Wir (und Veilchen)

„Hi Sally.“
„Oh, Harry, du hier?“
„Darf ich nicht in die Disco? Ist die reserviert?“
„Nein, aber normalerweise bist du doch in der Disco in der Nachbarschaft, weil die cooler ist.“
Daniel grinste: „Warum sagst du das denn nur so seltsam?“
„Weil ich neidisch bin, dass deine Eltern dich in den Drogentreff lassen.“
Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht: „Meine Eltern leben hinter dem Mond. Nein, das ist nicht wahr. Wahr ist, dass ich ihnen total gleichgültig bin. Nur der liebe kleine Matze ist wichtig. Er ist vier Jahre alt und weiß genau, wie er einen um den Finger wickeln kann“ , Bitterkeit lag deutlich in seiner Stimme, auf seinem Gesicht.

Zögernd legte Rebecca die Hand auf seine Schulter. In diesem Moment kamen Daniels Freunde, alles obercoole eingebildete Typen, die augenblicklich ihren Image gerecht wurden: „Ey, willste Daniel anmachen?“, grölte ein Farbiger, der Tom hieß.
„Lass die Pfoten von ihm, der will dich nicht, ’ne Daniel?“, ein Weißer klopfte Daniel auf den Rücken: „Mädchen, zum Ficken musst du dir wen anders suchen.“
Rebecca musterte sie wortlos, ihr Blick ging zu Daniel und der enttäuschte sie nicht: Er stand auf, nahm ohne etwas zu sagen ihre Hand und ließ seine vier Freunde stehen: „Sorry, Becky, die sind bekloppt.“
„Nein, nur so unendlich cool“, Rebecca lächelte: „Komm, wir gehen raus.“ Draußen fragte sie ihn: „Denkst du ehrlich, dass du deinen Eltern egal bist?“
„Ja, ich darf lediglich nicht an ihrem Ruf herumkratzen, sonst ist alles wurscht.“
„Ach was. Du bist gewohnt an erster Stelle zu stehen, und nun tust du dies nicht mehr, weil ein Vierjähriger eher auf ihre Hilfe angewiesen ist.“
„Und was kann ich dagegen tun, Frau Doktor?“
„Beschäftige dich mit deinem Bruder, und du wirst sehen, wie sehr er Hilfe braucht.“
„Und das soll helfen?“
„Garantiert … Da ist Stefan mit Nina.“
„Er hat dir den Maibaum nicht gesetzt?“
„Ich habe ihn nicht gefragt, denn dabei käme ich mir dumm vor, weil ich schließlich mit eigenen Augen sehe, dass er mit Nina zusammen ist.“
„Hm, hast Recht. Wer könnte denn in dich verknallt sein?“, er sah sich um, „Ob es der ist, der dich so seltsam anstarrt?“
„Welcher?“
„Der dort drüben.“
„Der unhübsche Austauschschüler aus England? Alan heißt er.“
„Ein Austauschschüler? Darum kam er mir fremd vor.“
„Der hat mir den Baum bestimmt nicht gesetzt, weil er erst am 29. April gekommen ist.“
„Du weißt gut Bescheid.“
„Er ist bei uns in der Jahrgangsstufe.“
„Dich kann man gar nicht ärgern. Schau mal, so hässlich ist er überhaupt nicht.“
„Nein? Dann hast du nicht auf seine Augen geachtet: Ich finde Jungen mit nichtssagenden Augen so … nichtssagend eben.“
„Innere Werte sind Fremdwörter?“
„Die zählen erst später.“
„Und dann sagt man immer, dass Mädchen vernünftiger sind als Junge und nicht so aufs Aussehen achten! Vor allen Dingen von dir habe ich das gedacht. Ach, jetzt würde mich aber mal interessieren: Habe ich ausdrucksstarke Augen?“
Sie sah ihm in die Augen: „Ja, deine Augen sagen etwas aus, und im Moment kann ich bis auf den untersten Grund deiner Seele sehen.“
„Wie romantisch! Was siehst du?“, er versuchte zu lächeln, bereitete sich aber schon auf ihre Antwort vor, denn sie hatte sicherlich die Wahrheit gefunden.
Und tatsächlich: „Ich sehe Trauer, Sehnen nach Rica, Bedrücktheit, die Unentschlossenheit …“
„Worin bin ich unentschlossen?“
„In vielem. In deinem Leben gibt und gab es viele neue Wege, aber du bleibst brav auf dem alten.“
„Welche Weg gab es, Frau Wahrsagerin?“
„Hm, den Weg zu anderen Herzen oder in die Oberstufe des Gymnasiums, anstatt in
die der Gesamtschule, der Weg zum Rollerführerschein, der Weg …“
„Ist gut, du nervst! Alles weißt du besser. Verdammt, willst du mein Leben leben? Ist in deinem Leben denn alles Sonnenschein, oder warum hast du soviel Zeit für Analysen?!“, er ließ sie fluchtartig alleine. Verdutzt sah sie ihm hinterher: War sie so schlimm? Sie hatte nur gesagt, was sie gedacht hatte, und das hatte er nun mal gewollt. Grübelnd betrat sie die Disco, Sabrina
kam auf sie zu: „Wo warst du? Ich suche dich seit Ewigkeiten. Warst du bei deiner ehemaligen Liebe?“
„Erfasst.“
„Hättest ihn ruhig mitbringen können, ich hätte ihn nicht gefressen.“
„Wer weiß?“
„Nun fang nicht mit dieser Geschichte an.“
„OK. Aber wenn du die Wahrheit wissen möchtest: Er ist abgehauen, ich bin ihm zuviel auf den Füßen herumgetrampelt.“
„Hast wohl gesagt, was du dachtest, oder?“
„Ist das schlimm?“
„Nein, aber …“
Rebecca wollte Sabrina nicht ausreden lassen, sie würde weiterhin sagen, was sie dachte, und niemand konnte sich dagegen wehren: „Da ist Nina, die dumme Kuh. Wo ist denn Stefan?“
„Auf der Tanzfläche.“
„Oh nein, sie kommt.“
Nina marschierte geradewegs auf sie zu: „Was glotzt du so?“
Welch Ausdrucksweise für eine Gymnasiastin!: „Ich? Darf ich nicht mal gucken? Darf ich nicht das Mädchen ansehen, das vorgab, meine beste Freundin zu sein, und mir heimlich meinen Schwarm ausspannte? Du kannst mir nicht erzählen, dass dir damals entfallen war, dass ich wieder etwas von Stefan wollte, denn ich lag dir damit in den Ohren, habe mich gefragt, ob ich dich damit nerven würde. Wir hatten uns mehrmals getroffen: Du hast die Klappe gehalten, und so getan, als würdest du auf meiner Seite stehen, und dann bekam ich von Stefan zu hören, dass ihr schon länger zusammen gewesen seid. Er machte kein Geheimnis daraus, im Gegensatz zu der Heuchlerin, die vor mir steht, und der ich am liebsten alle Haare einzeln herausziehen würde, aber ich beherrsche mich. Für mich, meine Liebe, bist du nur eine Schlampe, die kein Vertrauen genießen sollte, und der die Regeln von Freundschaft, die Offenheit und Ehrlichkeit heißen, ja, und Vertrauen, nicht das Geringste bedeuten!“
All das sagte Rebecca mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Dieses Lächeln gemischt mit den gesprochenen Worten brachte Nina zum Platzen. Unbeherrscht, wie niemand eigentlich glaubte, dass Nina war, holte sie aus und traf Rebecca voll ins linke Auge. Ein Aufpasser schrie: „Ich habe alles gesehen, komm, kühlen!“, er bahnte sich einen Weg durch die Menge und führte die verdatterte Rebecca in einen kleinen Raum, aus dessen Kühlschrank er Eis holte. Während er es einwickelte und ihr gab, murmelte er: „Zuschlagende Mädchen sind das Letzte! Dabei hast du ganz normal geredet. Ich werde dafür sorgen, dass das Mädchen Hausverbot bekommt. Willst du eine Anzeige machen?“
Warum hatte der Aufpasser sie beobachtet?: „Nein, danke, lassen Sie mal. Ich gehe lieber nach Hause und ruhe mich aus. Mein Auge zwickt und drückt und … Vielen Dank für das Eis“, sie versuchte zu lächeln.
„Wie kommst du nach Hause?“
„Mit meiner Freundin. Danke nochmals!“, als sie aus dem Raum trat, nahm Daniel sie in Empfang: „Hätten wir doch bloß weitergeredet, hm? Dann hättest du Nina nicht so offensichtlich auf den Schlips treten müssen. Und ich hätte so etwas Hartes am Ende nicht sagen sollen, es tut mir leid.“
„Lass mal, der Schlag war härter.“
„Mach keine Witzchen. Kaum lässt man dich alleine, stellst du Mist an. Nina ist übrigens von ’nem Rausschmeißer aufgehalten worden und hat Hausverbot bekommen. Was hast du ihr bloß gesagt?“
„Meine Meinung, was sonst?“
„Habe ich dir vorher nicht gesagt, du sollst dich um dich kümmern? Und deine Meinung deine Meinung sein lassen?“
„Es betraf mich aber doch! Es ging um Stefan und mich. Außerdem hat sie angefangen …“
„Und du? Du bist genauso unschuldig, wie bei Rica.“
„Ja. Auch Nina kam dahergestiefelt und fauchte mich an – wie Rica.“
„Ich bringe dich nach Hause.“
„Ach nee, Sabrina fährt mich auf ihrem Roller.“
„Gut, und was machst du gegen das Veilchen? Es leuchtet schon.“
„Was kann ich machen? Kühlen und schminken.“
„Hoffentlich ist es bald weg.“
„Es wird Ninchen wenigstens an ihr Hausverbot erinnern, und es wird in der Schule peinlich für sie.“
„Fertig?“, fragte Sabrina.
„Ja, mit allem“, Rebecca grinste schon wieder: „Bis später!“, sagte sie zu Daniel gewendet und stieg hinten auf den Roller.

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