Weiße Wörter

In winzigsten Teilen von Sekunden geschehen: Dieser Klick auf Veröffentlichen oder auf Senden und dieses Wort aus deinem Mund. Dann hängt im Raum, was du gedacht, was du gefühlt, was du überschnell ausgesprochen hast.

Und manchmal, nur den gleichkurzen winzigsten Sekundenteil später, spürst du Zweifel. Es ist, als würde sich etwas irgendwo zwischen Auge und Mittelkopf verdunkeln, und ein kleiner Brocken Bedauern setzt sich in deinem Hals fest. Du weißt plötzlich, dass deine Worte falsch waren, dass du sie zurücknehmen solltest, aber du kannst nicht mehr. Du wirst sie verletzen: Personen, die du kennst, kennen könntest, nie kennen wirst. Vielleicht nur ein bisschen, doch vielleicht auch bis in ihre Grundfesten. Du siehst sie zurückzucken vor dir, obwohl du eigentlich ganz anders bist, es gar nicht so meintest. Ja, doch, vielleicht schon, aber hättest du nur ein wenig länger analysiert, welche Worte dein Gehirn verlassen würden, du hättest sie umkehren lassen.

Unbedachte Ehrlichkeit verursacht oft Missstimmung, manchmal gar Schmerz. Daher formulieren wir unsere Sätze lieber weiß und verschleiern die Wahrheit. Es gab mal eine Zeit, in der es zum guten Ton gehörte, lediglich freundliche Höflichkeiten mit den meisten Menschen auszutauschen und Briefe mit der Hand zu schreiben. Letzteres hatte zur Folge, dass man, selbst wenn der Brief schon eingeworfen war und man zu zweifeln begann, ob er tatsächlich abgeschickt gehörte, vor dem Briefkasten auf die Leerung warten konnte und der einsichtige Postfahrer ihn einem wieder zurückreichen konnte.

Heute ist eine andere Zeit. Sie kann schneller zu Unstimmigkeiten führen, aber auch zu einer zügigeren Klärung. Immerhin warten wir nicht zwei Wochen auf die nächste schriftliche Nachricht. Und wenn doch … sollte uns das zu denken geben, ob wir die richtigen Worte gefunden hatten.

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Ein Kommentar zu „Weiße Wörter

  1. Manches muss eben raus, jetzt und sofort bevor man selbst platzt. Manches ist nicht zu Ende gedacht. Aber letztlich will ich bei einem Freund oder Freundin nicht das Gefühl haben, ich muss es zu Ende denken, manches denkt sich zu zweit besser.
    Aber gesagt ist gesagt und die mich kennen wissen, ich meine es nie grundsätzlich böse. Die kommen dann auch mit mir klar, wenn ich mal ….

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