Deppentyp

Aha, Sondereinheit, sagte sie und klang in seinen Ohren ungläubig und hämisch, als er im Streifendienst an ihr vorbeimarschierte. Was war das überhaupt für ein Zufall, dass er sie, kaum zwei Wochen, nachdem er sie kennengelernt und ihr von der Sondereinheit erzählt hatte, tatsächlich auf der Straße traf – und das an einem der wenigen Tage, an denen er ganz normalen Dienst tat.

Das nächste Mal, an dem sie sich sahen, würde er es ihr erklären, würde ihr mehr von der Arbeit erzählen. Diesen Blick wollte er nicht noch einmal spüren, diese leichte Verachtung in ihm, die er erkannt zu haben meinte.

Er wusste nicht, wieso, aber das Mädchen reizte ihn wie wenige vor ihr. Sie hatte sich von ihm angraben lassen und war doch auf Abstand geblieben, hatte ihm zugehört, sodass er sich verstanden fühlte, und ihm doch wenig von sich zurückgegeben. „Du musst mich für ein totales Arschloch halten“, meinte er darum, als sie sich wiedersahen. Doch die großen Augen schauten ganz offen in seine und sie schüttelte den Kopf: „Nein, höchstens für einen Aufschneider. Aber ist schon OK.“ Sie unterhielten sich eine Weile, aber irgendwann rutschte sie ihm durch die Finger. Immer wieder hatte er das Gefühl, dass sie mit den Gedanken woanders war, ja, einmal glaubte er sogar, dass sie mit ihren Händen woanders war. An dem Jungen hinter sich. Aber das konnte ja nicht sein, oder?

„Ich weiß nicht, … Bei dir bin ich irgendwie zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen“, sagte er und wollte sich am liebsten gleich gegen den Kopf schlagen. Sowas konnte man doch nicht zu einem Mädel wie ihr sagen! Und sie erwiderte: „Na, wenn ich was mit dir anfangen will, komm ich einfach zu dir hin und küsse dich.“ – „Ja, das musst du machen, aber … Wie sieht es denn eigentlich bei dir mit den Gefühlen aus?“ Mit Gefühlen? Was erwartete er von ihr? Vielleicht nicht unbedingt die Ehrlichkeit, die sie ihm zurückgab: „Also da ist nichts. Ich bin auch im Moment in wen anders verliebt.“ –  „Also habe ich eher keine Chancen?“ – „Das weiß ich nicht, auf jeden Fall nicht für etwas Festes, und ich möchte dich nicht verarschen, und ich möchte dir nicht weh tun, von daher sage ich dir jetzt: Wenn du dich in mich verliebst, und ich dich vor den Kopf stoßen muss, werde ich dir wahrscheinlich weh tun, und dann sollten wir von vornherein die Finger voneinander lassen.“ Trotzdem tauschten sie Telefonnummern aus, aber er hatte keinen Schimmer, wie er sich verhalten sollte, nachdem sie sich weggedreht und tatsächlich mit diesem Typen hinter sich zu reden begonnen hatte.

Ein paar Bier später nahm er all seinen Mut zusammen. Und wenn es nur für heute wäre, egal. Vielleicht könnte er sie ja doch überzeugen. Er musste es versuchen. Also stapfte er zu ihr hin, nahm sie bei der Hand und zog sie weg von ihren Freunden. Und küsste sie, schob seine Zunge in ihren Mund und küsste sie. „Ich dachte, du seist schüchtern“, fragte sie. – „Ja, eigentlich schon, aber ich musste einfach kommen.“ – „Aha“, und er konnte sehen, dass es in ihrem Kopf arbeitete. Erst die Sonderkommission, jetzt die Schüchternheit. Sie glaubte ihm nicht.

Dass er die nächsten Wochen viel an sie dachte, dass er sich Vorwürfe machte, dass er sie mit Anrufen bombardierte und oft das Gefühl hatte, ihren Humor nicht zu verstehen, dass er trotzdem noch zu ihr kam und fand: „Ich glaube, wir hätten ganz gut zueinander gepasst“ …, wahrscheinlich hatte er ihre zickige Antwort darauf verdient: „Wenn ich der gleichen Meinung gewesen wäre, hätte es wohl was zwischen uns gegeben.“ Er war der Depp. In der ganzen Sache war er der Depp.

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