Ohne Überschrift. (Platz 4)

Ich möchte gerne vor Haustüren kotzen. Es tut mir Leid, meine Wortwahl ist normalerweise eine andere. Aber für diese Menschen fällt mir kaum was anderes ein. Diese Menschen, die angeblich so große Angst vor allem haben, was mit uns passieren kann, wenn wir eine Million Menschen unter 80 Millionen verteilen. Diese Menschen, die sich benachteiligt fühlen und andere darum noch mehr benachteiligen wollen, als sie es eh schon sind.

Ja, ich verspüre einen wahren Brechreiz, wenn ich Nachrichten von solcher Häme und solchem Hass höre, wenn ich lese, was in meinem Land passiert, zu was Menschen sich herunterlassen, um andere zu erniedrigen, um ihre Meinung „kundzutun“ und sich gegen die „Lügenpresse“ zu stellen: Denn das wird man wohl nicht nur sagen dürfen, sondern das wird man wohl auch anzünden dürfen. Brennen soll es scheinbar. Hell und lichterloh. Dächer über den Köpfen Notleidender soll es nicht geben. Und der Staat soll bezahlen, weil er Asylsuchende, Fliehende unterstützt. Und wie beim Musikantenstadl wird dagestanden und geklatscht. Am besten noch im Rhythmus der Flammen. Ja, am besten noch in diesem.

Mir ist so, so, so unklar, wie man die Dreistigkeit besitzen kann, zu klatschen. Die Brandstifter an sich sind ja schon minderbemittelt, aber die Klatschenden empfinde ich als noch bescheuerter. Ich stelle mir vor, wie sie mit glänzenden Augen vor dem Feuer stehen und ein hässliches Lächeln der Selbstzufriedenheit auf ihren feigen Lippen liegt.

Denen habt ihr es aber jetzt gezeigt, oder? Wahnsinn! Diesen Leuten, die nichts mehr haben, denen habt ihr jetzt eine weitere kleine Hoffnung genommen. Wahre Helden seid ihr. Und wie gut das für unser Land ist, was ihr da tut. Toll. Einfach nur toll. Ihr seid wirklich das Sahnehäubchen auf Omas Pflaumenkuchen. Wo kam eure Oma noch mal her? Hoffentlich so richtig aus Deutschland …

Verdammt, ich weiß, dass Ironie und Sarkasmus nichts bringen. Aber mein Fremdschämen kann ich kaum in Worte packen. Ich schäme mich, dass so viele nichts gelernt haben. Dass so viele denken, Solidarität bezöge sich nur auf das eigene Volk – oder wohl eher: nur auf sich selbst. Klar, mit mir selbst kann ich am besten solidarisch sein.

Hätte ich vor 75 Jahren in Deutschland gelebt, ich hätte mir gewünscht, in andere Länder fliehen zu können, weil es hier so aussah (1. Bild Dresden). Und weil es heute so in Syrien aussieht (2. Bild Homs), bejahe ich weiterhin die Zuwanderung. Denn sie kommen nicht, um uns Arbeit wegzunehmen, um in neugebaute Häuser einzuziehen, um Sozialleistungen abzuzwacken, um Schulbildung zu erhalten. Sie kommen, um zu leben. Um zu leben.

  

Bildquelle: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/bombardierung-von-dresden-1945.html

http://www.theguardian.com/world/gallery/2013/jul/31/battle-homs-syria-pictures

Zuerst veröffentlicht am 21.2.2016, 38 mochten es, allerdings sahen es sich 485 Leute an. 

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13 Kommentare zu „Ohne Überschrift. (Platz 4)

    1. Worte fehlen mir selten. Manchmal weiß ich nur nicht, ob ich sie loslassen sollte … Es ist so schrecklich, dass mir das gesamte Thema eigentlich durch die Überpräsenz schon zu den Ohren rauskommt, dass ich fast dachte: Ach, schreib lieber nichts, du nervst andere damit nur noch. Aber andererseits: Die Wut musste raus.

  1. Liebe Stefanini,
    ich las hier gestrig schon, nickte stumm und beschloß auch nichts zu kommentieren. Weil Ihre Worte zwar deutlich, doch nicht despektierlich sind. Trotz Kotzgedanken. Die teilen wir miteinander. Aber hätte ich losgekübelt, ach…
    Manchmal muß es dennoch raus und ich bewundere Ihre geschliffene Schreibschärfe dabei. Und hoffe, dass es die betroffenen Augen lesen könnten und trage diese Ahnung in mir, das es nicht so sein wird.
    Dennoch, es muß raus, sonst platzen wir, da gebe ich Ihnen recht.
    Herzliche Abendgrüße, dennoch oder gerade deswegen. In Bautzen mögen nur 30 gegafft und geklatscht haben, aber genau die sind schon 30 zuviel.
    Ihre Käthe, nachdenklich zugetan.

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