Wir

Mein 15jähriges Ich schrieb eine Liebesgeschichte über zwei Nachbarkinder. Hier der Einstieg:

„Hallo!“
„Hi“, er musterte sie, „Du stehst ja schon wieder auf Inlinern!“
„Irgendwann muss ich es auch mal können ohne andauernd hinzufliegen.“
Er grinste: „Wie weise, wie weise.“


„Werd bloß nicht überheblich. Dass du es kannst, weiß ich: Vorwärts, Rückwärts, mit Sprüngen … Fehlt nur, dass du dich überschlägst.“
„Ich bin gerade dabei das zu lernen. Aber was soll’s? Immerhin habe ich sie um einiges länger als du.“
„Der eine Monat!“, sie schüttelte den Kopf, „Mein Problem ist, dass ich Schiss habe zu stürzen.“
„Den darfst du natürlich nicht haben, ebenso wenig wie du ihn beim Skifahren haben darfst: Was kann schon passieren?“
„Genug.“
„Ach quatsch. Du bist relativ gut geschützt.“
„Heute stand in der Zeitung, dass …“, sie unterbrach sich, denn sie merkte, dass es keinen Sinn hatte, mit ihm darüber zu diskutieren. Schlagartig wechselte sie das Thema und fragte: „Wie lang sollen deine Haare eigentlich werden?“
„Bis ich mir einen Zopf machen kann. Siehst du, so“, er zeigte ihr, was er meinte, nahm die Haare zurück, so dass sie sehen konnte, dass er die untere Hälfte abrasiert hatte.
„Sieht ganz schön bescheuert aus“, war ihr kurzer Kommentar.
„Findest du? Das habe ich bei ’nem Freund mit einem Rasierapparat gemacht. Wieso gefällt es dir nicht?“
„Weil es so durchschnittlich ist. Und ein Zopf würde dir sowieso nicht stehen und Haargummis würdest du auch verschwenden.“
„Hä? Wieso?“
„Weil ich sie dir aus den Haaren ziehen werde.“
„Dann hole ich sie mir wieder.“
„Ich werde sie einfach an Stellen verstecken, an die du dich nicht hintraust“, sie deutete auf ihren Busen.
„Warum sollte ich mich dort nicht hintrauen? Wäre ja nicht der erste, den ich anpacke.“
„Wenn du mir dahin gehen würdest, würde ich Gerüchte über dich verbreiten.“
„Gerüchte? Was denn für Gerüchte?“
„Dass du jedes Mädchen, ob du es nun kennst, oder nicht, betatschst, oder dass du sex-besessen bist, oder … Irgendwas wird mir da schon einfallen. Aber du bist auch wirklich blöd.“
„Vielen lieben Dank auch. Und wieso?“
Sie wusste genau, was sie darauf antworten konnte, sollte und wollte, aber sie traute sich nicht richtig. Vielleicht würde er sich dann verabschieden und sie nicht mehr ansehen. Denn im Grunde stand es ihr nicht zu, diese Art von Vorwürfen und die damit verbundenen Fragen zu äußern, weil sie zwar bereits längere Zeit nebeneinander wohnten, sich aber trotzdem nicht sonderlich gut kannten.
„Und? Ich warte.“
„OK“, sie raffte sich auf. Was konnte sie verlieren? Freundschaft war das zwischen ihnen eh nicht, und wenn er nicht mehr mit ihr sprechen wollte, würde sie auch ganz gut ohne ihn leben können: „Weil du ein totaler Angeber bist und mit jeder Mode gehen musst: Du darfst dich bloß nicht uncool fühlen.“
„Für diese grausamen Vorwürfe haben Sie gewiss Beweise oder wenigstens Beispiele?“
Sie überlegte: „Ich denke schon. Da sind also zum einen deine Haare. Die willst du dir doch der Coolheit und der aktuellen Mode wegen wachsen lassen, oder?“
„Oder vielleicht, weil ich es einfach schön finde?“
„Vertraue auf den Rat eines Mädchens: Es sieht so unbeschreiblich hirnlos und idiotisch aus, ich finde kaum Worte.“
„Ist ja nicht so, als hättest du eine außergewöhnliche Frisur …“, er schien zu merken, dass er motzig klang und stellte noch einmal klar: „Du kriegst mich nicht rum. Ich lasse mir die
Haare wachsen, und es wird gut aussehen“, doch sicher klang er nicht mehr.
„Ich kann dir noch andere Beispiele geben. Dafür sollten wir allerdings besser nicht vor eurem Haus stehen.“
„Oha. Und wo sollen wir hin?“
„Auf die Bank bei der Wiese.“
Sie fuhren auf ihren Inlinern in schönster Eintracht nebeneinander her. Bei der Bank angekommen, ließen sie sich umständlich nieder. Während sie die Stille in sich aufsog, drängte er: „Fang schon an. Ich möchte mehr über mich erfahren.“
Da sie merkte, dass er sich ein wenig über sie lustig machte, zögerte sie: „Ich komme mir vor wie eine Mutter, die ihrem unartigen Sohn beim Kreuzverhör gemeine Fragen stellen soll.“
„Mir macht das nix, und ich sage es keinem. Vielleicht ist es ganz gut, wenn jemand weiß, wie ich bin.“
„Warum bin ich die Auserwählte, die erfahren soll, wie du bist und wie nicht?“
„Weil man mit dir vernünftig reden kann.“
„Vielleicht findest du das nach der nächsten Frage nicht mehr“, sie holte kurz Luft: „Wieso erzählst du allen, du hättest mit deiner Freundin geschlafen, obwohl sie das Gegenteil behauptet?“
„Woher weißt du das?“
„Geheime Quellen.“
„Ah.“
„Bekomme ich keine Antwort?“
Er wurde etwas kleinlaut: „Das ist wohl … Das liegt daran, dass …“ \ Nein, bevor er es öffentlich zugeben würde, würde er sich eher die Zunge abbeißen.
„Ja?“, fragte sie gespielt erwartungsvoll, und wettete insgeheim mit sich, dass sie keine Antwort bekommen würde.
„Dafür gibt es keine Antwort“, versuchte er sich dann auch tatsächlich herauszureden.
„Doch, die gibt es.“
„Mensch, wieso fragst du das? Ich meine …“
„Siehst du nun selbst, dass du ein Angeber bist?“
Das wollte er nicht so stehenlassen: „Ach was“, begann er mit dem Versuch sich zu retten: „Es ist nur so, dass mein Freund nach zwei Monaten mit seiner Freundin geschlafen hat, Rica und ich sind aber schon ein halbes Jahr zusammen und sie fühlt sich mit 15 immer noch zu jung.“
„Und es ist dir peinlich, mit 15 mit keinem Mädchen geschlafen zu haben?“
Diesmal hatte er den Trumpf in der Hand: „Wer sagt, dass ich mit keinem Mädchen geschlafen habe?“
„Ich.“
„Und das ist automatisch richtig?“
„Ja.“
„Nun, es ist aber trotzdem falsch.“
Weil er ihr ohne zu zögern in die Augen sah, stockte sie und wusste, dass sie ihm das glauben konnte: „Naja, OK, dann habe ich mich in diesem Punkt getäuscht, aber um mal zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Du überspielst die für dich peinliche Situation, nämlich dass Rica noch nicht mit dir schlafen will, mit einer angeberischen Lüge.“
Die drei schlechten Dinge, die diese eine Aussage beinhaltete, ließen ihn zusammenzucken. Noch mehr aber erschrak er, weil sie die Wahrheit sagte.
„Na ja, ich habe weitere Beispiele. Willst du sie hören?“
„Ja“, er atmete tief durch.
„Wieso rauchst du?“
„Wieso rauchst du denn?“
„Lenke nicht ab. Ich rauche ja sowieso nicht.“
„So?“
„Ich habe vor drei Monaten das letzte Mal gezogen – an deiner Zigarette übrigens. Die Dinger sind mir zu bitter und zu teuer.“
„Aber davor hast du erst eine Woche geraucht!“
„Daran siehst du, dass ich nicht mal richtig geraucht habe: Es schmeckt mir nicht.“
„Aber mir schmeckt es.“
„Oh ja, natürlich“, sagte sie spöttisch.
„Du glaubst mir gar nichts!“
„Doch, sicher“, Ironie triefte.
„Mensch.“
„Schon gut, ich werde dir keine Fragen mehr stellen.“
„Doch: Nächste Frage!“, forderte er.
„Reichen die nicht?“
„Eigentlich schon, aber das Beste hast du dir gewiss für den Schluss aufgehoben.“
„Das Beste? Eher das Schlimmste: Du nimmst Drogen?“
„Nein.“
„Und wovon warst du die letzten zwei Samstage high?“
„Wie…? Ehrlich! Wer tratscht so über mich?“
„Bin ich blöd, oder was? War ich die letzten zwei Samstage nicht ebenfalls in der Disco?“
„Du bist dort gewesen?“
„Ach nee. Ich stand vor dir, als du mich angemacht hast.“
„Ich habe dich angemacht?“, er wurde rot.
„Wenn ich es sage …“
„Aber ich habe letzte Woche nichts geraucht oder so…“
„Das konnte man, um ehrlich zu sein, nicht so genau sehen, weil du zusätzlich so blau gewesen bist, dass du nur mit Hilfe stehen konntest!“
„Oh scheiße.“
„Davor die Woche, und da bin ich mir sicher, hast du nichts getrunken und warst high.“
„Ich weiß. Ich habe an dem Abend zum ersten Mal was Starkes ausprobiert.“
„Sicher, zum ersten Mal.“
„Mir war nachher gar nicht gut, und ich werde es nicht wieder tun.“
„Denke nicht, dass du dich rausreden könntest, gekifft hast du lange vorher.“
„Woher….“
„… ich das weiß? Du hättest deinen Freundeskreis nicht derart auffällig wechseln sollen: Von Nicht-Kiffern zu Kiffern ist ein bisschen sehr blöd.“
„Du musst mich ziemlich mögen, wenn du mich so beobachtest und durchschaust.“
Ins Schwarze getroffen!: „Kann schon sein“, wich sie aus.
Nach einer nachdenklichen Pause fragte er: „Würdest du mit mir schlafen?“
„Wie bitte?“, sie starrte ihn entgeistert an.
„Würdest du mit mir schlafen?“, wiederholte er.
„Geht’s dir gut? Hast du Fieber?“
„Nein, wieso? Ich würde eben nur mal gerne mit dir schlafen.“
„Du hast eine Freundin.“
„Die bemerkt nicht mal, dass ich kiffe, selbst wenn ich neben ihr sitze.“
„Du kannst dich mal alleine“, sie stand auf.
„War doch nicht so gemeint.“
„Doch, war es!“, war sie sich sicher. „Aber das wäre ja alles nicht so schlimm. Und ja, vielleicht würde ich mit dir schlafen, aber du müsstest mich lieben und aufhören zu kiffen, aufhören den Macho zu spielen und es wäre gut, wenn wir mindestens zwei Monate zusammen wären.“
Auch er stand auf: „Danke. Würdest du auch nach einem Monat mit mir schlafen …? Wie gesagt, ich würde gerne mit dir schlafen.“
„Trenn dich von Rica.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und einen auf den Mund: „Mal sehen. Fürs erste verschieben wir es“, lächelnd sah er sie an, was sie mit einem eher schiefen Grinsen zu erwidern versuchte, ehe sie schnell wegfuhr, damit er die Tränen in ihren Augen nicht mehr sah.

Damals, als ich es schrieb, war ich – natürlich – in meinen Nachbarsjungen verknallt und stellte mir solche Gespräche mit ihm vor, woraus sich 44 Kapitel ergaben. Manches ist tatsächlich gesprochen worden, doch das meiste entstammt meiner Phantasie. 

Smartphones, ja nicht mal Internetzugang in durchschnittlichen Haushalten gab es damals. Und doch denke ich, dass sich zwischen Jugendlichen damals und jetzt nicht viel verändert hat. 

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3 Kommentare zu „Wir

  1. Man kann sehr gut eintauchen in diese Szene. Sie wird schnell bildhaft. Fühlte mich zurückversetzt in jene Zeit, in der es schwierig und oft schmerzhaft ist, wahrhaftig zu sein und sich nicht mit Halbheiten zu begnügen. Ach, eigentlich bleibt es schwierig und schmerzhaft, wenn man seine Grundsätze behält. Aber es lohnt sich dennoch – nicht immer beim ersten Anlauf. Auch hier darf mein keine Angst haben, zu stürzen. Der Schluss ist rührend und entzückend zugleich. Würde sie gerne in den Arm nehmen.

    1. 🙂 Wollen 15jährige Mädchen von uns „Älteren“ wirklich in den Arm genommen werden? Oder suhlen sie sich nicht eigentlich auch ganz gut in ihrem Leid, das sich selbst über vieles andere stellt, aber noch größer wird, wenn Umwelt, Unfälle und sonstige Katastrophen dazukommen.
      Bin mal gespannt, ob du es weitermitlesen wirst. (Und ob ich es weiter „editiere“).
      Lieber Gruß!

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