Honig und Raps

Ein Abend wie jeder andere in der Dorfdisco: Sie schmachtet mit ihrem sechzehnjährigen Herzen dem einen, den sie seit Monaten mag, hinterher und amüsiert sich trotzig vor seiner Nase mit anderen, lacht und wirft den Kopf dabei nach hinten. Mit einem dieser Amüsements tauscht sie Nummern aus und telefoniert am kommenden Tag zwei Stunden mit ihm. Er ist 18 und hat seit fast sechs Jahren eine Freundin. Wie geht das?, wundert sie sich und gibt vor sich selbst zu, dass er dadurch nur noch interessanter geworden ist. Und am Honig lag es wohl auch: Dass er seiner Freundin immer treu wäre, dass er sie eigentlich gar nicht habe anrufen wollen, jetzt, wo sie sich so gut unterhalten, aber so froh darüber wäre. Und dass er sich mit ihr treffen wolle.

Natürlich glaubt sie das Märchen, dass er sonst nicht fremd geht. Immerhin wünscht sie sich so einmalig und bedeutend und anders zu sein, wie wir alle uns das wünschen.

Als er sie abholen kommt und mit ihr in die Nachbarstadt fährt, führt sie ihn in ein kleines italienisches Restaurant mit runden Tischen, rot-weiß-karierten Decken und Kerzenschein. Und sie reden. Tatsächlich reden sie richtig gut miteinander. Offen über weite Strecken, über Erfahrungen, die sie gemacht haben, über Ansichten, die sie teilen. Aber auch über seine Freundin.

Sie spürt, dass er wohl wirklich treu bleiben möchte, und vielleicht ist sie deswegen erstaunt, als er nach dem kitschigen Essen wissen will, wo sie noch hin könnten. Weil sie sich auskennt, lenkt sie sie zu einem kleinen Park und dort zu einer Grillhütte. Ob er denkt, dass sie hierhin schon viele abgeschleppt hat? Oder ob er ihr glaubt, dass ihre Jungenerfahrungen erst vor wenigen Monaten begannen? Sie weiß es nicht. Er wird erst der Vierte sein, den sie küsst. Und doch ist er der, mit dem sie – die Bravo nannte es damals noch – Petting treibt. „Du machst mich total verrückt“, sagt er und flüstert dann, dass er schon so lange mit seiner Freundin nicht nur einfach so rumgeknutscht habe.

Er ist 18. Auch mit 18 setzt nach fünf Jahren Beziehung Gewohnheit ein. Wie lange küsst man so intensiv wie in den ersten Monaten? Wann lässt es nach und warum? Psychologen bräuchte es vielleicht, es zu erklären. Oder Beobachter.

Am kommenden Morgen, nach kaum drei Stunden Schlaf, wacht sie auf, berauscht von der Nacht, den ertastenden Händen, den langen Küssen, der Leidenschaft. Ja, es war wohl Leidenschaft, die sie das erste Mal wirklich kennengelernt hat. Sie wacht also auf, zieht sich an, macht sich auf zu den Feldern und begrüßt blinzelnd die Sonne. Der Raps, den sie pflückt, ist noch taunass.

Zwanzig Jahre später liegt er gepresst und verblichen in ihrem Tagebuch – an der Stelle dieses Jugendsommers.

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3 Kommentare zu „Honig und Raps

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