Wir (und Karneval)

Sie hatte noch nie einen Jungen weinen sehen, und dass Daniel weinte, traf sie wie ein Schlag. Zögernd legte sie den Arm um ihn: Er hatte stets ein so selbstsicheres Auftreten, wollte zu den ganz Coolen gehören und nun liefen die Tränen. Vorsichtig strich sie ihm über die blondgefärbten Haare. Er blickte hoch: „Es ist aus! Rica hat einen Anderen!“, dabei stampfte er wütend in den Neuschnee, „Wie einfach sie das sagte: ‚Du, ich glaube, du hast Recht gehabt! Wir hatten und haben uns auseinandergelebt. Jetzt habe ich einen anderen Jungen kennengelernt!’“, er putzte sich umständlich die Nase, „Nun weiß ich, wie sich die Mädchen gefühlt haben müssen, mit denen ich so knallhart Schluss gemacht habe.“


„Ach was, bei denen waren das keine langen Beziehungen. Das kann ihnen gar nicht arg weh getan haben, mit Rica aber bist du immerhin dreizehn Monate fest zusammengewesen, und nun hattest du gerade wieder Hoffnung für dich und sie geschöpft.“
„Lass mich los!“, er schüttelte ihre Hand ab, sein Gesicht nahm einen starren Gesichtsausdruck an, „Vor drei, vor verdammten drei Tagen haben wir auf unsere Liebe angestoßen! Es ist nur drei Tage her. Wie kann ich das bitte verstehen? Kannst du es mir erklären?“
„Nein, das kann ich dir nicht erklären, solche Dinge passieren einfach … Morgen ist Karneval, wir wollten uns betrinken: Gilt das noch?“ versuchte sie ihn abzulenken.
„Sicher, dazu habe ich Bock, dann kann ich alles vergessen.“
„Wann treffen wir uns?“
„Nach der Rathausstürmung im Buben.“
„OK, bis morgen“, sie merkte, dass er alleine sein wollte, dass sie ihn nicht aufheitern konnte und es ihm wohl auch peinlich war, dass sie ihn beim Weinen ertappt hatte.
Am nächsten Tag saß sie in der Kneipe, als er hereingestolpert kam: „Da bisse ja“, lallte er.
„Schon was getrunken, wie?“
„Klar. Komm, ich geb‘ dir ’n Bier aus“, er ließ sich auf den Stuhl sacken und bestellte. Und keiner fragte nach dem Alter. Die Kneipe wurde langsam voll. In dem Moment, in dem der Kellner die Biere brachte, betratRica mit ihrem Neuen die Kneipe. Glücklich.
Daniel sah Rebecca verzweifelt an und kippte das Bier herunter: „Lass uns bald
ins Zelt gehen.“
„Wäre besser“, der Schnaps kam, sie bezahlten, spülten das Zeug herunter und verließen fast rennend den Buben.
„Ich will sie nich‘ sehen“, er
stolperte und fiel.
„Warte, ich helf‘ dir!“, Rebecca bemühte sich, aber kurze Zeit später lag auch sie im Schnee, denn man muss nicht meinen, dass es ihr erstes Bier und ihr erster Schnaps an diesem Tag gewesen waren.
„Ehe wir weitergehen, trinken wie noch die Pulle leer, ja?“, er kramte in seinem Rucksack und förderte Amaretto zutage. Sie machten sich über die Flasche her: „Komm, wir helfen uns gegenseitig“, schlug er vor, nachdem er die leere Flasche weggeschleudert hatte.
Sie half ihm wesentlich und ihn stützend erreichten sie das Zelt, das wie ausgefegt war.
„Noch nix los“, stellte er fest.
„Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“
„Bitte. Sag mal“, er hatte die Augen fast geschlossen, „Sag mal, was ist das für ein Kostüm?“
„Wonach sieht es denn aus?“
„Nach Fischmagd.“
„Was????“
„War ein Scherz“, er hielt sich den Kopf, „Es sieht aus wie Spanierin.“
„Gut erraten, und deins?“
„Ich bin der Coolste …“
„Ah ja, und dafür gab es kein Kostüm?“
„Nein, gab es nicht.“
Innerhalb von zwei Stunden hatten beide je 50 Mark in Alkohol umgewandelt und geschluckt. Sie waren abgebrannt und hackevoll. Er schlug vor: „Bank!“
Also schleiften sie sich zu einer Bank, aber kaum dass sie saßen, schleppte er sich zu den Toiletten und erbrach sich. Sie kam hinterher – mit dem gleichen Ergebnis. Dann fielen sie wieder auf die Bank, und er den Arm um sie gelegt, schliefen sie friedlich ein. Niemand nahm sonderlich Notiz vor ihnen.
Eine ganze Zeit später wachte er auf: „Becky, komm, wir gehn!“
Der Kopf schmerzte, die Knie zitterten, sie mussten sich erneut gegenseitig helfen.
„Ich brauch ’ne Tablette“, meinte sie.
„Woher?“
„Von Zuhause.“
Er war dieses einen sinnvollen Gedanken fähig: „Willst du so da reinlatschen?“
„Gehn wir halt zu Sabrina, die is‘ Zuhause, hält nicht viel von Karneval.“
Der Weg hätte normalerweise in zehn Minuten zurückgelegt werden können, aber ebenso normal ist es gewesen, dass Daniel und Rebecca eine halbe Stunde benötigten.
Sabrina öffnete ihnen und reagierte schnell: „Ruhig! Meine Eltern sind da! Geht in mein Zimmer.“ Schnell stibitzte sie Tabletten und schloss die Zimmertüre ab: „Hier.“
„Brauch keine“, maulte er.
„Danke“, Rebecca spülte die Tablette runter und gesellte sich zu Daniel aufs Bett.
„Ich muss noch mal runter.“
Als Sabrina kurze Zeit später das Zimmer betrat, bot sich ihr ein süßes Bild: Eng aneinander gekuschelt, so, als müssten sie sich gegenseitig wärmen, waren Rebecca und Daniel eingeschlafen.
Sabrina ließ sie schlafen und verzog sich, als ihre Eltern sich auf den Weg zum karnevalistischen Treiben machten, vor den Fernseher. Um zehn weckte sie die tief Schlafenden, die erst gar nicht wussten, wo sie sich befanden.
Daniel nahm eine der Tabletten: „Es war alles ein wenig zu viel heute. Ich gehe nach Hause. Mein Kopf schmerzt wie die Hölle. Du bleibst hier?“
„Ja, bleibe ich.“
„Gut, dann tschüss.“
Nachdem Daniel gegangen war, fragte Rebecca vorsichtig: „Es war nichts zwischen ihm und mir, oder?“
„Soweit ich weiß nicht.“
„Soweit du weißt?!“

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