Selbstbestimmte Rollenbilder

Wir werden in Rollen hineingedrängt. Manchmal so subtil, dass wir es (erst einmal) nicht bemerken, manchmal so deutlich, dass man denjenigen schütteln möchte. Und ganz Dreiste möchten die Rollen des eigenen Lebens durch deins ändern, indem sie Hoffnungen in Entwicklungen setzen, damit sie in irgendeiner Form davon profitieren.

Die, die es sich am ehesten herausnehmen, sind Eltern. Sie meinen es gut, für dich, aber eben auch für sich, denn es wird heutzutage über Facebook und Blogs deutlicher denn je, wie gerade Mütter sich über ihre Kinder definieren. Und alles, was das Kind gut kann, fällt ja automatisch auf die Eltern zurück. Für mich als überkritischen Menschen ist es nur ein minimaler Schritt zwischen dem gesunden Elternstolz und dem übertriebenen Zurschaustellen.

Seit meiner Jugendzeit habe ich mich über meine Eltern hinweggesetzt. Nicht so sehr, weil ich trotzig war, sondern weil ihre Vorstellungen über mich nicht mit meinen Zielen überein zu bringen waren. Vorher war ich ein Kind, über das man hörte, wie lieb, freundlich, wohl erzogen es ist, dass man sich über es ja keine Sorgen machen müsse; das mit acht, neun Jahren schon allein auf die kleinen Geschwister aufpasste, weil es so verantwortungsbewusst und zuverlässig war; das nicht nur die Trennung der Eltern gut verarbeitet hatte, sondern auch die mehrfache Trennung der Mutter vom neuen Partner mit trug und dessen Schulter zum Weinen genutzt werden konnte.

Dieses Bild von mir hatten meine Eltern offenbar lange Zeit weiterhin im Kopf. Und tatsächlich bin ich all diese Dinge: lieb, freundlich, gut erzogen, verantwortungsbewusst, zuverlässig, mit offenem Ohr, mit Ratschlägen für problematische Lebenslagen … Aber ich bin eben auch ganz anders. Starrsinnig, eigenwillig, egoistisch, faul, frech, kritisch, sarkastisch und freiheitsliebend. Letzteres drückte sich eine Zeit lang in meinen unfesten Männerbeziehungen und in meinem Drang, die Welt zu bereisen, aus, nun spiegelt es sich eher in meiner Unsicherheit einem eigenen Kind gegenüber wieder.

Meine Mutter wollte, dass ich Banker werde, obwohl ich nie in diese Richtung tendierte; sie hieß meinen Studienstadtwechsel nicht gut, kritisierte meine Frisur, meinen Kleidungsstil, meinen Männerumgang; beide Eltern dachten, meine Australienreise und meine Dissertation seien nur fixe Ideen, die ich nicht umsetzen würde und wollten mich – elterngemäß – schnell in sicheren Jobs sehen. Aber ich habe mich immer durchgesetzt, habe immer an einem Ziel gearbeitet. Und selbst wenn anderen dieses Ziel nicht so einleuchtend war, mir war es das stets: Das Leben leben und das meiste aus ihm herausholen.

Obwohl ich momentan eher gesetzter und angekommen bin, weiß ich nicht, ob ich mir durch ein Kind meinen Job, so wie ich ihn nun ausübe, und meine Reisefreiheit nehmen lassen will. Aber das ist natürlichweise die nächste Rolle, in der – nicht nur meine Eltern – mich sehen. Vor allem, weil ich so gut mit Babys und Kindern umgehen kann

Aber wie stellte mein Vater gestern fest: „Du hast es immer so gemacht, wie du meintest, dass es gut für dich war. Und am Ende war es das ja auch immer.“ Eben.

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8 Kommentare zu „Selbstbestimmte Rollenbilder

  1. Danke fürs teilen! Ich habe besonders meine große erzogen in dem wunsch, es anders zu machen als meine Eltern! Irgendwie ist das auch ganz gut geglückt, dafür habe ich mir manch anderen Schnitzer erlaubt 😉 würde ich heute nochmal Mutter werden, würde ich alles viel lockerer angehen! Kinder Sind doch die offensten Wesen überhaupt! Was sie brauchen ist liebe, Geborgenheit, Unterstützung! Warum nicht reisen mir Kind? Muss das Leben wirklich so anders werden? Muss es Einschränkungen geben oder kann es erweitern? Was ist wirklich wichtig dabei? Was sagt uns das außen „oh wenn du Eltern wirst, dann musst du aber…! “ solche Fragen kommen mir da ;(

    1. Warum nur besonders deine Große?
      Einschränkungen kommen automatisch. Und Reisen mit Kind ist nun mal doch ganz anders als in Freiheit ohne. Du bist gebunden, musst dich an andere Zeitpläne halten, große Rücksicht nehmen. Reisen sehe ich immer als etwas für mich an, als etwas egoistisches, damit es mir gut geht. Und dann müsste ich mich um wen anders kümmern, damit wäre meine Vorstellung des Reisens kaputt.
      Wenn ich Mutter werden würde, würde ich meinem Kind die Art des Reisens, das ich meine, nicht zumuten wollen. (Und mir eben nicht das Kind dabei.) Und ja, man „muss“ mit Kind mehr, man „kann“ nicht mehr so viel. Natürlich, man zieht auch viel aus dem Muttersein heraus. Aber es ist dennoch mit „muss“ verbunden.

  2. Erst einmal existiert keine Verpflichtung für eine Frau, eigene Kinder zu bekommen, weder juristisch noch moralisch. In einer Zeit der Überbevölkerung weniger denn je. Jede persönliche Entscheidung ist zu akzeptieren – auch von Eltern zu ihrer eigenen Person/Müttern.
    Der Satz: „Wir wollen nur dein Bestes.“, bringt mich heute noch zum Kochen. Manche Mütter setzen sich vollständig auf dein Leben und sehen keine Grenze.

  3. Liebe Stefanini, du sprichst mir aus meinem Herzen. Ich kann dich gut verstehen. Mir ging es in vielerlei Hinsicht ähnlich wie dir, auch was Kinder betrifft. Ich bin auch immer meinen Weg gegangen und gehe ihn immer noch, Besonders habe ich nie die Abzweigungen genommen, die meine Eltern, vor allem meine Mutter, gerne gehabt hätten.

    Auch meinem Schatz sagte ich kürzlich wieder, dass ich die meiste Unterstützung darin brauche, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig und gut halte.

    Du wirst sicher die passende Entscheidung für dich treffen. Da bin ich mir ganz sicher. Dein Herz wird dir sicher dabei helfen. 🙂

    Alles Gute und herzliche Grüße
    Caroline

    1. Liebe Caroline, ich danke dir für deine Worte. Mal sehen, was noch alles auf uns zukommt. Aber das Leben zu leben, das andere für uns wollen, wird doch sehr wahrscheinlich nicht dazu gehören. Und je älter ich werde, desto unwahrscheinlicher ist wohl auch, dass ich bereit bin, auf meine Freiheiten wegen Kindern zu verzichten. Und das müsste ich tun, um sie so zu erziehen, wie ich sie erziehen wollen würde.
      Lieber Gruß!

  4. Gut wäre, wenn nur Kinder geboren würden, für die man sich bewusst und unter Einbeziehung aller Konsequenzen entschieden hat. Natürlich kann man auch mit Kindern noch reisen, studieren, sich weiterentwickeln und einer Erwerbsarbeit nachgehen. Aber machen wir uns nichts vor. Es wird komplizierter und nach wie sind die Konsequenzen für die Frau einschneidender. Das muss man wollen. Ein Kind bedeutet Einschränkungen, kann aber auch unglaublich bereichern. Wer Kinder beobachtet und mit ihnen lebt, kann eine Menge für sich lernen. Ich war übrigens in der umgekehrten Situation und musste mich heftig dafür rechtfertigen, bereits im Studium ein Kind zu bekommen und mehr als zwei Kinder zu wollen. Obwohl ich niemandem auf der Tasche lag, mein Studium in der Regelzeit abgeschlossen habe und immer lernbereit und vielseitig interessiert blieb, wurde ich mit unendlich vielen Vorurteilen/Abwertung beworfen. Glücklicherweise hat mich das Urteil der meisten nicht interessiert. Manches war aber schon recht kränkend.

    1. Hm, das kenne ich von denen, mit denen ich studiert habe, und die schon Kinder hatten, nicht. Ich selbst hätte es als sehr einengend empfunden, aber jeder muss das so entscheiden, wie er es für richtig hält. Ich bin froh, dass ich bisher keine Kinder hatte, weil mein Leben nun ziemlich gut ist und der Weg bisher für mich richtig war.
      Definitiv ist es für die Frau viel einschneidender – und deswegen für mich auch eigentlich schon fast abgehakt. Fast. Etwas Unsicherheit bleibt. Vor allem die Frage, ob man die Entscheidung bereuen wird, wenn man erst mal zu alt dafür ist. Noch etwas, mti dem Männer sich eigentlich nicht rumschlagen müssen.

      1. Die Frauen/Paare, die ich kenne und die sich voller Überzeugung gegen eigene Kinder entschieden, haben es nicht bereut. Einige davon haben mehrere Patenkinder, um die sie sich kümmern. Man muss auf seine innere Stimme hören, dann kann man nicht allzu viel falsch machen.
        Was mein Studium betrifft, so habe ich meinen Kleinen zu vielen Veranstaltungen mitgenommen. Außerdem gab es keine scharfe Anwesenheitspflicht, sodass ich anhand von Literaturlisten und durch Ausleihe Vieles zu Hause erarbeiten konnte. Das habe ich vorwiegend nachts gemacht und drei Stunden am Tag, wenn er schlief. Ich wollte vermeiden, dass er zu stark beeinträchtigt wird. Deshalb wollte ich auch das Studium so schnell wie möglich erledigen. Es stand für mich früh fest, dass meine Kinder immer Vorrang haben werden, vor jedem Mann, vor jeder Beschäftigung. Mit knapp 19 begann ich mein Studium, mit Ende 20 bekam ich mein erstes Kind, mit 23 hatte ich mein Referendariat. Danach habe ich auf eine Stelle verzichtet und bin erst mit 35 mit Lehraufträgen wieder eingestiegen. Mit Ende 40 bekam ich eine feste Stelle und wurde sogar noch verbeamtet.

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