Glaubensbekenntnis

Gott ist für mich die Kraft, sagte der Rentner zu seinem Freund, während sie das Treiben auf dem Marktplatz beobachteten. Ein Satz, der hängen blieb und mich an die Beerdigung meines Opas vor zwei Wochen erinnerte.

Im Gegensatz zu mir war Opa sehr gläubig. Er unterstützte die Gemeinde mit Einsatz und Spenden, ließ Messen lesen und stellte nichts in Frage. Aber er drängte mich nie dazu, sprach mit mir nie darüber, wie ich es denn eigentlich damit halte.

Während seiner Sterbemesse wurde der Pfarrer nicht müde zu betonen, wie sehr wir alle durch unseren Glauben vereint sind, dass mein Opa zu uns gehörte, weil die Taufe ihn mit uns verband. Und … Ich würde jetzt gerne Blabla schreiben, weil ich da saß und so gar nichts mit diesem für mich verklärten Blick auf die Welt anfangen konnte. Er gehörte zu uns, weil ich ein Teil von ihm bin. Im biologischen und im herzlichen Sinne.

Beim Leichenschmaus dann, als ich mich outete, war meine Großtante ganz erstaunt: „Du glaubst an nichts? Das geht doch nicht. Was passiert denn mit uns, wenn wir sterben? Ich glaube, ich brauche die Gewissheit an ein Danach.“ Es wirkte, als sei ihr das Konzept des Atheismus‘ vollkommen fremd, als habe sie sich nie damit auseinandergesetzt. Aber gerade diese Danach-Gewissheit, das Aufsteigen der Seele in irgendwelche Sphären, geht mir ab, will nicht in meinen Kopf.

Natürlich hätte ich mir gewünscht, der schwarze Schmetterling, den meine Stiefmutter in der Todesstunde aus Opas Zimmer entließ, sei seine Seele gewesen oder meine Oma, die ihn nach fast 20 Jahren abholte. Aber vermutlich war es doch nur eine Motte. Oder? Oder was ist mit dem dunklen Schmetterling, der sich in den letzten zwei oder sogar drei Tagen auf unserer Dachterrasse und einmal auch auf mir einfand? … Man könnte Geschichten zu ihm erfinden. Wie sie zu so vielem erfunden worden sind.

Oder man kann auf dem Marktplatz sitzen und sagen, dass Gott die Kraft sei. Damit kann ich leben. Gott hat nichts mit Religionen zu tun. Nichts mit dem angeblichen Himmel. Nichts mit uns Menschen. Gott ist die Kraft des Aus-sich-selbst-Entstehenden. Irgendwo war ein Anfang. Und der Anfang war Gott. Ist Gott.

Aber das ist nur meine Meinung.

Advertisements

6 Kommentare zu „Glaubensbekenntnis

  1. Ich glaube an Gott. Ob es ihn gibt, da bin ich mir nicht sicher. Falls nicht, dann stört sich niemand daran. Und wenn doch, dann wird man sehen. Für mich kann es allerdings nur einen Gott geben und der ist überall der gleiche Gott. Egal wie er von den Menschen genannt wird. Was die Kirche daraus macht ist ein anderes Thema.

  2. Es gibt tatsächlich eine Erzählung von Ulla Hahn, die heißt „Die Motte“. Vermutlich hast du daran auch gedacht.

    Ich finde das ein schwieriges Thema, schwierig, weil es spekulativ ist, die eine Position wie die andere. Man spricht nicht über Gewissheiten, sondern über Tendenzen. Mir wäre nur eines wichtig: Man sollte sich (und anderen) im Laufe des Lebens zugestehen, dass sich Meinungen, Überzeugungen und der Glaube ändern können. Für Georg Steiner war die Shoah der Beweis, dass Gott nicht existieren kann, für andere ist Auschwitz eine Glaubensprüfung, wieder andere, etwa Elie Wiesel, stellten (literarisch) Gott vor Gericht. Und es ist einfach so, dass wir im Laufe unseres Lebens uns verändern. Vielleicht glaube ich mit 15 nicht mehr an den Weihnachtsmann wie noch zehn Jahr früher – und vielleicht glaube ich mit 25 an einen Gott, anders als zehn Jahre früher. Oder mit 35.
    Ich halte das übrigens für eine generelle Grundhaltung: Offen zu sein, um seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, egal um was es geht.

    Und: Herzliches Beileid.

    1. Nein, Ulla Hahn habe ich noch nie gelesen. Und die Sache mit dem Schmetterling trug sich in Opas Zimmer wohl so zu, die mit dem bei mir auf der Terrasse definitiv.
      Ich stimme dir zu. Man sollte offen bleiben. Aber vor allem sollte man anderen gegenüber offen sein und ihnen ihren Glauben lassen. Sowie sie mir meinen Nichtglauben, den ich im übrigen schon seit 20 Jahren, also ca. ab 12 so hatte.

      1. Die Erzählung heißt „Die Motte“ und findet sich in einem Erzählband von ihr. Sie ist nicht lange und ich kann sie Dir gerne per Mail zusenden, wenn du möchtest. Es geht um eine verstorbene Frau, die einmal im Jahr in Form einer Motte zu dem Liebsten wieder zur Erde kommen kann, um ihm wieder nahe zu sein. Die Geschichte ist wirklich gut geschrieben und eine melancholische Liebesgeschichte ohne Kitsch.

      2. Vielleicht hat sich meine Stiefmutter ja aus ihr bedient? Aber das glaube ich eigentlich nicht, weil mein Vater das Tierchen wohl ebenfalls sah.
        Danke für dein Angebot. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s