).

      3. Na, was die Autorin letztlich damit sagen will, ist ja auch im Grunde weniger wichtig; sondern das, was beim Leser entsteht wichtiger. Dennoch war mein Ziel ein Zirkel und darum glaube ich, lasse ich das letzte Wort trotz Irritation stehen. Aber du hast mich zweifeln lassen.

  1. Ich finde den Text auch sehr schön. Nur Frage ich mich oft, was Menschen meinen, wenn sie „jemanden brauchen“ meinen. Zum glücklich sein? Vollkommen sein? Ist das nicht gefährlich? (Gibt es da eine Antwort aus „ihrer“ Sicht?)

    1. Erst einmal danke für dein Kompliment. Und nun zu deiner Frage. Ich glaube, du hast Recht, es kann gefährlich sein, jemanden zu brauchen. Bei der hier dargestellten Person ist es vielleicht tatsächlich so, weil sie sich eventuell zu sehr in etwas hineinsteigert.
      Ich denke, Menschen von denen wir glauben, dass sie uns ergänzen, „brauchen“ wir, weil wir uns sonst nicht vollständig fühlen. Wir wissen, dass wir auch ohne sie wieder vollständig sein können, aber mit ihnen sind wir „runder“. Hat das dann etwas mit Selbstaufgabe zu tun oder mit Liebe – oder ist das eine nie ganz ohne das andere möglich?

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