Wir (und Hoffnung)

Dieses Mal waren nur zwei Tage vergangen, als er sie wiedersah und fast besorgt klingend fragte: „Wie geht es dir?“
„Phantastisch! Ich fühle mich frei und ungebunden.“
Er suchte nach Spuren der Ironie auf ihrem Gesicht, konnte jedoch keine entdecken: „Wirklich?“


„Natürlich! Die Begegnung mit Stefan gab den Ausschlag. Mittlerweile denke ich, dass ich begriffen habe, dass es keinen Sinn hat an etwas zu hängen, das keine Zukunft hat. Und es hat ja den Anschein, als hätten Stefan und ich keine Zukunft gehabt, sonst hätte er nicht schon ’ne Andere.“
Da er nicht glauben konnte, was er da hörte – als wäre sie wirklich schon so relaxt … – schlug er vor: „Weißt du was? Ich lade dich zu einem Eis ein.“
„Haste Geld zuviel?“
„Ja. Rica ist im Urlaub und deshalb muss ich für die kein Eis ausgeben“, er grinste.
„Und was ist mit deinen zahlreichen Affären?“
„Ich und Affären?“
„Ja, du und Affären.“
„Affären? Direkt schon Mehrzahl? Na, wir wollen mal nicht übertreiben.“
„OK, dann eben nicht.“
„Bist du nun eingeschnappt, dass ich dir nichts von den Affären“, er betonte das Wort, „erzähle?“
„Nein, sollte ich denn?“
Sie lächelte, und kam zum eigentlichen Thema: „Gehen wir in eine Eisdiele, in die du mit Rica gehst?“
„Klar, warum nicht? Dort gibt es das beste Eis.“
„Hoffentlich denken die nicht, dass ich deine Neue sei.“
„Du machst dir vielleicht Gedanken. Merke dir für die Zukunft: Was gehen dich die Gedanken von anderen Leuten an? Was hast du damit zu tun, was die Eisverkäuferin denken würde? Und selbst wenn sie etwas denkt: Na und? Soll sie doch. Jeder Mensch darf seine Gedanken haben.“
„Was ist, wenn Rica davon erfährt?“
„Rica kennt die Eisverkäuferin nicht.“
„Aber es werden weitere Leute da sein.“
„Was soll’s?“, er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, „Das würde ich wieder hinbiegen. Zur Not stelle ich dich Rica vor, das wird schon nicht das große Ding sein.“
Sie gingen los Richtung Eisdiele und er nahm den Gesprächsfaden auf: „Du sagtest eben, dass du denkst, dass deine Liebe, wenn man es so nennen kann, zu deinem Ex keine Zukunft hatte und hat. Das sehe ich nicht so!“
„Und wieso siehst du das nicht so?“
„Nun, ich habe Informationen aus erster Hand“, er wollte eine bedeutungsschwere Pause machen, aber sie verkürzte diese, indem sie forderte: „Muss ich dir alles aus der Nase ziehen? Was für Infos? Nun sag es!“
Über ihre Ungeduld lächelte er: „Ich habe gehört, dass er noch vorgestern mit dieser Tatjana Schluss gemacht hat. Was sagst du dazu?“
„Sehr interessant“, äußerlich wirkte sie gelassen, aber innen begann es zu brodeln und zu kochen: Ob er wegen ihr Schluss gemacht hatte?
„Ich finde das auch sehr interessant.“
„Denke dir nicht zuviel dabei. Der Grund ist ziemlich offensichtlich.“
„Ach ja?“, fragte er neugierig.
„Kein einigermaßen vernünftiger Junge hält eine so affektierte Tussi aus! Hast du noch im Ohr, wie sie sprach, und dann dieses: Du kannst mich ja einladen! Wäre es aus Scheiß gesagt worden, hätte es anders geklungen.“
mit strahlendem Lächeln und freundlich: „Guten Tag!“
In der Eisdiele angekommen lotste sie ihn auf die Terrasse.
„Es gibt eine andere Antwort auf seinen plötzlichen Schlussstrich und du willst ihn dir nur nicht eingestehen, weil …“, begann er wieder, „du nicht glauben kannst, dass er immer noch etwas an dir finden könnte, weil du genau weißt, was
für ein Biest du bist.“
„Halt am besten die Klappe, sonst hast du blaue Schienbeine! … Oh, hör‘ mal, das Lied!“
Der plötzliche, abrupte Themenwechsel machte ihn fassungslos, dann hörte er auf das Lied: „Das findest du gut? Auf so etwas stehst du?“
„Ja, es ist so leicht …“
„Es ist Reggae“, war seine abfällige Meinung.
„Und den magst du nicht? Seltsam, dabei ist es doch Kiffermusik, oder?“
„Nur weil einige von denen gekifft haben und kiffen, muss es nicht gleich die Kiffermusik aller sein.“
„Ich mag im Grunde auch bloß drei Reggae-Songs“, schränkte sie ein.
„Und ich mag keinen.“
„Kommst du dir jetzt cool vor? Mir ist das schließlich egal, wegen der Musikrichtung fange ich keinen Streit mit dir an.“
„Wieso denn nicht? Ich dachte, wir könnten uns unsere wunderbaren Wortgefechte liefern.“
„Keinen Bock.“
„Also bist du sauer – immer noch sauer, auf deinen Ex.“
„Warum sollte ich?“
„Warum sollte ich?“, äffte er ihr nach.
„Sie wünschen?“ die Bedienung wurde zum Besänftiger. Er bestellte einen Joghurtbecher, während sie alles etwas komplizierte: „Sind die Erdbeeren frisch?“
„Natürlich, gerade um diese Jahreszeit.“
„Gut, und was ist mit den anderen Früchten auf dem Fruchtbecher?“
„Die sind ebenfalls frisch.“
„Sagen Sie das nicht so locker, beim letzten Mal kamen sie aus der Dose“, stellte sie sachlich klar.
„Dann waren Sie zur falschen Jahreszeit hier.“
„Wenn vor zwei Wochen die falsche Jahreszeit gewesen ist, dann stimme ich Ihnen zu. Und in den Erdbeermix, kommt da nur Eis, oder auch frische Früchte?“
„Auch frische Früchte.“
„Was für Eis ist im Joghurtbecher?“
Die Bedienung zählte das Eis auf, aber sie schüttelte unwillig den Kopf, er dagegen musste sich das Lachen verkneifen. „Nein, dann nehme ich keinen Joghurtbecher“, sie überlegte, „Was ist denn beim Banana-Split?“
„Das ist eigentlich eine Überraschung.“
„Ich hasse Überraschungen“, log sie.
Die Bedienung ergab sich: „Eine Banane mit Erdbeer-, Vanille- und Bananeneis, SchoKoladensoße und Streusel.“
„Das spricht mich nicht an. Nein, ich nehme ein Eis mit vier Kugeln: Zwei Nuss und zwei Schokolade. Außerdem ein Schälchen Erdbeeren mit einem kleinen Klacks Sahne.“
Die Bedienung seufzte und ging. Nun konnte er nicht mehr an sich halten: „Bist du total bekloppt? Ich wäre vor Lachen fast erstickt.“
„Da habe ich ja fast eine gute Tat vollbracht, aber das war schließlich meine Absicht, schade, dass es nicht geklappt hat. Ich sollte zur Schauspielschule gehen, was meinst du?“
„Ja, das solltest du“, stimmte er nachdenklich und überlegend zu.
„Na dann“, sie lächelte zuckersüß, „Wo waren wir stehengeblieben?“
„Wir hatten uns beschimpft, obwohl wir uns nicht beschimpfen wollten…“
„Sollen wir weitermachen?“
„Nein, mit Rica streite ich genug …“
„Das ist gut und belebt die Beziehung. Hätte ich vielleicht auch machen sollen.“
„Für solche Streitereien ward ihr nicht lange zusamm … Ich glaub’s nicht. Wir haben einen unglaublichen Riecher für dämliche Situationen“, er starrte wie gebannt auf die Straße, sie folgte seinem Blick: Wieder ihr Ex!: „Verdammt, bitte lasse ihn nicht kommen“, flehte sie.
Auch Stefan hatte sie gesehen und sah sofort in eine andere Richtung, bis er an ihnen vorbeikam, da grüßte er, sie grüßten zurück, luden ihn aber nicht ein sich zu ihnen zu setzen, sondern sahen ihm schweigend nach.
„Oh man, der denkt sich seinen Teil.“
Er nickte: „Hast du seinen Blick gesehen?“
Sie zögerte, ehe sie sagte: „Nein, habe ich nicht.“
„Hast du Scheuklappen auf den Augen?“, er blickte sie aufmerksam an, und sah, dass es ihr gewiss aufgefallen war, dass sie jedoch seine Meinung abwarten wollte, „Er war enttäuscht, verletzt und irgendwie hoffnungslos. Der Blick wäre unter Garantie anders gewesen, wenn ich nicht hier gewesen wäre.“
„Seit wann bist du ein Menschenkenner?“
„Schon immer. Vorher kanntest du leider nur meine schlechten Seiten.“
„Ich kannte auch gute.“
„Und was für welche?“
„Ähm …“
„Na, siehst du! Du hast dich nur auf meine üblen Seiten konzentriert, damit du was zum mosern hast.“
„Nein, nein“, beruhigte sie ihn, „Also: Du bist nett, hörst gut zu, sagst deine
Ansichten und siehst gut aus …“
„Findeste?“
„Ja, sonst würde ich es nicht sagen. Was eben nicht gut ist, ist das Fremdgehen und das Kiffen.“
„Ach“, er zuckte mit den Schultern, „Das kann dein Lob nicht mehr schwächen“, er strahlte.
„He, war ja alles geschauspielert“ , versuchte sie ihn
auf den Teppich zu holen, aber das Grinsen eines kleinen Jungen,
der zum ersten Mal in seinem Leben ein Lob erhalten hatte,
verschwand nicht aus seinem Gesicht.
Die Bedienung kam und stellte das Bestellte vor die Beiden: „Wenn ich dann auch direkt kassieren dürfte?“
„Nicht so förmlich.“
„Genau, Sie können uns ruhig duzen.“
„Richtig.“
„Ja, also dann: Würdet ihr bitte zahlen?“, die arme Frau war aus dem Konzept gebracht.
„Gerne. Sehen Sie, es geht ja“, sie lächelte schelmisch. Als die Bedienung, nahezu ohne Trinkgeld – was konnte man auch von Schülern erwarten? -, ihre Runden machte, grinsten sie sich an, und er fand: „Wir sind echt ein gutes
Team!“
„Klar, gib mir fünf!“, sie grinste, ein Handschlag folgte. Genüsslich ließen sie sich ihr Eis auf der Zunge zergehen, standen dann gesättigt auf und schlugen den Heimweg ein. Vor der Haustür gab er ihr einen Klapps auf die Schulter: „Und ich
wette, dass er noch etwas von dir will.“
Sie zuckte mit den Schultern und wirkte mit den Gedanken weit weg: „Meinst du?“
„Mehr kommt da jetzt nicht?“
„Nö. Tschüss.“
„Tschüss.“
Sie drehte sich noch einmal um: „Danke übrigens. Dass du mich unterstützt.“
„Wobei?“
„In meiner Hoffnung.“
Er grinste und dachte: ‚Gern geschehen.‘

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