Küsse – Die Unnormalen XI

– Er –

Dass ich sie küssen würde, war mir in dem Moment klar, in dem ich mich entschieden hatte, Silvester mit ihr zu feiern. Dass es gerade dieser kitschigste Moment sein würde, hatte ich im Grunde auch so erwartet. Was mich allerdings überrascht hat, waren die Gefühle, die über mir hereinbrachen. Ich will nicht unbedingt sagen, dass ich sie liebe, weil ich das mit nüchternem Kopf vermutlich nicht denken würde, aber ich … In diesem Moment mit ihr, in diesen Augenblicken, da war niemand wichtiger als sie.

Und ehrlich gesagt, ist das jetzt, hier im Zug, auch niemand. Ich will nicht wissen, wohin uns das alles führt, weil es uninteressant ist. Sie und ich sind Menschen fürs Jetzt. Wieder gebe ich ihr einen Kuss auf ihre Haare.

„Bist du wach?“, flüstere ich. – „Würde meine Hand sonst mit deiner unter deinem Sweatshirt spielen?“ – Ich muss gestehen, dass ich das gar nicht registriert hatte: „Und wieso schläfst du nicht?“ – „Wenn du gewollt hättest, dass ich schlafe, hättest du nicht gefragt, ob ich wach bin.“ – „Deine Intelligenz hat nicht gelitten.“ – „Deine schon, hm?“ – „Was erwartest du? Ich bin genauso müde wie du, aber um deinen Beschützer spielen zu können, halte ich mich wach.“ – „Musst du nicht.“ – „Was? Der Beschützer sein oder mich wach halten?“ – „Beides, denke ich, obwohl es gut ist zu wissen, dass ich einen Beschützer habe“, sie lächelt. Ich sehe nicht in ihr Gesicht, aber ich kann es ihrer Stimme anhören.

„Es sind so viele Assis unterwegs…“, erkläre ich. – „Aber was sollten die machen?“ – „Dich scheiße anreden.“ – „Das können sie auch, wenn du wach bist.“ – „Das würden sie aber nicht tun, weil ich ihnen einfach den bösen Blick zuwerfen würde.“ – „Oh, den bösen Blick“, sie wendet mir ihr Gesicht zu. Ihre Wimperntusche ist unter den Augen etwas verschmiert und sie sieht ziemlich müde aus. Außerdem haben sich die meisten Haare aus dem Band gelöst, mit dem sie sich vor einigen Stunden einen Zopf gemacht hat. Sie sieht aus, als sei sie gerade aus dem Bett gekommen und ich … ich küsse sie dafür.

– Sie –

Sein Kuss kommt vollkommen aus dem Nichts heraus. Ich habe ihn angesehen und ihn ärgern wollen, wollte ihn ein bisschen mit dem bösen Blick aufziehen, doch er küsst mich. Er küsst mich und seine Hand kriecht unter dem Sweatshirt hervor, um sich auf meine Wange zu legen. Ein Finger der Hand streicht meine Wange entlang, während wir uns küssen.

Fast zu leise, als dass ich ihn verstehen könnte, flüstert er: „Weißt du, ich habe dich vermisst.“ – „Weißt du, ich glaube, ich habe dich mehr vermisst.“ – „Ich weiß.“

„Meinst du, wir können nach dieser Nacht in Kontakt bleiben?“, frage ich und stelle damit die Frage, die mich am meisten beschäftigt. „Ich weiß, dass wir keine wirklichen Freunde sein können und dass wir auch kein Paar werden, aber irgendwie muss es noch etwas anderes geben.“ – „Und was soll das sein?“, will er wissen. – „Keine Ahnung. Uns wird schon was einfallen.“ – „Ich glaube, dass wir uns für das eine oder das andere entscheiden müssten…“

„Wieso? Wenn wir befreundet sind, dann können wir uns nicht küssen, und wenn wir zusammen sind, dann… Na, das hat doch noch nie geklappt. Wir können auch gar nicht zusammen sein, weil mein Job … Also ich habe mich nach Berlin beworben …“

Er scheint das erst einmal gar nicht wahrzunehmen, starrt kurz vor sich hin und stellt dann einfach fest: „Das Zwischending hat damals schon nicht funktioniert.“

„Also können wir nur Freunde sein”, sage ich und sehe aus dem Fenster. Ich weiß, dass er mir zustimmen wird, weil ihm die Gefühle für mich fehlen, um wirklich mit mir zusammen zu sein. Das war ja immer der springende Punkt. Und ich, ich habe nicht mit ihm zusammen sein können, weil ich ein ungebundenes Leben haben wollte. Es war verzwickt. Jedenfalls war es egal, wie es gewesen ist. So oder so bin ich nicht von ihm losgekommen und ich …

„Nein“, sagt er. – „Nein?“, ich habe keinen Schimmer, was er meint. – „Nein, wir können nicht nur Freunde sein.“ – „Nicht?“ – „Nein, denn schon beim Gedanken daran, dass du mit wem anders rummachst, werd ich wütend.“

Ich wende meinen Blick wieder ihm zu, rücke aber etwas von ihm ab. Dann sehe ich auf unsere Hände, die einander weiterhin halten.

„Wäre das bei dir nicht so? Wenn ich mit einer zusammen wäre, würdest du dann normal mit mir umgehen können? Würdest du nicht eifersüchtig sein? Als ich damals mit meiner Exfreundin zusammen kam, da hast du alles zwischen uns beendet, weil du Angst hattest, dass du mich früher oder später rumkriegen wollen würdest. Wäre das nun anders? Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn wir beide wieder in der Luft hängen. Ich will auf jeden Fall nicht, dass du dich von wem anders anfassen lässt.“

Ich muss tief Luft holen, um nur ein Wort zu sagen: „Also?“

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