Wie es sein kann

Aus bald ist jetzt geworden. Das ist deine Geschichte. Seit gestern bist du nicht mehr.

Die alten Augen haben ihre Farbe fast verloren. Verwässert blicken sie die Enkelin an. Brüchig ist die Stimme, vorsichtig die Gesten der faltigen Hände, während eine von ihnen durch die schütteren Haaren fährt, als würde das Thema dem Großvater wenig behagen. Doch schweigen mag er auch nicht mehr, er will, er muss reden. Er möchte, dass man weiß.

Dass man weiß, dass er mit 18 zum Arbeitsdienst quer durchs Land nach Danzig eingezogen wurde, um dort ein Ferienlager einzureißen und an anderer Stelle aufzubauen; dass er nahezu anschließend als Soldat einberufen wurde, ein paar Monate Übungen absolvierte, ehe es Richtung Front ging. Dass er marschieren musste, bis die Pferde krank wurden und sie mit dem Zug weiter durften. Dass er durch Litauen und Lettland fuhr und dann „Krieg spielte“, bis er im Gesicht und später an der Schulter getroffen wurde, sich an einen Laster hängte und damit rettete; dass er ins erste, zweite, dritte Lazarett überführt wurde, immer näher an Deutschland heran, immer weiter von der Front fort.

Dass man weiß, dass er nach der Genesung um Versetzung bat, weil er „Russland ja nu kannte“ und nach Afrika hingeschickt wurde; dass dort der Krieg aber verloren war, kaum dass er ankam; dass er anderthalb Jahre in französischer Gefangenschaft an verschiedenen Orten in Algerien verblieb, Männer täglich bei der Triebabfuhr mit Männern in den Lagern beobachtete, Essen beschaffte und Straßen baute, damit die Amerikaner von Süden her Italien einnehmen konnten – die „Route der Flüchtlinge jetzt über Lampedusa“; dass es ihm in Gefangenschaft nicht gut, aber eben „nicht schlecht“ ging, wie das in Gefangenschaft wohl war; dass er seinen Eltern stets mitteilen konnte, wo er sich aufhielt, wie es ihm ging, dass er lebte.

Er möchte, dass man erinnert, wie sein Leben einmal war, wie ein Leben sein kann. Und vielleicht will er auch, dass die Enkel schätzen, was sie haben.

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13 Kommentare zu „Wie es sein kann

  1. Die Wirklichkeit – und gerade die vergangene! – ist nicht bei BI*D und T*L/Sa*1/P*o7 zu finden, schon garnicht bei Google und fakebock.

    Viele Smartphoner werden das erst sehr, sehr spät merken.

    (Sehr berührend geschrieben!)

  2. Die Kritik an der jungen Generation mit ihren Smartphones kann ich nicht ohne einen gewissen Widerspruch stehenlassen, denn auch ich fand andere Dinge interessanter als das, was mein Opa erzählen wollte. Es lag auch an seiner Art, wie er es erzählte, aber es schien nie für mich gedacht zu sein. Da nehmen sich die Generationen nichts, ganz unabhängig von ihren Spielzeugen.
    Mir gefällt, wie du die Erinnerungen des Opas wiedergibst, jetzt spricht es mich an. Jetzt ist es für mich gedacht.

    1. Es ist tatsächlich gar nicht nur eine Kritik an der jungen Generation. Der Smartphonegebrauch meiner Eltern regt mich ja auch schon auf (Gründe siehe: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2015/04/19/alt-und-zuruckgeblieben/).
      Und natürlich hast du Recht: Wenn die Großeltern sich wiederholen, wenn sie Sachen zu erzählen hatten, die man nicht wirklich hören wollte, dann langweilte man sich sicherlich häufig bei Familienfeiern.
      Meine vier Großeltern haben eigentlich nie erzählt. Mein letzter lebender Großelternteil beginnt erst langsam damit.

  3. Ich hätte gerne erzählende Großeltern gehabt, tatsächlich schwiegen sie aber über die Vergangenheit und befassten sich lieber mit der Gegenwart. Heute sind sie alle tot und ich bedaure, nicht doch einmal und mehrfach versucht zu haben, ihnen ihre Geschichte zu entlocken.

  4. Alternatives Samsung-Smartphone-Ende: »Und der Enkel schaut vom Smartphone auf, nickt und schließt die Diktiergeräte-App.«

    Alternatives iPhone-Ende: »Und der Enkel schaut vom iPhone auf, nickt und schließt die Sprachmemos-App.«

  5. Leider starb mein Großvater, ein britischer Kolonialsoldat im WW2, bevor ich geboren wurde. Aber manchmal, wenn sie in der Stimmung sind, erzählen meine älteren Cousinen, meine Tanten und Onkel einige der Geschichten weiter, die Großvater vom „Hitlerkrieg“, wie er den 2. Weltkrieg ständig nannte, mit nach Hause brachte…
    Deine Geschichte löst bei mir viele Gedanken aus.

  6. Dein sehr berührender Text hat mich an die Erzählungen meiner Oma erinnert. Ich habe, während der Gespräche „über früher“ mit ihr immer gebannt an ihren Lippen gehangen. Und ich habe sie oft und wieder und wieder ganz aus eigenem Antrieb heraus befragt. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich begriffen, wie ECHT sie erzählte und berichtete. – Die Gespräche mit meiner Oma haben mich sehr geprägt. Und ich bin überaus dankbar dafür.

    Damals gab es keine Smartphones.

    Ich mag keine Smartphones. Wer sagt, dass die nicht eigentlich überflüssig sind, will sie bloß verkaufen. Kein Mensch BRAUCHT diese Dinger. (Leider wird alles versucht, mutmaßlich erfolgreich, uns in Abhängigkeit von diesen Geräten zu treiben, weil es schließlich tatsächlich „nicht mehr anders geht“ als eins zu besitzen.) – Es gibt genug andere Kommunikationswege und -möglichkieten, die uns das Leben völlig hinreichend erleichtern.

    *

    Es ist immer wieder schön und vor allem bereichernd bei Dir zu lesen.

    Wieder einmal ein Dankeschön dafür!

    1. Ich glaube, dsss durchaus viele Enkel genervt waren, auch ohne Smartphones, wenn die Großeltern wieder in die frührige zeit verfielen. Meine haben eigentlich nie etwas erzählt. Drei Großeltern sind gestorben, ohne dass ich je etwqs vom Krieg hörte. Und der eine musste 90 werden.
      Smartphones sehe ich ähnlich wie du, deswegen habe ich keins, aber man fühlt sich mittlerweile schon fast ausgeschlossen ohne eins. Solange mein handy allerdings funktioniert, werde ich mir keins kaufen…

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