Das Kind in mir

Das Kind, das ich gewesen bin, war ein Träumer. Es versteckte sich hinter Büchern und schrieb sich in Geschichten die Welt, wie es sie haben wollte. Es las Internatsserien und stellte sich vor, die Vierer-Mietshausreihe sei Burg Möwenfels, die Garage der Pferdestall, das Fahrrad das Pferd und die Klingel das Walki-Talki, um mit den Leuten im Stall Kontakt aufzunehmen.

Es spielte mit Freunden in Feldern, wo es sich, wie die Kinder von Bullerbü, Wege durchschlug, pflückte Kamillenblüten, damit es sie im Wasser zerdrücken und für einen Tee halten konnte; und sammelte Mohn, weil die Mutter gesagt hatte, dass man daraus eine Droge herstellen konnte, sodass es sich ein wenig verboten vorkommen konnte.

Es wünschte sich Kinderkrankenschwester zu werden, weil es denen, denen es schlecht ging, helfen wollte; wäre gerne mit 27 verheiratet mit Kind gewesen, weil es selbst nie eine intakte Familie gekannt hatte und wollte die Welt bereisen, da der Urlaub auf den Fidschiinseln im Jahr 1986 der schönste seines Lebens gewesen ist und den Horizont hinsichtlich anderer Kulturen erweiterte.

Es hatte Unsinn im Kopf und Mut (oder Dummheit) genug, auch einmal auszubüxen. Es wusste stets genau, wenn es etwas falsch gemacht hatte, und besaß einen unverrückbaren Sinn für Gerechtigkeit.

Das Kind, das ich war, schrieb mit elf Jahren, angeregt durch das Lieblingsbuch „Emily“ von L.M. Montgomery, einen Brief an sein 22-Jahre-altes-Ich, den es gut verwahrte und zum 22. Geburtstag lächelnd las. Denn das Kind, das ich war, unterscheidet sich nur unwesentlich von der Erwachsenen, die ich geworden bin. Weil ich gut bin – meistens. Und meine Fehler kenne – immer. Und darum hätte ich mich gemocht.

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46 Kommentare zu „Das Kind in mir

  1. Als ich den ersten Satz las war ich gespannt. Ich kenne ihn gut. Unsere Träume sollten wir nie verlieren. Danke für die Erinnerung an das Kind. Wobei … ich bin schon ziemlich wild gewesen 😉

    1. Als Kind war ich nicht so wild. Das wurde später nachgeholt. Aber nun bin ich ja, wie gesagt, super – abgesehen von kleineren (minimalsten…) Fehlern. 😉

  2. Herrlich 🙂 Ich hatte mit 17 oder 18 mal den Moment, festzustellen, dass ich ziemlich genau so geworden war, wie es sich mein 10jähriges Ich ausgemalt hatte. Das hat sich damals wirklich gut angefühlt und ich dachte auch, es ist interessant, wie sich diese halb-bewussten Vorstellungen durchsetzen.

      1. Ich hatte mir eben mit ungefähr 10 Jahren vorgestellt, wie ich sein möchte, wenn ich erwachsen bin. Also nicht solche Überlegungen wie „was will ich mit x Jahren geschafft oder gemacht haben“, sondern wie möchte ich von meinem Charakter und vom Umgang mit anderen Menschen her sein, was möchte ich für Freundschaften haben, usw. Und da habe ich mir eben ältere Jugendliche und junge Erwachsene angeschaut 🙂

  3. Mit 15 dachte ich, das Leben sei mit 30 zu Ende: Ich wäre (eventuell wiederholt) verheiratet, hätte Kinder, einen langweiligen Job und hätte etwas von der Welt gesehen. Bis auf letzteres ist nichts eingetreten und zu meiner Verwunderung und entgegen meiner festen Überzeugung ging das Leben einfach weiter.

    1. So ähnlich hätte ich es wohl auch unterschrieben. In meinem genannten Lieblingsbuch wurde das Leben der Heldin verfolgt, bis sie 24 oder 25 war, und das kam mir damals schon ziemlich alt vor… Danach, so dachte ich, müsste man eigentlich nur noch in den bis dahin gelegten Bahnen leben…

  4. Gute Frage, gute Antwort! Ich glaube, das Kind, das ich war, wäre mit mir heute nicht unzufrieden, aber wohl überrascht. Ich hatte mir die Welt doch anders vorgestellt, als sie nun mal ist…

    1. Anders vorgestellt hatten wir uns die Welt vermutlich alle. Aber wichtig ist eben, etwas Gutes draus zu machen und so zu sein, wie man wirklich sein will. Denke ich.

  5. Schöne Geschichte. Wie ist das „hätte“ gemeint? Sie hat es damals geschrieben, als sie Kind war und liest es heute als 22jährige. Mag sie sich nicht? Ach so, ich glaub jetzt hab ichs. 🙂 Sie, also das Kind hätte die Erwachsene gemocht, so vielleicht? Ich trinke gerade meinen ersten Kaffee. Guten Morgen übrigens. 🙂

  6. Beim Lesen Deiner Geschichte hatte ich fast die ganze Zeit auch meine Kindheit vor Augen: Burg Möwenfels, Bullerbü, der Blütentee und Lucy Maud Montgomery. Bei mir war es Anne, die ich damals heiß geliebt habe und die mich bis heute begleitet. Die Idee, einen Brief an sein zukünftiges Ich zu schreiben, ist grandios schön. Eine ähnliche möchte ich für mein Kind umsetzen, ihm in jedem Lebensjahr einen Brief schreiben mit all meinen Gedanken, Hoffnungen und Wünschen, die es mitnehmen kann, wenn es einmal in die Welt hinausgeht. Vielen Dank für dieses schöne Leseerlebnis! Ailis

    1. Ein Brief von einer Mutter an ein Kind (und das noch jedes Jahr) is ein wirklich schönes Gedanke. Dann hoffe ich, dass du das durchhältst! Lieber Gruß!

  7. Ich glaube, mein heutiges Ich wäre eine formidable Freundin für mein Kind-Ich und darüber freue ich mich sehr.
    Danke für die Anregung zu diesem Gedankenausflug.

  8. Vielen Dank mal wieder für das sinnige Schmunzeln in meinem Gesicht, das du mir mit deiner Geschichte geschenkt hast 😉

    Eine sehr schöne Sichtweise, die äußerst interessant aus diesem Blickwinkel betrachtet werden kann und viel Raum für eigene Gedanken lässt.

    lG
    Heike

  9. „Denn das Kind, das ich war, unterscheidet sich nur unwesentlich von der Erwachsenen, die ich geworden bin. “
    Ja so denke ich auch. Aus einem über 50jährigen Körper schaut immer noch ein Junge in die Welt. Ein Junge, der das Leben und die Frauen noch genauso faszinierend findet wie mit 10 Jahren.
    Wenn ich jetzt meine Erlebnisse von der erste Beziehung an blogge (www.midwaybetween.wordpress.com) bin ich immer wieder erstaunt, wie wenig sich das Wesentliche verändert hat.
    Schön, das andere auch so denken

  10. Das klingt nach einer wunderschönen Kindheit und einer erwachsenen jungen Frau, die mit 22 genau da steht, wo sie stehen möchte.

    „Und darum hätte ich mich gemocht.“
    Kindliche Wertungen sind etwas ganz besonderes, denn sie sind ehrlich und unschuldig und enthalten viel, was einem mit dem Älterwerden verloren geht, aber eigentlich sehr wichtig ist.
    Es gibt für den Seelenfrieden nichts schöneres als mit sich selbst im Reinen zu sein. Und was eignet sich da besser als die Meinung von sich selbst als Kind?

    Es freut mich sehr für dich, dass du das von dir behaupten kannst.
    Wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir sicher, dass ich mich auch gemocht hätte, und das ist ein tiefes, friedliches Glücksgefühl. Danke dafür!

    Liebe Grüße 🙂

      1. Das weiß ich 😉

        Aber gerade mit 22, auf der Schwelle zum reifen Erwachsenen, ist es bestimmt für das Einschlagen der endgültigen Richtung noch einmal besonders schön, denke ich 🙂

  11. Wunderschön!
    Dein Text berührt mich sehr! Es freut mich, dass du so zufrieden mit dir selbst bist und diese Zufriedenheit ausstrahlst. Der Text ist wirklich toll geschrieben. Du, die Frage und deine Antwort machen mich nachdenklich. Ich weiß nicht, ob mein Kind mich so mögen würde, wie ich heute bin, aber ich werde drüber nachdenken und die Frage für mich beantworten. Ich kann deinen Text nur wieder und wieder durchlesen. Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst. Du hast es geschafft mir ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern 🙂 ganz allgemein finde ich deinen Blog wirklich schön. Ich mag deine Art zu schreiben, und ich mag die Dinge, über die du schreibst. ich könnte stundenlang damit verbringen, dich zu lesen. Also hör bitte nicht auf! Liebste Grüße!

    1. Hi! Danke für deine Komplimente! Die Zufriedenheit zu erreichen hat ziemlich lange gedauert. In deiner Beschreibung über dich auf deinem Blog erkenne ich viel von mir selbst – allerdings von mir selbst vor 14 oder 15 Jahren. Machst du dich auch bald zu einer längeren Reise auf? Mit 21 bin ich nämlich damals erst mal für fünf Monate verschwunden … Lieber Gruß

      1. Hey 🙂 ja das glaube ich dir und ich denke ich bin auch noch nicht an diesem Punkt angekommen. Mein Leben ist zwar nicht langweilig, aber ich denke da geht noch etwas mehr. War das bei dir auch so und deswegen bist du dann so lange weggegangen?
        Das würde ja bedeuten, dass ich mich in den nächsten Jahren stark verändern werde…das ist auf jeden Fall spannend. Nein, momentan möchte ich erst mein Studium beenden, aber danach möchte ich eigentlich auf Weltreise gehen. Was war bei dir der Grund dafür? Ich habe die Hoffnung mich dabei selbst zu finden…denn das habe ich bis jetzt noch nicht getan.
        Liebe Grüße 🙂

      2. Hi. Mein Leben war auch nicht langweilig, aber ich war von mehreren Dingen angeödet. Da war die Sache mit nem Typen und dass ich nicht wusste, was ich wirklich studieren wollte. Also nahm ich Geld in die Hand und ab ging’s. Insgesamt war ich fünf Monate in Australien, habe also ein Semester ausgesetzt und das auch nie bereut. Mich selbst zu finden … Hm, das war nicht das Ziel. Es war eher eine Flucht vor den Dingen, die mich belasteten. Mich selbst habe ich erst wirklich gefunden, als ich nach einer vierjährigen Beziehung merkte, dass ich sowas nie mehr wieder haben will, weil ich zu viel von mir aufgegeben hatte. Dann war ich fünf Jahre Single. Und das war die Zeit, in der ich fand, wer ich sein wollte. Und wo. (Und das ist dann doch Deutschland.) Lieber Gruß

      3. Hey ja das kenn ich nur zu gut! Flüchten würde ich auch mal ganz gerne, mal was anderes sehen, was Neues erleben 🙂
        Dann hab ich die Hoffnung, dass ich mich irgendwann noch mal selbst finden werde..dauert ja anscheinend ein bisschen. Vielen lieben Dank, dass du deine Geschichte mit mir teilst! 🙂
        Liebe Grüße

  12. Hat dies auf bazochblog rebloggt und kommentierte:
    Mein inneres Kind kam nie richtig zu Wort. Manchmal meldet es sich zaghaft, wenn es raus möchte. … dann wenn es erforschen will,l wie weit es gehen kann. Ganz plötzlich zieht es sich schließlich wieder zurück. Es denkt, es ist zu weit gegangen. Richtig gut geht es ihm, wenn es von mir gehegt und gepflegt wird. Wir uns wie Geschwister unterhalten. Es möchte mich seinen Erwachsenen dazu anstiften verrückte Dinge zu tun. Neulich fragte es mich, ob ich mir vorstellen könnte ein zu sein. Einen Moment überlegte ich:« Kannst du dir vorstellen, wie ich aussehe, wenn ich plötzlich meine Haare schwarz färbe, und Gothic-Klamotten trage?« Dann lachte es und verzieht sich. Ich glaube mein »inneres Kind« ist mutiger, als ich je war. Mir gefällt das. Einiges versuche das Erwachsene ich tatsächlich umzusetzen, das sind die Momente, in denen es uns beiden gut geht..
    Ich weiß, dass es nicht so leben wollte wie ich.
    stefanini Deine Gedanken zu »Das Kind in mir« hat mich spontan zu dem Text inspiriert. Vielen dank dafür.

    1. Das freut mich, dass es dich inspiriert hat 🙂
      Und die Hauptsache ist ja, dass du zumindest einiges umsetzt. Das innere Kind zu verlieren, fände ich nämlich sehr schade.
      Lieber Gruß!

  13. Schön geschrieben. Ich frage mich, während ich die ganzen Kommentare hier lese, ob ein Brief, geschrieben als Erwachsener und gelesen als Großmutter/-vater, einen ähnlichen Effekt hätte.

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