Intermezzo

Verabschiedungen sind eigenartig. Bei bestimmten Worten habe ich einen Kloß im Hals. „Mach’s gut“ ist so eine Wortkombination. Meine Großväter haben es zu mir gesagt, Tage, bevor sie starben. Andere Verabschiedungen klingen hölzern oder so, als würde man sich gar nicht wirklich auf das Wiedersehen freuen – vor allem, wenn das Lächeln dabei fehlt. Und sich in einer anderen Sprache zu verabschieden, einer, in der man nicht sicher ist, ob alle Konnotationen richtig sitzen, ist noch einmal schwerer.

Alex und ich, wir haben uns verabredet, haben gesagt, dass wir uns in vier Tagen ungefähr in Nottingham wiedertreffen werden. Aber vier Tage können Welten sein. Die letzten vier mit ihm sind nämlich eine gewesen. Eine ganze Welt. Ja, es waren nur vier Tage. Doch wenn man so viel Leben hineinpackt, so viel Unterschiedliches sieht, zeigt sich, wie relativ Zeit ist. Aber bevor ich zu Einstein mutiere, lieber zurück zum Eigentlichen: Es könnte sein, dass wir uns in vier Tagen eben nicht wiedersehen werden, dass er oder ich aus irgendeinem Grund eine andere Route nehmen, dass er oder ich jemand anderen kennenlernen, der/die als Reisebegleiter attraktiver ist, weil … Und das macht den Abschied seltsamer, schwieriger, eben eigenartig. Seit gestern Abend ahnen wir, dass wir uns zueinander hingezogen fühlen, aber wir haben nichts diesbezüglich unternommen. Und nun stehen wir also voreinander und wissen erst einmal nicht wohin mit uns. Ehe er – meistens ist es er, der Schritte unternimmt, weil ich unsicherer bin, als ich auf Außenstehende wirke- mich in die Arme schließt.

Ich habe mal einen Bericht über den Tango und ein altes Pärchen, das ihn seit seiner Jugend tanzt, gesehen. Sie unterrichteten auch andere darin, und die Schüler sagten über den alten Mann, dass sie durch ihn erst erfahren hätten, wie eine Umarmung wirklich sein kann, dass die Umarmung des richtigen Mannes Schutz und Geborgenheit verheißt. Wir Frauen, die wir eingeredet bekommen, wir müssten so stark wie Männer und so unabhängig wie möglich werden, wünschen wir uns nicht doch eine ebensolche Umarmung? Also ich mir schon. Dass es Alex sein würde, dessen Arme mich einschließen und mir genau dieses Gefühl geben, hätte ich dennoch nicht erwartet. Aber hier stehe ich und atme ihn ein und muss schlucken, weil er, wenn seine Arme mich freigeben, mich alleine in die Welt gehen lassen wird, in die ich so unbedingt alleine gehen wollte. Und nun irgendwie nicht mehr.

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13 Kommentare zu „Intermezzo

  1. Hach, das hast du schön geschrieben. Ich leide mit dir.
    Und das mit dem Tango kann ich nur bestätigen.
    Ich habe mit meinen Mann mal einen Crash-Kurs Tango-Argentino gemacht. Ich konnte mich nicht führen lassen. Das war besser, als jede Paar-Therapie. Sich auf den Partner einzulassen und mal nicht stark sein zu müssen, das ist wirklich großartig.

    1. Du meinst, du bist berührt oder dass ich es bin? Weil letzteres ist ja nicht in dem Sinne möglich, da diese Reise und dieser Alex erfunden sind. (Aber wahrscheinlich sollte ich das gar nicht offenbaren … 😉 )

      1. Oh, ich dachte es mir, dass es so ist (weil du das irgendwann einmal geschrieben hast …). Aber es ist trotzdem berührend, weil vermutlich etwas dich so berührt hat, irgendwann einmal, irgendwie. Vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang, aber eben doch …ich frage mich manchmal, ob wir über etwas schreiben können, was wir nie erfahren haben. Ich meine jetzt Gefühle, nicht Situationen, die man sehr wohl erfinden kann. Ist es möglich, über Liebe zu schreiben, ohne diese jemals erfahren zu haben? Hast du einmal Liebe erfahren, kannst du allerdings über alle möglichen Situationen schreiben, die die LIebe schildern, das Gefühl …

      2. Wahrscheinlich war es die Tangoreportage, die vor ein paar Tagen im Fernsehen wiederholt wurde und der alte Mann in ihr.
        Für mich selbst kann ich definitiv sagen, dass ich so gut wie nichts schreiben kann, dessen Gefühle ich nicht irgendwie schon erfahren habe. Ich würde meinen, dass das immer so ist, weil man Gefühle ja schwer erfinden kann, wenn man sie nicht kennt. So ist das mit meinem Buch ja auch: Ich habe nahezu alle Situationen, vor allem die wichtigen, erfunden, aber die Gefühlswelt gab es so ähnlich natürlich schon in mir.

  2. Eines meiner Ziele im Leben ist es, ein Mensch zu sein der solche Umarmungen geben kann. Nicht aus Stärke – nicht der typisch männlichen – sondern aus innerer Stärke heraus. Weil ich ein Mensch bin (sein will), dessen Umarmung mit dem Herzen umarmt.

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