Die Frauenkrankheit

Viele, viele Frauen haben vor allem eine Krankheit: Ihr Änderungsbedürfnis. Und dabei meine ich nicht das Männer-ändern-Bedürfnis, obwohl an dem schon viele Beziehungen gescheitert sein dürften, sondern die Unzufriedenheit mit sich selbst. Aber vielleicht hängt beides auch miteinander zusammen.

Frauen sehen sich im Spiegel an und finden ihre Brüste zu klein, die Hüfte zu breit, den Bauch zu schwabbelig, die Oberarme zu labbrig, die Oberschenkel zu dellig, die Unterbeine zu kräftig, den Po zu hängend, die Haare zu fisselig oder zu dick oder zu lockig oder zu glatt … Und insgesamt sind mindestens drei Kilo zu viel drauf. Immer.

Wahrscheinlich ist durch die Jahrtausende in unseren Genen festgelegt worden, dass wir der Meinung sind, ohne Hilfsmittel wie Schminke und Schmuck das Haus nicht verlassen zu können – oder zu wollen. Wir vergleichen uns mit den Gepriesenen unseres Geschlechts (momentan wären das Models und Schauspielerinnen, früher einmal waren es Königinnen oder Stammesoberhäupter) und versuchen uns nach ihrem Ideal zu formen. Eine Zeitlang hat man sich in Europa den Haaransatz wegrasiert, um eine höhere Stirn zu haben, hat in anderen Kulturen die Füße gebrochen und so eng gewickelt, weil man Lotusfüße haben wollte, oder immer mehr Reifen um den Hals geschoben, bis er dadurch unnatürlich verlängert worden ist.

Schönheitsideale. Viele wollen anders sein, als sie sind. Und wenn es nur ein bisschen ist. Und dann wird man Zitaten ausgesetzt wie „Nothing tastes as good as skinny feels“ (Kate Moss). Ich weiß, es ist ein altes, aber gerade hat es mich wieder ziemlich aufgeregt. Und ich lief durch die Stadt und dachte an die dicke braune Soße, die ich eben gemacht hatte, und das cremige Chicken Korma oder die leckersten Burger mit Pommes oder Kakao mit Sahne oder den besten Schokoladenkuchen, der innen zerfließt, oder … Doch: Es gibt so vieles, das so gut schmeckt, dass ich nicht dürr sein möchte, sein kann, sein werde. Niemals.

Seitdem ich 12 bin, habe ich mir über meine Oberschenkel und Hüften Gedanken gemacht, weil Am-Körper-Nörgeln eben die Frauenkrankheit ist, und mich mit irgendwelchen Frauen aus irgendwelchen Zeitschriften oder Filmen verglichen.

So ein verdammter Bullshit. Weil die ja so ein wahnsinnig tolles, erfüllendes Leben mit wunderbaren Beziehungen führen! Genau, das will ich auch haben. Und im Mittelpunkt stehen, finde ich ja auch so toll.

Ja, seitdem ich 12 bin, haderte ich immer wieder mit mir. Weniger als andere Frauen das tun, aber ich würde auch heute nicht sagen, dass mir mein Körper zu Hundertprozent gefällt. (Immerhin sehe ich ja, wie mein Bauch beim seitlichen Liegen auf die Matratze rutscht, oder dass sich meine Lovehandles zu sehr hinten über meiner Hose abdrücken, als dass sie nicht eine Handvoll wären.) Und immer mal erreichten mich Meinungen von Menschen zu meinem Aussehen, die meine Unsicherheiten zu stützen schienen. Und dann waren all die positiven Bemerkungen egal. Schlimmer: Dann wurde alles Positive hinterfragt. Dabei war das immer schon in der Überzahl.

Viel zu viele Stunden meiner Jugend, von 12 bis 20 – und sicher auch darüber hinaus, habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was ich wie an mir ändern müsste, um anderen Menschen (noch besser) oder bestimmten Typen überhaupt zu gefallen. Und heute sehe ich Fotos von damals und denke mir:

Zu meiner schlimmsten Selbstzweifelzeit – mit 17

Du hast so gut ausgesehen! Warum der ganze Zweifel und das Hinterfragen und das scheue Verneinen, wenn ein Mann sagte: „Du bist schön.“ Weil man das als Frau so macht. Und weil man es wirklich nicht glaubt. Weil die Gesellschaft und die Vergangenheit und Photoshop all diesen Selbstzweifel in uns eingegraben haben.

Natürlich: Am besten wäre, wir würden überwinden, dass wir uns und andere auf Äußeres festlegen und es eine so wichtige Rolle in unserem Leben spielt. Doch mal ehrlich, das wird nicht geschehen. Und gerade deswegen ist es so verdammt wichtig, dass wir aufhören, übertrieben an uns rumzumäkeln.

Drei Kilo mehr oder weniger machen an dir keinen Unterschied. Und wenn jemand uns sagt, dass er uns toll findet, dann sollten wir nicht kokett zur Seite sehen und flüstern: „Aber …“, sondern wir sollten ihn anstrahlen und sagen „Danke“.

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11 Kommentare zu „Die Frauenkrankheit

  1. Es ist auch interessant, dass so viel Zeit und Kraft darauf verwendet wird, anders, „besser“ auszusehen. Dieselbe Kraft könnte man doch nehmen und sie darauf richten „Das bin ich und so ist es gut!“ – Gefühl zu erhalten. Dieser Gedanke kommt mir jedes Mal bei diesem Thema.
    Ich versuche in mir ein Wohlbefinden herzustellen, manchmal brauche ich dafür sit ups und manchmal Eis. Dieses hin sich hineinhorchen: Was brauche ich, was tut mir gut! ist glaub ich sehr wichtig und wird leider durch diesen Gedanken: Was muss ich machen, ändern, um den anderen zu gefallen, mich anzupassen überrannt!
    Vielen Dank für deinen Text!

  2. Dieser Text kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich befinde mich derzeit (mal wieder) an einem Punkt in meinem Leben, wo ich ab und zu plötzlich innehalte und verwirrt in der Gegend herumblinzele. Meistens dann, wenn sich ein neuer „Mach mal wieder mehr Sport/Reduzier mal wieder die Kohlenhydrate/Installier die Food-Tracking-App wieder, nur zur Sicherheit“-Gedanke an mein sonst eigentlich recht vernünftiges Gehirn heranschleicht. koriandermadame hat es bereits angesprochen: Natürlich ist es eine Challenge, den Körper nach eigenen oder auch fremden Maßstäben zu formen, doch die viel größere Challenge wäre es doch, den Krieg gegen unseren Körper zu beenden und uns stattdessen mit ihm zu verbünden. Dieser Gedanke meines Freundes hilft mir dann, wenn ich mich so fühle, als sei das Aufgeben von Körperverbesserungsmaßnahmen genau das: „Aufgeben“, also Schwäche. Schließlich ist es auch viel anstrengender, gegen schlechte Laune oder eine Sucht anzukämpfen, als sich ihr einfach hinzugeben.

    Die größte Motivation beim Bestreben, Frieden mit dem eigenen Körper zu schließen, ist wohl die Erkenntnis, dass nicht der Körper falsch ist, sondern unsere Einstellung zu ihm. Während die Möglichkeiten der Veränderung des Körpers begrenzt, meist sehr zermürbend und kostspielig sind, ergreift man beim Verändern der eigenen Einstellung die Wurzel des „Problems“.
    Danke für diesen Text! Lasst uns diese Welt schocken, indem wir einfach zufrieden mit uns sind! 😀

    1. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei, zufrieden zu werden und zu bleiben! Ein bisschen an sich selbst feilen, ist ok; ich bin ganz sicher niemand, der vertreten würde, sich gehen zu lassen. Aber die gewisse Grundzufriedenheit mit sich und seinem Aussehen und seinem Körper ist ziemlich wichtig.

  3. Ach das ändern kenn ich. Mich überkommt immer wieder der „anfall“ nach einer neuen frisur, einem neuen Piercing oder einem tattoo 🙂

    1. Na, das sind ja eher kleinere Dinge. Ich fände es jetzt schlimmer, wenn du generell nicht zufrieden bist und darum rummäkelst. An dir oder deiner besseren Hälfte …

  4. Ich denke manchmal, diese Selbstzweifel in Zeiten der Suche nach der eigenen Identität schützten uns vor zu schnellem Hinschmelzen bei den heißen Schwüren der Süßholzraspler. So hat sich doch mancher Dubistdieschönstesager als lumpiger Windbeutel entpuppt. Und auch die Suche nach dem ureigenen Bild, was am besten zu einem passt und in dem man sich selbst gut gezeichnet findet wird ja durch Selbstzweifel befeuert.

    Und auch wenn ich sicher weiß, daß Sie nicht deswegen dieses wunderhübsche Mädchen da eingestellt haben: Sie sehen bezaubernd aus! Sehen und sahen…

    Herzliche Grüße, die Ihre, selbstgefunden und -bewußt zugetan.

    1. Ja, das mag sein, dass wir uns mit den Selbstzweifeln nicht jedem hinwerfen. Aber andersrum ist es doch ebenso möglich, oder? Wenn wir so von Selbstzweifeln zerfressen sind, haben Raspler doch eher mehr Chancen, weil sie auf die offenen Ohren eines unsicheren Ichs stoßen.
      Danke fürs Kompliment. Heute finde ich das auch. (Also dass ich damals so aussah.) Aber heute jetzt finde ich mich natürlich ziemlich müde aussehend. Nur gut, dass mein Freund mit da immer gegenhält. Und dem glaube ich das Süßholz.
      Liebe Grüße!

      1. Ich hatte das damals fragwürdige Glück des zeitigen Selbstbewußtseins durch den Wunsch ein Junge zu sein. Verbunden mit dem entsprechendem Gebaren. Erst mit 18, im Internat in Dresden drängte sich die weibliche Seite durch und mit ihr die Zweifel. Ab da begann ich mein Ich zu finden und bin es noch heute, nur entsprechend gealtert. Und Schleimscheißer (Pardöngsche!) erkenne ich noch heute, doch freue ich mich aufrichtig über jedes richtige Kompliment, selbst über pfeifende Bauarbeiter. Ich pfeife halt zurück.

        Danke für die Anschubserey zu solcher Selbstreflektion, das war mir so deutlich auch noch nicht bewußt. Ihnen und Ihrem Herzschönsten noch viele gegenseitige Gegenhaltworthöflichkeiten, sie sind feine Glut unterm Loderfeuer.
        Liebe Grüße zurück, Ihre Käthe.

  5. Ich finde diesen Fitness-Wahnsinn, der im Moment um sich greift, fast noch schlimmer als das einfache „Dünnsein-ist-geil“ einer Kate Moss. Denn bei zweiterem kann ich sagen: Meine Genetik lässt es gar nicht zu, dass jemand einen Geschirrsatz zwischen meinen Beinen durchreichen kann. Aber dieses beständige „Du musst fit sein, lauf Marathon, Muskelaufbau“-Gedöns spricht sogar mein Zweifelzentrum an. Es nervt, von vorn bis hinten und die Wettkampfmentalität hält damit auch noch deutlicher Einzug. Jetzt konkurrieren Frauen nicht nur darum, wer dünner ist, sondern auch darum, wer mehr Walnüsse mit den Arschbacken zerknacken kann. Darauf gönne ich mir ein Stück Kuchen und trainiere lieber die Hirnmuskeln.

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