Auf Pause

Seitdem sich eben der Regenbogen über der Strandpromenade gespannt hatte, jubilierte es in ihr. Weil sie diese Stadt liebte. Weil sie ihr Leben liebte. Und weil sie doch auch froh war, den Heimweg anzutreten. Nur noch eine zwölfstündige Busfahrt trennte sie von Sydney, nur noch fünf Tage vom Rückflug. Und insgesamt nur noch sieben Tage davon, ihr Leben wieder aufzunehmen, wo sie es hatte liegen lassen, oder es komplett zu verändern. Sie war so angefüllt mit Plänen für die kommenden Monate. So froh, dass sie hier gewesen war, so froh, wieder zurückzukommen.

Das Leben auf Pause zu setzen und sich herauszuziehen aus allem, was Zuhause auf sie eingestürzt war, war eine gute Entscheidung gewesen. Doch auf Dauer konnte sie sich dem wahren Leben nicht entziehen. Und das wahre Leben war nicht das hier. Nicht diese absolute Freiheit, nicht dieses Rumgammeln, die tausend neuen Menschen, die sie getroffen hatte. Natürlich, es hätte Großartiges entstehen können: Sie hätte den Mann für immer treffen, den Job für immer landen, die Worte für immer aufs Papier bringen können, doch das hatte sie nicht getan.

Und als sie nun im Bus saß, und die eine Person auf dem ganzen Kontinent, die ihr etwas bedeutete, auf sich zukommen sah, lächelte sie breiter. Der Regenbogen hatte ihre Erwartungen schon jetzt erfüllt. „Du hier“, meinte sie und legte den Kopf schief. „Ich hier“, sagte er, „weil ich mein Busticket auf deinen Bus umbuchen konnte.“

Sie baten ihre Sitznachbarn zu tauschen, sodass sie nebeneinander sitzen konnten, um das Abenteuer, das sie nicht hatten gemeinsam erleben wollen, zumindest gemeinsam zu Ende zu führen. Sie berichteten sich von ihren Reisen, von ihren Erlebnissen, von ihren Bekanntschaften.

„Du hast dich verändert“, stellte er fest. Doch sie schüttelte nur den Kopf: „Nein, ich glaube, du hast mich zu Beginn einfach anders in deinem Hirn gehabt. Weil … Ich denke, wenn wir gemeinsam gereist wären, hätte es uns nicht glücklich gemacht. Und nun sind wir es, oder?“

Und als sie irgendwann in den zehn Stunden seine Finger an ihrem Körper fühlte, seinen Mund auf ihrem spürte und sich in Sydney doch auf unbestimmte Zeit von ihm verabschiedete, war sie zufrieden. Tief zufrieden. Er war der Grund gewesen nach hier zu kommen. Und doch war er es nicht, der es zu einer tollen Reise gemacht hatte. Das war ganz allein sie selbst gewesen.

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4 Kommentare zu „Auf Pause

  1. Hallo Stefanini!

    Eine wunderbare Geschichte ist das! Nach dem Lesen fühlt man sich im Herzen ein wenig optimistischer, ein wenig glücklicher. So munter und bunt wie ein Regenbogen! Es ist wirklich erstaunlich, wie du es schaffst so viel Emotionen in einen Text zu verpacken.

    Dein Stil gefällt mir auch sehr gut: Mit deiner abwechslungsreichen Sprache und deinen Bildern lässt sich der Text in einem Zug durchlesen. So bleibt die Spannung auch beim wiederholten Lesen. 😀

    Ich freue mich auf weitere Texte. 🙂

    Liebe Grüße, Anni

    PS: Vielleicht hast du Lust, auch einmal auf meinem Blog vorbeizuschauen:
    http://annikajusten96.wix.com/schreibe-dich-tot

    1. Liebe Annika,
      dass die Geschichte das tatsächlich bei dir erreicht hat, finde ich super. Ich hatte mir eigentlich gedacht, dass die Schreibweise durch die Schachtelsätze ein wenig zu schwerfällig wäre, aber das scheint bei dir ja nicht so angekommen zu sein.
      Danke für deine Worte! Deinen Blog schaue ich mir gerne mal an, wobei ich bei der Blogadresse erst einmal ein bisschen irritiert war, wie ich zugeben muss.
      Lieber Gruß

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