Wir (und Freundschaft)

Es war windig und Regenwolken zogen auf. Sie schüttelte sich: Das war also der Sommer! Nicht zum Aushalten. Eilig ging sie weiter, als er ihr mit braungebranntem, aber sehr düster verzogenem Gesicht entgegenkam.
„Warum guckst du denn so grimmig durch die Gegend?“, fragte sie.
„Was soll schon los sein?“, muffelte er, ohne ihr dabei einen Blick zu schenken.
„Genau das möchte ich von dir wissen“, blieb sie am Ball.
„Ach?“, er verzog das Gesicht spöttisch.
„Vielleicht kann ich dir helfen.“
„Deine Hilfe brauche ich nicht“, er schwieg.
„Meine Güte, hast du schlechte Laune! Du bist zickig wie ein Mädchen. Lass es nicht an mir aus, denn ich habe dir schon mal gar nichts getan.“

„Nein?“, unter zusammengezogenen Augenbrauen prüfte er sie.
„Nein, da bin ich ganz sicher.“
„Wenn du meinst…“, er zuckte mit den Schultern.
Ihr wurde es langsam zuviel: „Hör mal, du bist zwei Wochen im Urlaub gewesen, das Wetter scheint umwerfend gewesen zu sein, an Mädchen wird es nicht gemangelt haben, also raus mit der Sprache!“
„Keinen Bock.“
„Gut, OK, wenn du es nicht anders willst, dann lade ich dich eben zu einem Eis ein.“
Sein Gesicht erhellte sich etwas: „Das kann ich nicht ausschlagen, lass uns in ein Café gehen!“
„Gut, machen wir.“
Der Weg ins Café war nicht weit und das war nur gut so: Länger hätte sie es nicht ausgehalten.
„Schieß los!“, drängte sie.
„Ich kam gestern gutgelaunt aus dem Urlaub zurück. Zuerst rief ich einen Kumpel an. Ohne sich lange über meinen Urlaub berichten zu lassen, erzählte er, was er in den letzten beiden Wochen öfters gesehen hatte.“
„Und was?“
„Rica und Frank.“
„Wer ist Frank?“
„Ein Schleimbeutel“, anscheinend fand er, dass diese Erklärung ausreichend war.
„Woher kennst du ihn?“
„Er geht in unsere Stufe.“
„Ja, und?“
„Ja und? Das kommt doch schon dem Fremdgehen gleich!“, erläuterte er entrüstet.
„Jaaaaaa, annähernd“, sie musste ihr Grinsen unterdrücken, doch er sah das Zucken um die Mundwinkel: „Du machst dich über mich lustig!“
„Stimmt“, gab sie offen zu.
„Warum?“
„War das vielleicht Ricas Rache, weil du ihr fremdgegangen bist, und das ja bekanntlich mehr als einmal. Ist nur gerecht.“
„Sie weiß nicht, dass ich …“
„Glaubst du das wirklich? Dann bist du dumm, blöd und bescheuert.“
„Du hast eine umwerfende Ader jemanden aufzuheitern“, raunzte er, nur um direkt hinterher zu fragen: „Woher sollte sie es wissen?“
„Was weiß ich? Stories über Fremdgehen verbreiten sich schnell und Stories über flotte Dreier um einiges schneller, die sind sehr beliebt.“
„Shit!“
„Ist doch ein guter Ausgleich, oder? Zumal sie, das garantiere ich dich, bestimmt weniger getan hat, als du es tatest und als du es nun von ihr glaubst.“
„Aber wenn sie Frank lieber hat …“, wollte er einwenden.
„… wird sie es dir sagen.“
Stur kam von ihm: „Vielleicht nicht. Vielleicht genießt sie es, dass sie zwei Typen hat?“
„Doch, sie wird es dir ganz sicher sagen. Sag mal, kam deine schlechte Laune nur daher?“
„Nur?“
„Du weißt, wie ich das meine.“
„Ja, das weiß ich. Nein, sie kam nicht nur daher.“
Die Bedienung kam, und sie bestellten zwei Cola.
„Und weshalb hattest du die weitere schlechte Laune? Muss ich alles aus dir herauskratzen?“
„Es hat etwas mit dir zu tun…“, begann er.
„Lass mich raten: Du würdest doch gerne mit mir schlafen“, sie grinste und erinnerte sich ohne Herzschmerz an ihr erstes richtiges Gespräch.
„Quatsch!“
„Schade.“
„Du würdest ja eh nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du bist zu verklemmt“, antwortete er prompt.
„Ist gar nicht wahr!“
„Ist egal.“
„Also, wieso hattest du wegen mir schlechte Laune?“
„Dein Ex kam mir eben entgegen.“
„Oh“, auch sie war ihm öfters begegnet, sie hatten sich gegrüßt und ein paar Worte gewechselt, aber es hatte keinen Vorfall gegeben, wegen dem sie schlechte Laune hätte haben müssen.
„Ich habe brav gegrüßt, er guckte mich böse an. Als ich an ihm vorbei wollte,
hielt er mich fest.“
„Was?“
„Ja, warte, das war nicht alles“, die Colas kamen, sie bezahlten, „Der Punkt war: Er schnauzte mich an: ‚Ich dachte, dass du eine Freundin hast? Warum machst du dann mit meiner rum?‘ – Uff, ich wusste erstmal nicht, was ich davon halten sollte. Aber dieser Blick von ihm … Nicht, dass ich ein Schisser wäre, du kennst mich, aber … Dann erklärte er, was passieren würde, wenn ich wage, dich anzupacken. Aber mitten in seiner ausführlichen Beschreibung begann er zu lachen und meinte: ‚Glaub mir kein Wort, ich bin anscheinend etwas neben mir. Viel Glück mit Rica!‘ Und das war alles? Jetzt war ich angepisst. Ich sagte ihm, dass wir beide lediglich befreundet seien. Doch er grinste hämisch und stolzierte weg. Darum, wegen diesem Vorfall, war ich so wütend.“
Sie sah ihn überrascht an: „Was wollte der denn? Na, ist ja umwerfend. Super. Und jetzt?“
„Keine Ahnung, hoffentlich hat dein Traumprinz nichts vor.“
„Erstens: Ich denke nicht, dass er etwas vorhat, aber eigentlich hätte ich ihn nie so eingeschätzt, wie du es eben beschrieben hast, was nicht heißen soll, dass ich dir nicht glaube. Zweitens: Er ist nicht mein Traumprinz, der sieht total anders aus.“
„So wie ich?“
„Ha, ha, mein Traumprinz ist doch kein Milchbubi.“
„Milchbubi? Was soll das denn heißen? Das habe ich überhört.“
„Mein Traumprinz ist doch kein Milchbubi“, wiederholte sie frech.
Er ging nicht darauf ein: „Wie sollte er denn aussehen?“
„Groß, südländisch, kurzes, gelocktes, dunkles Haar, ebenmäßiges Gesicht, gut gebaut …“
„Ein bisschen der Typ mit dem weichen Blick, der alle Frauen umhaut und sie sofort flachlegen kann?“
„Ja, ein bisschen vielleicht, aber das letzte würde er mit mir natürlich nicht machen können.“
„Natürlich nicht.“
„Nein, nein. Und bitte, nun sei mir nicht böse.“
„Warum sollte ich böse sein?“
„Weil ich dich eben als einen Milchbubi bezeichnet habe. Es ist … wie soll ich es sagen? Es ist, weil du noch … das hört sich dumm an, aber weil du zu jung bist, um richtig männlich zu sein.“
„Da gehen wir besser nicht weiter drauf ein. Nur eins noch: Wenn ich in deinen Augen männlich bin, würdest du es mir dann sagen?“
Sie nickte.
„Hm, mal sehen. Sieht dein Traumprinz aus, wie der Typ dort?“, er zeigte auf einen Jungen, der am Fenster vorbei ging. Der Ärmste war ziemlich klein und schmächtig, jünger als sie beide, trug eine dicke Hornbrille, hatte den Mund geöffnet, sein Karohemd war vom Regen durchnässt, und die Haare klebten an seiner Stirn: Er glich dem, was man unter einem Streber verstand.
„Das Gegenteil …“, sie stockte und starrte. Er dachte schon, dass wie bei den letzen Malen Stefan gesehen hätte, als er erkannte, was oder besser wer sie lähmte: „Das ist dein Prinz?“
„Jow“, es klang wie ein Krächzen.
„Ah ja, der sucht einen Tisch; komm, wir bieten ihm einen Platz an!“, bevor sie etwas sagen konnte, winkte er dem Typen: „Suchst du einen Platz?“
Der Typ lächelte ermattet: „Ja, das wäre wirklich nett. Ich bin total im Arsch, dieser Scheißregen! Wisst ihr, ich habe einen langen Marsch hinter mir.“
Geile Stimme, dachte sie und versank ins Träumen.
„Setz dich zu uns“, forderte er ihn auf.
Sie machten sich miteinander bekannt. Er hieß Arno, der Name entlockte ihr ein Glucksen. Arno reagierte nicht, sondern kramte ein Computerbuch heraus und sagte: „Sorry, ich muss gleich zu einem Seminar und muss alles noch mal durchgehen.“
„Geht klar“, Daniel lächelte, sie nicht. Mit einem Blick hatte sie seine Fassade durchschaut: Ein Computerheini! Sie war wütend und fühlte sich von ihrem Prinzen blamiert, so blamiert, dass sie ihre Gehässigkeit durchschlagen ließ, und in Arnos Richtung zu spötteln begann: „Zurück zum Thema: Der Typ, den du mir eben gezeigt hast, sah aus wie ein Streber, und die finde ich furchtbar langweilig. Man hat das Gefühl, dass sie sich für keinen anderen Menschen interessieren.“
Er starrte sie unglaublich dämlich an und brachte nicht mehr als ein ‚Äh‘ raus: Was war nun in sie gefahren? Denn dass sie nicht von dem Jungen von eben redete, wurde ihm durch ihre Seitenblicke auf Arno nur zu klar.
„Ich verstehe dich auch ohne Worte“, fuhr sie unbarmherzig fort, „Vielen Strebern wird erst zu spät klar, dass sie sich verschenkt haben, an ihren Computer, ihre Hefte, ihre Bücher. Wenn die ersten Haare schon grau sind, fragen sie sich: ‚Wo war meine Jugenzeit?'“, sie lächelte böse, und wagte einen Blick zu Arno hinüber, der immer noch in sein Buch vertieft war, und dessen Gesichtsmuskeln nicht zeigten, ob er zugehört hatte. Vor lauter Boshaftigkeit wollte sie mehr sagen, aber sie wusste leider kaum noch etwas: „Ja, und
überhaupt“, setzte sie noch einmal an, „Die meisten Streber sind einfach nur scheiße, oder?“
Da hörte sie ein Lachen: Es war Arno! Sie drehte sich zu ihm hin, doch er konnte nicht zu lachen aufhören und ihrem Blick deswegen nicht standhalten. Als sie beginnen wollte zu sprechen, kriegte er sich wieder ein: „Das war gut, wirklich gut. Ich bin bloß schüchtern und setze mich eigentlich nur sehr ungerne zu fremden Leuten an den Tisch. Ich bagger auch gar nicht gerne Mädchen an, aber ein Streber bin ich wirklich nicht.“
Sie wurde rot und stammelte: „Ähm … das war doch gar nicht auf dich bezogen!“
„Nicht? Unverschämte Lügnerin“, Arno lächelte.
Er wandte sich an ihn: „Du hast sie geschlagen, ein Punkt für dich“, er grinste.
„Halt die Fresse!“, raunzte sie ihn an.
„Na, na, das ist aber kein Umgangston für Verliebte“, tadelte Arno.
„Wir sind nicht verliebt“, erklärten beide prompt.
„Nicht? Seid ihr Geschwister?“
„Nein.“
„Sagt bloß, ihr seid einfach nur Freunde?!“
„Warum sollten wir das denn nicht sein?“
„Ach, wenn man das was wir haben überhaupt Freundschaft nennen kann, ich würde es anders bezeichnen“, kam es etwas aggressiv von ihr.
„So? Und wie?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ihr seid zum Reden hier?“, Arno sah von einem zum anderen.
„Ja.“
„Ist da was besonderes dran?“, erkundigte er sich.
Arno bestellte einen Kaffee und meinte dann: „Ich find irgendwie schon. Über was redet ihr denn?“
„Oh, über vieles“, er war sichtbar verwirrt. Für ihn war seine ‚Freundschaft‘ mit ihr ganz normal. Und ehrlich: Er hatte es nie als Freundschaft betrachtet, eher als eine lockere Unterhaltung, wenn sie sich zufällig trafen. Aber
vielleicht war es doch besonders, vielleicht war es eine Freundschaft. Eine halbe zumindest.
„Auch über Liebe?“, wollte Arno wissen,sein Kaffee wurde gebracht und er bezahlte.
„Ja, auch über Liebe.“
„Ne Freundschaft also.“
Musste erst ein Fremder kommen und ihnen erklären, was das zwischen ihnen war? Zickig sagte sie: „Du meinst, wir hätten also eine echte Freundschaft? Das wäre mir aufgefallen. Ja, es ist so, dass wir miteinander reden, aber verabreden tun wir uns nicht, und während jedes Gespräches streiten wir uns mindestens einmal.“
„Das ist wurscht“, fand Arno, „Es ist sogar gut.“
„Nein, Streit ist nicht egal, nicht diese kleine Streitereien“, mischte er sich ein.
Arnos Lächeln wurde breiter: „Gerade deswegen kann man es doch Freundschaft nennen. Aber passt bloß auf: Mit mir und meiner Freundin war es ganz ähnlich, Zuerst …“
Sie registrierte nur das Wort ‚Freundin‘.
„… waren wir befreundet, dann wurde es mehr. Wir sind zwar glücklich, aber das kann irgendwann vorbeisein, und dann werdenwir wahrscheinlich keine Freunde sein. So, und jetzt muss ich los“, er kippte seinen Kaffee runter: „Ich muss zum
Seminar. Wir sehen uns bestimmt nochmal. Also, baut eure Freundschaft aus! Viel Spaß dabei“, er grinste und ging.
Am Tisch wurde es ruhig: Sie überlegte und er spielte mit einem Glasuntersetzer, bevor er fragte: „Glaubst du, dass er Recht hatte?“
„Womit?“
„Dass wir Freunde sind.“
„Warum sollten wir keine Freunde sein? Es ist nur so, dass ich denke, dass wir nie richtige Freunde sein werden, wir werden eher Bekannte bleiben“, sie erläuterte es nicht näher, aber er setzte hinzu, „Ja, ich ziehe dir massig viele Leute vor, und das ist nicht böse gemeint.“
„Genau wie ich viele Leute eher als meine Freunde ansehe als dich. Unsere Bekanntschaft ist so … so zufällig.“
„Wahrscheinlich sind wir nur nett zueinander, damit der eine keinen Müll über den anderen erzählt und sich nicht bei anderen Leuten über ihn beklagt.“
„Wahrscheinlich.“
Sie schwiegen und wussten beide, dass das absoluter und hirnrissiger Quatsch war, aber das wollten ihre Starrköpfe nicht zugeben.
Als die Colas leergetrunken waren, gingen sie in verschiedene Richtungen.

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