Die Hinterherläuferin

Am wenigsten mochte sie es, angehimmelt zu werden. Angehimmelt von einem Mädchen, das ihr immer wieder zeigte, wie gerne es wäre wie sie. Es lief den Typen hinterher, die sie gut fand, stellte sich zu ihnen, suchte deren Blickrichtung, erhoffte sich Gespräche, die es dann brühwarm weiterreichen konnte. Doch als es zwei Tage nach ihr seine Unschuld verlor und dafür seinem Freund fremdging, mit dem es sich keinen Sex hatte vorstellen können, platzte ihr der Kragen.

Sie kündigte dem Mädchen die Freundschaft, ohne dass es das mitbekam. Und weil ihr der Kragen geplatzt war, nutzte sie ihr Wissen um die Fremdgehgeschichte und berichtete diese um Stillschweigen bittend wem anders, und der wiederum gab es in karnevalistischer Stimmung an den Freund des Mädchens weiter. Und dieser, eigentlich schon kein fester Freund mehr, hinterließ vor lauter Verzweiflung Nasenblutblut auf seinem Engelkostüm.

Ist es wahr? Stimmt es wirklich? wollte er wissen, gebrochen klang seine Stimme. Dieses Traummädchen, konnte es wirklich so hässlich zu ihm sein? Monatelang hatte er gewartet auf es, hatte sich hinhalten lassen, alles um gegen einen Onenightstand zu verlieren?

Und sie nickte. Ja, es war wahr. Und es tat ihr in der Seele weh, ihn so zu sehen, denn sie hatte einst mehr Gefühle für ihn gehabt. Was das Mädchen wusste. Weswegen er für es wahrscheinlich überhaupt nur interessant geworden war.

Das Anhimmeln, das Ichwillauchwasduhast, es zog sich weiter fort. Mit Männern, mit Heimatstädten, mit Urlauben. Wollte sie zuerst einen Mann, wollte das Mädchen ihn danach oder derweil auch. Zog sie in eine andere Stadt, zog das Mädchen hinterher. Machte sie einen speziellen Urlaub, konnte sie bald in sozialen Netzwerken seine Bilder zu ihrem Urlaubsziel betrachten. Sie verachtete das Mädchen, ignorierte es, wenn sie es sah. Aber oft musste es die Scherben in Form von Exfreunden auflesen und diese wieder kitten, wenn das Mädchen sie zurückgelassen hatte. Denn diese waren ihm verfallen.

Und das ärgerte sie: Wie eins, das so wenig es selbst war, Männer bis zur Verstandslosigkeit, bis zum Nasenbluten an sich binden konnte. Es blieb ihr unbegreiflich.

Und sie hoffte bloß, dass der, der ihre größte Liebe war, das Mädchen nie kennenlernen würde. Sonst würden sich die Klauen vielleicht auch in ihn verkrallen.

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2 Kommentare zu „Die Hinterherläuferin

  1. Emotionen pur…

    Nase, Blut, Klaue, Krallen…
    Hat all das irgendwas mit Liebe zu tun?

    Oder eher mit Besitztum, das es gilt, bis auf’s Messer zu verteidigen?

  2. Die letzten Jahrzehnten haben offensichtlich nichts geändert am Phänomen der „Schatten“, die das Leben anderer verfolgen und in sich aufsaugen. Handelt es sich um 13jährige, die noch ihre eigene Identität suchen, ist es zeitlich begrenzt und weitgehend normal. Erwachsene mit diesem Verhalten sind – so scheint mir – steckengeblieben im System des Imitierens und Lernens, allerdings ohne das Lernen. Es hat natürlich nichts mit Liebe zu tun, sondern lediglich mit Konsumieren – auch haben. Der Prozess läuft meist so ab: Bewunderung – Imitation – Aneignung – Abneigung. Es ist oft schwierig, sich von solchen Schatten zu befreien. Im Zeitalter der digitalen allgegenwärtigen Informationen schwieriger als früher. Das hat sich verändert. Wenn es ganz schlecht läuft wird es pathologisch und es kommt die Umkehrung hinzu. Dann verfestigt sich das Bewusstsein, das ganze Leben des Anderen stehe einem selbst zu und werde zu Unrecht verweigert. Letzten Endes kommt dann der Wunsch zur Vernichtung des Originals auf. Musste unwillkürlich an „Der talentierte Mr. Ripley“ denken. Hilfe!

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