Wir (und Träume)

„Ich mag das Wetter.“
„Ja, ich auch“, er drehte sich langsam zu ihr um, und zeigte nicht, dass sie ihn ein wenig erschreckt hatte: „Es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt. Es weht ein warmer Wind und die Luft duftet! Dazu noch der blaue Himmel und der Himmel: Herrlich!“
„Daniel!“, sie sah ihn grinsend an, „Du schwärmst richtig. Was ist los?“
„Ich weiß nicht, der Winter hat gefühlt ewig gedauert. Darum bin ich froh, dass er vorbei ist.“
„Und wem setzt du diese Nacht einen Maibaum?“, erkundigte sie sich.

„Keiner, ich werde Zuhause bleiben.“
„Oh, hast du keinen Schwarm?“
„Nein, habe ich nicht. Hast du einen?“
„Ja, aber er beachtet mich nicht.“
„So wie früher?“, fragte er, und hatte dabei keinen bösen Hintergedanken.
Sie fasste es natürlich vollkommen anders auf, und funkelte ihn böse an. Obwohl sie wusste, was er mit früher meinte, fragte sie nach: „Früher?“
„Bevor wir anfingen Freunde zu werden.“
Da sie erkannte, dass er keine böse Absicht hatte, und nicht gehässig sein wollte, nickte sie: „Ja, so wie da. Ich habe mich anscheinend doch nicht sonderlich verändert.“
„Hast du auch nicht, aber ich fand dich immer schon hübsch.“
„Ich, hübsch? Du tickst nicht sauber! Ich sehe annehmbar aus,
aber mehr …“
„… habe ich nicht gesagt. Hübsch heißt nicht schön. Hübsch sind viele, es ist nichts besonderes, es ist Durchschnitt, aber keinesfalls hässlich.“
„Vielen Dank, du bist sehr aufbauend.“
„Habe ich dich wirklich getroffen?“, er klang vorsichtig.
„Nein“, sie wich seinem Blick aus, „Dabei habe ich die Haare schon ab. Und irgendwie dachte ich, das würde was ändern.“
„Ich habe die Haare blond, und es hat sich genausowenig geändert.“
„Doch, bei dir hat es sich verändert: Du hast keine Freundin und keine Fans. Vorher bist du von vielen, auch von mir, angehimmelt worden, und nun …“, sie grinste.
„Sieht es denn so schlimm aus?“
„Nein, nicht so schlimm, aber ich würde dich nicht mehr anhimmeln.“
„Warum?“
„Ich kenne mittlerweile auch deine schlechten Eigenschaften, und die halten mich davon ab, dich als einen Gott zu sehen.“
„Habe ich viele? Muss ich mich ändern?“
„Nein, jeder hat schlechte Eigenschaften“, wiegelte sie ab.
„Komm, setz‘ dich zu mir auf die Bank“, er tippte nebe sich.
„Oh Gott! Darf ich? Darf ich wirklich?“, sie rollte die Augen schmachtend gegen den Himmel und setzte sich. Gemeinsam sahen sie über das Feld, das sich vor ihnen erstreckte.
„Das soll bald bebaut werden.“
„Wirklich? Dann zerstören sie aber die Ruhe, die vor allem im Frühling von diesem Feld ausgeht“, sagte sie entrüstet und stemmte die Hände in die Hüften.
„Tja, wahrscheinlich wollen sie unser Kaff zu einer Metropole machen. Überall haben sie Projekte geplant.“
„Zum Glück bin ich nicht mehr lange hier, diese dämlichen Erwachsenen!“
„Dämliche Erwachsene?“
„Ja.“
„Und du wirst natürlich nie zu diesen dämlichen Erwachsenen gehören?“
„Nein, ganz bestimmt nicht.“
„So, so“, er lächelte, „Und wo willst du hin, wenn du nicht mehr lange hierbleiben möchtest?“
„Nach dem Abi als Au Pair nach Amerika.“
„Wieder nach Amerika?“
„Es zieht mich magisch dorthin.“
„Ich stelle mir Amerika nicht blendend vor. Überleg‘ dir mal, dass die gar keine staatliche Krankenversicherung haben, in manchen Fällen sind die arm dran …“
„Ja, das weiß ich. Trotzdem bleibt Amerika für mich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Träume.“
„Aber sind Amerikaner nicht oberflächlich? Essen die einen nicht zuviel Fast Food und die anderen unterwerfen sich dem Schlankheitswahn?“
„Ja, auch das stimmt. Ist es hier anders? Jeder dritte Jugendliche ist angeblich zu fett …“
„Aber Amerika ist das Land des Fast Foods.“
„Was ist das denn für ein Argument? Willst du damit sagen, dass Amerika bescheuert ist, weil dort die Ursache unserer Fettheit liegt? Das kann nicht dein Ernst sein. Ich habe da eine andere Theorie.“
„Na, da bin ich mal gespannt. Wie wäre die denn?“
„Die wäre, dass Jugendliche sich Angst- und Kummerspeck anfressen, weil sie die Zukunft fürchten, weil sie sich Schutzpolster zulegen wollen, sich in sich selbst zurückziehen und der Welt, die verdammt nochmal total verrottet, den Rücken kehren. Und außerdem wäre noch etwas: Die ganzen Mittel der neuen
Kommunikation, wie Telefon, Fernseher, wie Computer: All die sind Schuld, dass wir uns nicht bewegen: Früher mussten Nachrichten mit den Füßen, oder zumindest mit Hilfe von Kraftarbeit überbracht werden, man musste sich bemühen, um seine Nachrichten zu bekommen, man setzte sich vor keinen Kasten, der mit einem spielte, sondern suchte selbst Beschäftigung, man arbeitete, baute, bastelte. Und man kümmerte sich eher um die Natur, darum lag einem viel an ihr. Und die Moral? Diese Menschen damals hätten die Natur nie zerstört, sich brauchte sich keinen Kummerspeck anfressen …“
„Und die Ärmsten hätten keine Zeit dazu gehabt. Die Reichen aber aßen, um ihren Wohlstand zu zeigen. Rebecca, das weiß ich alles selbst, auch wenn du mich für dumm hälst. Was, meinst du, haben wir den Wohlstand zu verdanken? Der Industrie, die uns Nahrung gibt, die jedoch zunächst nötigerweise, und dann habgierigerweise die Umwelt in Mitleidenschaft zog. Aber“, er nahm ihre Hand, „In Amerika wird es ebenso sein, und die sind mit ihren Müllbergen viel schlimmer.“
„Es zieht mich trotzdem dorthin. Da ist etwas, das auf mich wartet. Mein Leben vielleicht.“
„Lebst du hier nicht?“
„Doch, aber dort werde ich meh Leben leben, verlass dich drauf.“
„Auf dich verlassen?“, er zwinkerte, ehe seine Miene ernst wurde: „Ich werde bald leider weg sein. Und im Gegensatz zu dir, bedauer ich es.“
Sie war erschrocken: „Wie? Du wirst weg sein?“
„Mein Vater wird wahrscheinlich nach Dänemark versetzt.“
„Bald?“
„Ja, wenn alles glattgeht, im Herbst.“
„Und du freust dich nicht? Du willst nicht aus diesem Kaff weg?“
„Kannst du das gar nicht verstehen? Hier sind meine Freunde, auch meine Feinde, aber ich habe keine Lust von vorne anzufangen, mich zu behaupten.“
„Ich würde alles für einen Neuanfang geben“, sie war absolut überzeugt.
„Nur weil es dir in Amerika gut gefiel?“
„Ja, weil ich den Neuanfang wagte, weil ich anders sein konnte.“
„Darüber hattem wir schon mal geredet, und ich denke nicht, dass du du selbst gewesen bist, sondern dass du dich kostümiert hast. Stell dir vor, dass du dich immer verstellen musst, dass du gar nicht du selbst sein kannst. Es würde dich ankotzen.“
„Ich weiß nicht, was besser ist: Wer anders sein, und Jungen bekommen, oder ich sein, und nicht auffallen.“
„Mach dich nicht runter! Und ich weiß, dass das erste aufDauer nicht besser sein kann.“
„Als ob ich auf einen Blondgefärbten hören würde! Ich will neu anfangen und nichts ändert daran etwas: Auch du nicht.“
„Wo willlste denn hin?“
„New York oder Chicago.“
„Kleinmädchenträume“, meinte er abwertend.
„Nee, als kleines Mädchen wollte ich eine Prinzessin sein, mit einem weiten Kleid, einer schlanken Taille, Haaren bis zu den Füssen und einem großen Schloss.“
„Ich wollte LOKomotivführer werden.“
„Und jetzt?“
„Architekt.“
„Das legt sich wieder.“
„Warum meinst du?“
„Weil wir beide wissen, dass du dazu kein Talent hast.“
„Vielen Dank.“
„Ach komm, nun spiel nicht eingeschnappt. Schließlich ist es die Wahrheit, und wenn man deine Schulnoten sieht, dann sieht es nicht so aus, als ob du ausgerechnet für diesen Job geeignet bist.“
„Und du?“
Sie genierte sich, es ihm zu sagen, doch nach einem Ruck und Bedenkzeit: „Auf keinen Fall studiere ich. Ich möchte viel lieber …“ , sie kam sich dumm vor.
„Sofort heiraten?“
„Nein, aber ich möchte Liebe geben. Ich möchte einer Arbeit nachgehen, bei der ich zum Beispiel Babys, die ohne Mutter sind, Liebe und Geborgenheit gebe.“
„Ist das die Erfüllung deines Lebens?“, er war skeptisch.
„Ich weiß es nicht, aber mir tun solche Kinder endlos leid. Vielleicht mache ich ein Waisenhaus auf.“
„Das ist schon eher ein Ziel, aber bei deiner Rastlosigkeit …“
„Du kannst mir helfen.“
„Womit? Deine Rastlosigkeit zu überwinden?“
„Wirst du Architekt, konstruierst du mir das Haus kostenlos. Wirst du Bauunternehmer, kannst du es mir bauen, wirst du Arzt, bekommst du eine Stelle und wenn du arbeitslos bist, kannst du Pfleger werden.“
„Darauf werde ich zurückkommen.“
„Gerne, dann bricht der Kontakt zwischen uns wenigstens nicht ab.“
Er nickte, sah auf seine Uhr: „Ich muss nach Hause.“
„Warte mal: Dein Vater wird doch nur wahrscheinlich versetzt?“
„Ja, nur wahrscheinlich.“
„Dann besteht noch Hoffnung.“
„Aber sicher doch.“
„OK, dann ist’s gut. Bye.“

Am nächsten Morgen schlief Rebecca aus, denn der Maifeiertag war schulfrei und am vorigen Abend hatte sie sich in der Disco die Seele aus dem Leib getanzt. Als sie die Küche betrat, lächelte die Mutter: „Von einem Verehrer hast du mir nichts erzählt. Ich dachte, wir hätten kaum Geheimnisse voreinander?!“
Keine Geheimnisse voreinander? Mutti, wenn du wüsstest, dachte Rebecca und konnte sich ein heimliches Grinsen kaum verkneifen: „Hab ich etwa einen Baum?“
„Ziehe deine Rollos hoch, er steht vor deinem Fenster.“
Sie sprintete nach oben, zog die Rollos hoch und blickte auf einen sehr hohen Baum, der die eine Fensterhälfte fast verdeckte. Geschmückt war er mit gelbem, blauem und grünem Krepppapier: „Wer war denn der Bekloppte? Der wusste meine Lieblingsfarben und hat mir noch dazu einen wunderschönen Baum
herangeschafft!“
Das Telefon klingelte, sie lief nach unten, nahm ab: Daniel war dran.
„Du Schwindlerin. Du hast ja doch einen Baum bekommen. Von wem ist der? Von Stefan?“
„Ich glaube nicht, dass er von Stefan ist, und ich habe keinen Schimmer, von wem er sein könnte. Aber er ist schön, nicht wahr?“
„Ja, so einer würde mir auch gefallen.“
„Du bist ’n Junge.“
„Wenn du es sagst.“
„Ha, ha. Und du weißt nicht, von wem der Baum sein könnte?“
„Nein, echt nicht. Wahrscheinlich hätte ich mich auf die Lauer legen sollen.“
„Hättest du mal.“ Erst Jahre später sollte Rebecca hinter dieses kleine Geheimnis kommen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Wir (und Träume)

    1. Ich bin mir grad nicht sicher, ob ich die Frage ernst nehmen kann, weil es für uns hier so selbstverständlich ist … 🙂
      Ja, im Rheinland ist es Tradition, dass der Junge seinem Mädel einen geschmückten Maibaum (eine Birke) setzt bzw. dass er ihr ein Maiherz bastelt (oder kauft). (Im Schaltjahr sollen dann die Mädels bei den Jungs einen setzen.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s