Einen Sommer lang

Fahrtwind – alle vier Fenster geöffnet. Der Wind fuhr hindurch. Cabriofeeling. Sie sangen laut, umhüllt von dem Rauschzustand der vergangenen Monate. Sie lachten. Lachten, wie die Sonne vom Himmel. Leben, das nicht endete. Keine Gedanken. Nicht um Zukunft, nicht um andere. Wenn, dann nur egoistisches Denken, nur volles Empfinden. Schmetterlingsgefühle. Liebe.

Sie sahen einander an. Er war der Fahrer. Es war egal, dass er getrunken hatte. Alles war egal. Prinzipien unwichtig. Eine Welt ohne Fragezeichen. Eine Welt, die rief: „Alles egal! Alles egal, solange ihr nur lebt!“ Es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Sie flogen gemeinsam mit der Zeit fort. Intensität, die man nur in der Natur so spüren kann: Intensiv wie das Dunkelblau des Spätsommerhimmels, wie das Türkis des Meeres bei Neuseeland, wie der Geruch eines Fliederstrauches, wie die Kraft der Niagarafälle. Und unendlich. Unendlich wie die Menge des Sandes in der Wüste; unendlich wie der Blick in den Sternenhimmel. Unendlich.

Ja, es war Freiheit, die sie spürten. Früher einmal hatten solche Gefühle sie verwirrt. Früher hatte vor allem er Angst vor ihnen gehabt. Doch nun? Nun fragte er sich nicht, ob es Liebe war. Ihm reichte der Rausch. Ein endloser Orgasmus in gemeinsam verbrachter Zeit. Nichts war so schwer wie klares Denken: Pragmatismus, Spießertum, Langeweiler, Streber, Feiglinge, die ihr Leben hinter einer Lüge aus Sicherheit verbrachten.

Sie waren wie kleine Kinder, auf Entdeckungsreise. Jeden Tag neu. Neues über und an sich, am anderen, an der Umgebung. Sie jauchzten vor Glück. Glück gehörte endlich zu ihrer Realität. Endlich. Diesen ganzen Sommer bereits. Ein vollkommener Sommer, der ihnen alles gegeben hatte. Nichts hatte er zurückbehalten: Jung, frisch, braungebrannt saßen sie im Wagen. Wellen hatten sie gesehen, Salz gerochen, Berge bestiegen, Schnee in den Händen erwärmt. Sie hatten in Feldern getanzt und waren in Baggerseen geschwommen. Und mit jedem neuen Tag war die Befremdung und Verwirrung, die anfangs zwischen ihnen geherrscht hatte, geschrumpft, ehe sie dann ganz verschwunden war. Er…

„Achtung!“ brüllte sie. Der ihnen entgegenkommende LKW schleuderte, kam aus der Bahn, stellte sich quer, raste gegen sie.

Durch den Alkohol war seine Reaktionszeit länger; doch er hätte nichts tun können. Nichts. Sie röchelten. Ihr Hand lag in seiner, er drückte sie leicht. Reden war zu schwer. Das Blut ronn in den Kehlen. Leute kamen herbei und erlebten die letzten Sekunden eines wunderbaren Rausches. Eines Todesrausches? Keine Gedanken um Zukunft, keine Gedanken um andere.

Einen Sommer lang hatten sie mehr gelebt als andere ein ganzes Leben.

Advertisements

8 Kommentare zu „Einen Sommer lang

  1. Ich bin mir unsicher, ob sie wirklich einen Sommer lang mehr gelebt hatten, als andere ein ganzes Leben. Wirklich unsicher. Dieses nutze die Zeit und lebe dein Leben ist zwar gut geschrieben, vernachlässigt aber, dass es weitere Aspekte gibt, die das Leben und den Menschen ausmachen.

    1. Ja, da magst du Recht haben. Aber dass sie mehr gelebt haben könnten als manche andere (nicht alle, nicht unbedingt viele),kann mag doch schon sein. Es geht hier ja um die, die nie wirklich aus ihrem Alltag ausbrechen (möchten) – die Langeweiler. 🙂

  2. Eine wunderschöne und doch traurige Geschichte, doch der Tod ist allgegenwärtig, das musste auch ich in meinem letzten Beitrag feststellen, würde mich freuen wenn du mir sagst wie du ihn findest denn du bist mein großes Vorbild in Sachen „Kurzgeschichten“. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s