Das Schicksal mit seinen Schlägen

Manchmal treffen wir Menschen in unserem Leben und sie spielen eine Rolle. Keine große unbedingt, keine beständige vielleicht, aber irgendeine. Unwichtig sind sie jedenfalls nicht. Einen solchen Menschen lernte ich im Oktober 2000 an einem schönen Herbsttag während meiner ersten Geschichtsvorlesung kennen. Tom. Er saß neben mir. Seine Haare waren sehr kurz, dunkelblond, er hatte ein gut geschnittenes Gesicht, aber ganz minimal zu dickliche Backen, sodass es nicht kantig war, und er schien ein bisschen … nicht langweilig, aber spröde. Wir tauschten keine Nummern aus.

Zufällig trafen wir uns nach ein paar Wochen vor der Bibliothek, er nahm mich mit in seine Soziologievorlesung, wo wir wieder nur nebeneinander saßen und kaum redeten. Auch nun tauschten wir keine Nummern aus.

Ein Jahr später sahen wir uns auf einer Studentenparty. Wir redeten und lachten und er meinte, wir müssten nun aber doch einmal die Nummern tauschen und uns treffen. Eine Woche danach strolchten wir gemeinsam durch die Stadt von einer Kneipe zur nächsten. Laufen tat nichts. Wiederum einige Tage drauf allerdings schon: Als wir bei ihm auf dem Bett saßen, fuhr er sich nervös durch die Haare und fragte: „Sag mal… Also… Hab ich die Erlaubnis… Was red ich für ne Scheiße? Darf ich dich küssen?“ – Ja. Durfte er. Sein Nachfragen nach einem weiteren Treffen wiegelte ich ab, ich liebte wen anders.

Vier Jahre später saß er in meinem Bus und war auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch. Wir grinsten und grüßten und er roch nach dem Spekulatius, den er gerade gegessen hatte. „Magst du einen Kaugummi? Nicht, dass die dich gleich wieder ausladen“, meinte ich und grinste. An einer der nächsten Haltestellen stieg ich aus. Meine neue Handynummer gab ich ihm nicht.

Und wieder einige Jahre waren vergangen, als wir uns über StudiVZ fanden. Wir sagten, wir müssten etwas trinken gehen. Und taten das. Unsere Leben in der Zwischenzeit waren aufregend gewesen, hatten uns nach Amerika, nach Schweden, nach Australien und England geführt, sodass wir viel zu berichten hatten. Ein nächstes Treffen vereinbarten wir nicht. Doch bald darauf stellte ich fest, dass in unserer ehemaligen Unibib ein Café eröffnet hatte, und weil er und ich uns darüber unterhalten hatten, wie oft wir in der Bib gelernt und uns seltsamerweise nie gesehen hatten, meinte ich, wir müssten uns genau da zum Kaffee treffen. Allerdings kamen uns die Öffnungszeiten in die Quere, denn das Café hatte nur bis fünf auf und er kam erst um sechs von der Arbeit. Da schlug ich vor, ich würde uns um fünf einen Kaffee von dort besorgen und mich langsam auf den Weg zu ihm machen.

Tatsächlich stand ich mit einem Eiskaffee, denn der konnte wenigstens nicht kalt werden, vor seiner Tür. Wir tranken ihn. Dann kochte er für uns, dann redeten wir, dann lag seine Hand auf meinem Schenkel und dann ließ er im Gespräch fallen, dass er eine Tochter hat. WAS?! Ja. Gezeugt hatte er sie wohl ungefähr um den Zeitpunkt unseres ersten Kusses herum, aber ihre Mutter hatte ihm sein Kind einige Jahre verheimlicht. War es die Tochter, die mich nun abhielt, mich, nachdem ich bei, aber nicht mit ihm geschlafen hatte, zu melden? Hätte er sich nicht auch melden können? Ich schrieb nur, dass ich ein Schmetterlingshaarspängchen vergessen hätte und er schrieb zurück, dass er es ja seiner Tochter geben könnte. Das war unser letzter Kontakt.

Seltsam eigentlich, denn Tom war ein toller Kerl. Er sprach voll Liebe von seiner Tochter und er war lustig auf seine spröde Art. Er hatte etwas zu erzählen, z.B. davon, wie er in Amerika ohne viel Geld angekommen war, und sich von Haus zu Haus vorarbeitete, um die Bilder irgendwelcher unbekannter Künstler den Leuten aufzuschwatzen. Er war so gut im Verkaufen, dass er sich seine restlichen drei Monate dort damit finanzierte. Die Menschen mochten ihn. Und ich auch.

An einem Abend im Dezember feierten wir mit den Referendaren unser Examen. Ich saß gegenüber von einer, mit der ich nie gesprochen hatte, und sagte etwas wie: „Ich habe bei StudiVZ mal gesehen, dass du auch mit Tom R. befreundet bist.“ – Da wurden ihre Augen groß: „Du kennst ihn?“ – Und sofort hatte ich ein furchtbares, furchtbares Gefühl in mir, als ich nickte. – „Dann weißt du aber nicht …“

Nein. Das wusste ich nicht. Tom ist tot. Ein Jahr zuvor, zehn Jahre nach unserer ersten Vorlesung, war er mit seiner Freundin im Urlaub. Sein Touristenbus fuhr zu schnell, kam von der Straße ab, begrub ihn unter sich. Während sie neben ihm saß und auf Hilfe für ihn wartete, starb er.

Und ich muss weinen. Weil wir uns kannten. Und irgendwie nicht. Weil wir uns immer wiedergesehen haben. Und doch nur so kurz. Weil ich ihn immer noch zu sehen meine irgendwo, und mir dann sagen muss: Nein, es ist nicht Tom. Tom, der viel zu erzählen hatte, der einem vielleicht alles aufschwatzen konnte, Tom, der seine Tochter so liebte, … Tom ist fort. Für immer.

Für dich. Um dich am Leben zu halten.

(Zu deinem Todestag.)

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48 Kommentare zu „Das Schicksal mit seinen Schlägen

  1. Huch, das wiegt schwer…eigentlich ein Text, der sehr geradeaus ist, fast emotionslos…aber dann am Ende kommt’s mit voller Wucht…autsch…schlimme Vorstellung…:-(

    1. Zu Toms Art und unserer Beziehung zueinander hätte ein emotionsgetragener Text nicht gepasst. Aber ich glaube, dass auch sachliche Sprache berühren kann.

      1. Nein, ich finde das passt alles so absolut gut, das Ende kommt auch so überraschend (hatte vorher die Tags auch nicht gelesen). Du hast schon ganz gut rübergebracht wie frei eure „Beziehung“ war von Emotionen und die erste krasse Emotion war dann die Trauer. 😦

    1. Das stimmt. Aber es sind ja Erinnerungen, die ihn lebendig halten. Und wenn „Gefällt mir“-Klicken heißt, dass der Text berührt und in meine „Bestenliste“ kommt, dann werden vielleicht mehr Menschen ihn lesen und Tom wird durch die gelesene Erinnerung ein bisschen lebendiger bleiben…

  2. Das ist mal wieder ein Eintrag, bei dem der Klick auf „Gefällt mir“ einfach nicht möglich ist. Es zeigt mal wieder, wie sehr man sich kennenlernen und einander näher kommt, ohne eine Beziehung daraus zu machen, wenngleich man der anderen Person mit sehr liebevollen Gefühlen gegenüber steht.

      1. Ich weiß nicht, ob es seltsam ist, aber mit manchen Menschen kann man eben sehr gut befreundet sein und selbst wenn man eine erotische Anziehung verspürt, würden all die Gefühle doch nicht aus zwei Menschen ein Paar machen. Das zeigt doch nur, wie menschlich wir sind, denn auf einem Rechenzettel wäre die Gleichung eindeutig, aber das Leben und die Liebe lassen sich nicht berechnen.

      2. Ja, aber wir waren ja weder das eine noch das andere. Wir waren immer nur Besucher im Leben des anderen. Und dennoch geht sein Tod mir immer noch so nahe, dass ich schwere Augen kriege, wenn ich an ihn denke.

      3. Das stimmt natürlich. Man muss ja die Beziehung zu einem Menschen auch nicht immer definieren können, aber dennoch ist da eine Verbindung da. Gestern saß ich bei meiner Nachbarin auf der Couch. Wir kennen uns eigentlich nur von der Übergabe des ein oder anderen abgegebenen Pakets. Dennoch ist auch da eine gewisse Verbindung und so flüsterten wir gestern leise auf der Couch, während neben uns ihr kleine Tochter schlief. Der Grund meines Besuchs war jener kleine Wurm, der ja erst seit wenigen Tagen auf dieser Welt weilt, aber dennoch ist die Frage, woher diese gewisse Verbindung herkommt (die ich übrigens gar nicht mit der zwischen dir und Tom vergleichen will). Das ist in der Tat eine gute Frage, woher solch eine Verbindung herkommt.

  3. Ich weiß nicht ob es Schicksal ist, oder ob es an unseren Entscheidungen liegt, an welcher Stelle im Leben wir welche Richtung einschlagen und ob wir jemand treffen und zusammenbleiben oder sie/ihn nie mehr sehen.In Deinem Fall ist es schön, seltsam und tragisch, aber es ist auch sehr wertvoll, denn die Zeit die wir von und mit anderen geschenkt bekommen, sollten wir in uns bewahren, da sie es ist, die unsere Seelen und Herzen leben lassen…

    1. Ja, da gebe ich dir Recht. Wenn ich eins von Tom lernen konnte, dann, dass Menschen einen immer überraschen können – und damit meine ich natürlich nicht seinen Tod.

    1. „Gefällt mir“ zu drücken ist sicherlich für einige unangemessen, aber ich verstehe es so, wie ich es oben schon einmal erklärte: Wenn es heißt, dass der Text berührt und in meine “Bestenliste” kommt, dann werden vielleicht mehr Menschen ihn lesen und Tom wird durch die gelesene Erinnerung ein bisschen lebendiger bleiben…

  4. so sanft und sacht erzählt dafür mein gefällt mir. In deiner Geschichte lebt Tom weiter und wird in Erinnerung bleiben. danke
    leise Christin

    1. Dankeschön. So wie du sehe ich das auch – also dass er so fort leben wird. Da sich bald sein Todestag jährt, werde ich den Post dann noch einmal veröffentlichen, aus eben diesem Grund. Lieber Gruß!

      1. das würde ich auch so machen , Erinnerungen bleiben bei dir und auch bei den Lesern.. lass dich lieb drücken in Gedanken, deine Zeilen haben mich sehr berührt , nicht nur hier
        auch auf den anderen Seiten hier in deinem Blog
        dankeschön dafür

        Christin

  5. Eine buddhistische Weisheit sagt „Abschied und Tod sind nur andere Worte für Neuanfang und Leben.“ Tom lebt in dir und bleibt somit unvergessen.

  6. Eine sehr traurige Geschichte, aber ganz wunderbar geschrieben. Dein Gedanke dahinter, Tom damit ein kleines Denkmal zu setzen, ist sehr schön.

    Es ist schon merkwürdig, wie manche Menschen uns wieder und wieder begegnen, und doch nie ein fester Teil unseres Lebens werden.
    Ich verstehe deine Trauer, sie kommt im Text gut rüber. Für euer Verhältnis zueinander passte kein Wort, und doch habt ihr euch gemocht. Es ist immer schwer, zu erfahren, dass ein guter Mensch gegangen ist.

    Mein vollster Respekt, für deinen Mut, einen so persönlichen, offenen Text zu schreiben und damit Toms Andenken zu würdigen!

    1. Ich danke dir.

      Es stimmt: Es ist merkwürdig, dass manche Menschen nur „irgendwie“ ein Teil des Lebens bleiben. Er und ich haben auch nie wirklich darüber gesprochen, ob wir etwas anderes für den anderen sein wollten. Das Timing war meist nicht richtig. Aber man denkt sich manchmal schon: Wenn er/ich nur ein Wort anders gesagt und es miteinander versucht hätten, dann hätten wir ein anderes Leben gehabt und dann wäre er… Aber ich weiß, das weiß man nie.

      Danke für deine Worte.

  7. Vorab zu all deinen anderen Beiträgen, die ich hier bisher gelesen habe: Du hast eine Art, die Dinge zu erzählen, die einen sie sehr gerne bewusst lesen lässt. Wirklich klasse!
    Auch diesen Beitrag… dessen Ende – wohl nicht nur für mich – überraschend war, hast du auf eine Weise geschrieben, die sehr fesselt und berührt.
    Ich bin Vielleserin – ca. 2 Bücher die Woche. Das nur, weil ich dir im Grunde mitteilen möchte, dass deine Art zu schreiben für mich beeindruckend ist.
    Und dann – lass dir das von einer Alten „gesagt“ sein: Keine Begegnung, die wir im Leben machen ist ohne Sinn. Wir begegnen Menschen, weil sie etwas von uns lernen und wir von ihnen – die einen sind die Wegbegleiter, andere die Wegweiser. Ich vermute, Tom war einer deiner Wegbegleiter.
    ALLES erdenklich GUTE für dich… Wenn ich es richtig verstanden habe – bist du kurz davor, eine ganz besondere Erfahrung in Australien zu machen… sicherlich eine sehr wichtige Lebenserfahrung…

    1. Vielen, vielen Dank für dein Lob und deine Worte. Ja, Tom und wie er sein Leben führte und wie er starb ist vor allem ein Hinweis darauf, wie man sein eigenes Leben führen sollte: So angefüllt, wie es geht, mit Dingen, die man mag.

      Aber Australien erlebe ich gerade mit euch im Rückblick. Das Ganze hat schon 2002 stattgefunden… Wenn du magst: Einen Überblick findet man immer unter: Selbstgeschriebenes und Weltenreise.

  8. Der Tom wird nicht wieder auferstehen. Aber Du hast es geschafft, mit dieser Geschichte zu leben und ihr etwas abzugewinnen. Verbeugung.

  9. Ein besonderes Denkmal für einen Menschen, der wohl auch besonders gewesen sein muss, wenn er dich so berühren konnte.

    Danke, dass du es in deinem „Beste“-Projekt noch einmal hervorgeholt hast.

  10. Moin,
    da hast du ein schönes Andenken an eine Person verfasst, welche auf jeden Fall ein Teil deines Lebens ist (Im Sinne von: Er bleibt dir immer in Gednaken). Irgendwie berühren mich solche Geschichten immer sehr. Ich glaube, ich muss mir erstmal die Nase schnäuzen.

    1. Nein, leider gar kein Happy End. Nicht für ihn.
      Es ist vielleicht schrecklich, es in diesem Zusammenhang zu sagen, aber: Für mich schon. Mein Leben ist gut.
      Danke für deine Worte.

  11. Gefällt mir will ich nicht drücken, auch wenn mir das was und wie du geschrieben hast, sehr gut gefällt. Ich habe auch einen „Tom“ in meinem Leben, wenn der auf einmal weg wäre, würde etwas fehlen… Vielleicht sollte ich mich mal bei ihm melden… Danke für den Anstoß! LG

  12. …… jetzt hab ich Tränen in den Augen. .-.
    Es ist toll von dir, so einen schönen Text zu hinterlassen. So lebt er in deiner und in der Erinnerung vieler weiter, die ihn gerade erst kennen gelernt haben. :3

  13. Doch, es gibt ein „Gefällt“: für die Art, wie Du uns ihn und Dich miterleben läßt, wie Du die Beiläufigkeit komprimiert hast, für die Zartheit und die Wucht, mit der Du zwei so unterschiedliche Lebenswellen sich kreuzen zeigst.

    1. Danke, lieber Emil. „Lebenswellen“ – das gefällt mir gut. Toms Lebenswelle gibt es zwar nicht mehr. Aber er bleibt doch Schaum auf denen anderer Menschen.

  14. Danke für diese berührenden Zeilen. Ich habe – als Mit-Schreiberin und begeisterte Leserin des Projektes #1000tode – viele Texte mit ähnlichem Inhalt in den vergangenen Monaten gelesen, aber dieser hier ist noch einmal etwas ganz besonders.
    Danke und ich bin überzeugt davon, dass Tom – so wie er beschrieben ist – ebenfalls berührt wäre.

  15. Es ist immer wieder die Endgültigkeit des Todes, die viele Dinge zum Vorschein bringt oder neu ausleuchtet.

    Die arme Tochter. Erst hat sie keinen Vater, dann hat sie einen und so wie Du Tom beschrieben hast, wahrscheinlich nicht den Schlechtesten und dann ist er wieder weg und diesmal für immer.

  16. 😭 So entsetzlich traurig, die Worte, welche so nah gehen ans Herz und die Stelle berühren, die den Schmerz hervorruft. Tom scheint einzigartig weiterzuleben im Herzen bei all denen die ihn lieben. Dieser Text zeigt unglaubliche Größe. Bin zu Tränen gerührt!!

    1. Liebe Netti,
      ich danke dir. Und ich denke, dass er das tut. Nur, dass es vielleicht mittlerweile, sin Tod ist vier Jahre her, ruhiger in den Herzen geworden sein dürfte. Dennoch war es erst letzte Woche, als ich zusammenzuckte und ihn zu sehen meinte.
      Lieber Gruß

  17. Diese Geschichte ist gleichzeitig so schön und so traurig. Ich habe mich auch schon ab und zu gefragt, wie die Weichen für den Zug unseres Lebens gestellt werden. Und warum. Und von wem.
    Gut wenigstens, dass Tom, dieser liebe, spröde, unscheinbare Typ, nicht allein war, als der Weichensteller ihn auf dieses dunkle Gleis fahren ließ.

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