Hand aufs Herz

Er schien sie nicht sonderlich zu mögen. Sie glaubte es und baute diese Meinung auf Indizien auf: Dass er sie nicht grüßte und nicht mit ihr redete, obwohl sie seit einem halben Jahr dem gleichen weitläufigen Freundeskreis angehörten, zeigte es doch eindeutig, oder nicht?! Ein Hallo hätte drin sein sollen. Aber das hätte auch von ihr aus kommen können. Natürlich. Wenn in ihrem Kopf nicht immer noch Männer die treibenden Kräfte sein müssten.

So also landeten sie eines Abends nebeneinander auf einer Couch, die Musik war schlecht und sie maulte darüber und er auch und auf einmal sprachen sie. Ein anderer Kerl kam an und wollte von ihm wissen, ob sie seine neue Freundin sei. Da sagte sie: „Nee, sicher nicht. Wir mögen uns ja nicht mal besonders.“ Der Typ verschwand und der andere sah sie verwundert an: „Ich hatte bisher keine Meinung zu dir. Wir haben ja nie miteinander geredet.“

Nun aber lernten sie einander kennen. Vorsichtig und ein bisschen hintenrum, weil die Clique gerne tratschte und sie nicht wussten, ob sie etwas Tratschenswertes haben würden. Darum zog er sie nach draußen in die ungemütliche Aprilnacht und küsste sie mit Küssen, die noch besser werden mussten. Und er kam zu ihr nach Hause und schlief neben ihr ein, ihren Körper so nah an seinen gepresst, dass er manches Mal nachts geil zu werden schien und im Halbschlaf Sex wollte, den er nicht bekam. Und weiterhin wusste sie nicht, was es werden würde, ob sie ihn nun mochte oder nicht, oder ob sie ihn nur hatte rumkriegen wollen, so wie sie ihn nun rumbekommen hatte.

Sie telefonierten miteinander und trafen sich wieder, machten eine fünfstündige Kneipentour und stürzten bei ihr ab, wobei er ihr den heftigsten Orgasmus seit Ewigkeiten bescherte – was definitiv ein Grund war, die Sache mit ihm fortzuführen. Was sie taten. Beide wollten nicht mehr, wahrscheinlich nicht, doch ein wenig Kontakt und seltene Treffen liefen gut. Er meldete sich vor ihrem Urlaub im Juli, aber sie sich nach ihm nicht mehr, weil es im August jemand anderen gab, mit dem es unverbindlich lief, und zwei Unverbindlichkeiten braucht ja kein Mensch.

Doch zu seinem Geburtstag kam sie, weil er sie eingeladen hatte, und er kehrte am Ende des Abends bei ihr ein: „Ich bin ziemlich betrunken und ich …“ Er sagte etwas, das sie nicht verstand, sodass er sie bei der Hand nahm und rauszog. Weg von seinen Fußballkumpels, weg von ihren gemeinsamen Freunden. „Ich war unsicher, ob du kommen würdest“, gab er zu. „Ich komme gerne“, sagte sie und fügte auf sein Grinsen hinzu: „Nein, das meinte ich nicht zweideutig.“ Sein Grinsen wurde noch breiter. „Und du bist eh viel zu betrunken für das andere Kommen und musst bis zum Ende deiner Party bleiben.“ Da stimmte er zu: „Aber das heißt ja nicht, dass du nicht wollen würdest. Keiner von uns beiden wird leugnen, dass wir uns ziemlich gut finden“, stellte er fest, „Aber ich fand es schon schade, dass du nicht mal angerufen hast.“ Ja, das hatte sie nicht. Und sie wollte nicht erklären, warum. Denn das erklärte sich doch von selbst? Hatte es bei diversen Typen, die so vorgegangen waren, zumindest auch immer getan.

Dann legte er seine Hand aufs Herz und deutete ein Schlagen an; sie konnte nur interpretieren, was sein betrunkener Kopf ihr damit sagen wolle, sprechen tat er nämlich: „Du bist ein guter Mensch, ein richtig guter Mensch“, und er hatte seine Hand immer noch auf seinem Herzen liegen. Sie wusste nicht, ob sie das war, ein guter Mensch. Und hieß das mehr, als es aussagte? Hatte es für ihn eine Bedeutung? Und maß sie der Bedeutung auch eine solche bei?!

Sie wollte bald darauf nach Hause und ging zusammen mit einer Freundin zu ihm. Zuerst verabschiedete er sich von der Freundin, dann sagte er zu ihr: „Du bist auch eine super Frau. Ich liebe dich.“ Ich liebe dich? Sind das Worte, die man in unserem Kulturkreis einfach so ausstößt? Sie war sich unsicher und fragte ihre Freundin, was er zu ihr gesagt hatte. „Dass ich ne tolle Frau bin.“ – „Dass er dich liebt, hat er aber nicht gesagt, oder?“ – „Nein, hat er nicht. Und er hat bei mir auch nicht so ausgesehen, als wolle er mich küssen.“

Gedankenverloren lenkte sie ihr Auto nach Hause. Sie wollte keine gebrochenen Herzen hinterlassen. Sie wollte nicht mit Menschen spielen. Aber sie wollte auch nicht zu viel in Aussagen hineinlesen, die von Betrunkenen gemacht worden waren. Also? Also meldete sie sich nicht mehr bei ihm. Und weil er bald eine andere Freundin hatte, sahen sie sich nicht wieder.

Dann wird es mit der Hand auf dem Herzen wohl nicht so weit her gewesen sein. Wahrscheinlich nicht.

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6 Kommentare zu „Hand aufs Herz

    1. Warum ist sie traurig? Bekommen am Ende nicht beide irgendwie, was sie wollen?! Oder ist es die generelle Schwermütigkeit, die mitschwingt und traurig stimmt?

  1. Letzteres. Und zu dieser Schwermütigkeit kommt das Gefühl von Beliebigkeit. Das starke Bild von der auf das Herz schlagenden Hand, die dann doch nicht „so weit her“ gewesen ist – das ist ja an sich schon arg traurig …

    1. Es ist schwierig zu sagen, wie weit her es mit der Hand auf dem Herzen ist. War es sowieso nicht so wichtig wegen seines betrunkenen Zustands? War es nicht so wichtig, weil es für sie nicht so wichtig war? Wäre es wichtiger geworden, wenn sie mehr Initiative gezeigt hätte? Hätte er nicht mehr kämpfen müssen, wenn es für ihn wichtig war? War die Freundin anfangs so beliebig, wie das Mädel aus dem Text? Wer weiß das schon?
      Ich hätte es alles sicherlich auch positiver schreiben können. Aber wäre es dann eine reizvollere Geschichte gewesen? (Also das frage ich dich jetzt, ohne dass ich es selbst bewerten kann. Jeder sieht das vermutlich anders.)

      1. Klang das so, als fände ich eine „traurige Geschichte“ schlecht? Falls ja, dann nein 🙂
        Und natürlich wäre eine positivere Story keine reizvollere – es wäre eine andere geworden.
        So wie sie jetzt ist, finde ich sie traurig. Und das ist wunderbar so.

      2. Nein, nein, es klang nicht, als magst du sie nicht. Nur, als lässt sie dich in einer nachdenklichen Stimmung zurück. (Und das hätte die positivere so wohl nicht geschafft …)
        Darum: Alles gut.

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