Für eine Nacht

Der Coole. Immer schon. Der mit dem Skateboard in irgendwelche Skateparks fuhr, der mit Mädels angeblich nur spielte, vor dem man gewarnt wurde. Das war er gewesen. Zehn Jahre zuvor. Nun war er einfach ein Typ, der in der Disco stand und mit ihr redete. Sie kannten sich über Freunde, entfernt, sodass sie sich stets gegrüßt, aber nie gesprochen hatten. Jetzt schon. Wie das kam, sie wusste es nicht. Wieso sie einwilligte, sich mit ihm zu betrinken, sie hatte keine Ahnung. „Ich sorge schon irgendwie dafür, dass du nach Hause kommst“, hatte er gesagt. Und so tranken sie gemeinsam.

„Wir flirten hier aber nicht gerade, oder? Ich habe nämlich gerade Eine kennengelernt und bei so etwas bin ich monogam.“ – „Nein, wir flirten nicht, wir unterhalten uns nur“, erwiderte sie. Flirten, sie wusste gar nicht mehr, wie das eigentlich ging, hatte sie noch vor wenigen Wochen gedacht. Aber nun spürte sie an dem unterschwelligen Kribbeln in ihrem Körper, dass sie ihn angelogen hatte. Doch, sie flirteten. Doch, das hier lief auf irgendetwas hinaus.

Sie sprachen über Männer und Frauen und Beziehungen und über das Kennenlernen. Sie solle es über das Internet versuchen, empfahl er ihr. Weil es bei ihm so geklappt hatte, glaubte er, auch sie könne damit glücklich werden. Soweit war es schon, dass der Mädelsaufreißer von früher, der nie Probleme mit der direkten Methode gehabt hatte, auf die eher anonyme Hinundweg-Form des Menschentreffens zurückgriff. Sie lachte. Nein, für sie sei das nichts, sagte sie und war sich dessen sicher. „Was suchst du denn eigentlich in einem Mann?“, wollte er wissen und sie nannte ihm Dinge wie Kreativität, Freigeistigkeit, Offenheit, und merkte, dass all dies auch auf ihn zutraf. Und er wunderte sich, warum jemand wie sie mannlos war. Mit jeder Minute schienen ihre Blicke sich zu vertiefen. Bis er sich eine Auszeit nahm und bei seinen Freunden einkehrte. Vielleicht, um Luft zu schnappen und wieder klar zu denken. Immerhin gab es ja die aus dem Internet. Und immerhin hatte er die nun gut kennengelernt. Und immerhin stand ein weiteres Date mit ihr an. Immerhin.

Doch es zog ihn zurück. Es war schon drei Uhr nachts, der Raum leerte sich, die letzte Rum-Cola war in ihren Händen, als sie am Rande der Disco nebeneinander saßen. Und plötzlich ihre Hand in seiner war. Erst die eine, dann beide. Sie sah herunter auf die verwobenen Finger und spürte die Wärme aus dem Arm in den Körper steigen, als er langsam begann, ihre Unterarme zu streicheln. Sie sprachen nicht, sahen sich kaum an und rückten doch stetig näher zueinander. Bis sie den Blick hob. Fragend noch. Wollte er doch, was er eben nicht gewollt hatte? Vorsichtig legte er seine Lippen auf ihre. Saugte an ihnen. Nahm sie in Besitz. Und es waren die Küsse, die sie liebte: Sanft und intensiv, fordernd und gebend. Kein starres Zungenschieben, sondern ein Spiel zwischen zwei Mündern. Ähnliche Seelen.

Um halb sechs nahm er sie wortlos bei der Hand, zog sie hoch und leitete sie nach draußen. Sie teilten das Taxi bis zur Ecke ihrer Straße. Dort stiegen sie aus und küssten noch lange. Und alles in ihnen zog sie zueinander hin. Für diese Nacht, für diesen Dämmermorgen.

Aber sie tauschten nichts aus. Keine Nummern, keine Emailadressen. Wegen des anderen Mädels. Vor allem wegen ihr, aber auch weil sie wussten, dass die Einmaligkeit der Nacht, der Zauber der Stunden sich zwischen ihnen so nicht mehr wiederholen würde, weil sie nur für diese eine Nacht lang so gepasst hatten, wie sie passten.

Die Küsse, die Gesten, die Haare, die er ihr aus dem Gesicht nahm, der Rücken, über den er ihr immer wieder strich, die Hitze, die hochgewallt war – all das war so, so gut gewesen, und sie war froh, dass sie beide das gehabt hatten.

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2 Kommentare zu „Für eine Nacht

  1. Bewunderswert, dass ihr vorherrschendes Gefühl Dankbarkeit und nicht Sehnsucht ist. Dass sie sich nicht fragt, ob es nicht auch über diese Nacht hinaus gepasst hätte. Vielleicht hätte es das ja..?

    Schöne Geschichte!

    1. Nach einer Nacht Sehnsucht? Wäre das wirklich normaler? Mit manchen Menschen verbringt man perfekte Zeit, und ahnt, weiß doch, dass sie nicht die für immer sind.

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