Angstgegner

Wir lassen uns Angst machen. Wenn es so einfach ist, dieses Gefühl der Freiheit zu erreichen, wenn ausreicht, was ich jetzt in diesem Moment habe, dann ist es doch so, dass wir uns Angst machen lassen? Durch ebendiese schlechten Nachrichten um uns. Wir lassen uns einreden, wie gefährlich auf einmal unsere Welt geworden ist, und lassen uns vorführen, wie jeder labile Junge auf einmal abschweifen kann in die Radikalität. Und zugleich erfahren wir, wie leicht eine Demokratie 83 Jahre später noch ihre demokratischen Strukturen verlieren kann.

Der deutschsprachige Sender Belgiens erreicht mich längst nicht mehr – und damit ist meine Nachrichtenverbindung erst einmal unterbrochen. Vielleicht sollte ich es dabei belassen?! Wie viel muss ich über die Welt und das Geschehen wissen? Wie genau muss ich erfahren, wo wie sehr meine Sicherheit beeinträchtigt werden wird? Natürlich will ich nicht in Problemviertel laufen, will mich von Konfliktherden fernhalten, natürlich will ich mich nicht in Gefahr bringen. Aber ich möchte selbst entscheiden, wie viele Freiheiten ich aufgebe, weil um mich herum die Welt angeblich eine so viel gefährlichere geworden ist.

Ich bin kurz vor der Küste, kurz vor Dünkirchen. Ich weiß um die Flüchtlingscamps, die es von hier bis Calais gibt, weiß davon, dass natürlich immer noch Flüchtlinge versuchen, in LKWs oder sonst wie auf Fähren oder in den Tunnel zu kommen. Erst in der letzten Woche ist eine Frau beim Errichten einer Straßensperre überfahren worden. Der 5. Vorfall dieser Art seit Jahresbeginn. Nicht, dass ich davon erfahren hätte, wenn ich mich nicht wegen der Reise ein wenig schlau gemacht hätte. Egal, wie viele Nachrichten man sieht, die Tode der Flüchtlinge spielen nur noch eine Nebenrolle. Da heben die Italiener ein Schiff aus dem Mittelmeer mit 675 Toten und es ist nur eine kleine Notiz am Rande …

Das ist noch so etwas: Die Presse kann es mir mit den Nachrichten gar nicht recht machen. Entweder es ist zu viel oder zu wenig. Selbst wenn ich in England wieder die Radionachrichten verstehen würde, zumindest je nach Dialekt mehr oder weniger, ich glaube, ich lasse das Ding aus. Dass ich kein Smartphone dabei habe, wird mir beim Nachrichtenverzicht helfen. Ist, weil ich bewusst auf Nachrichten verzichte, mein Gefühl der Freiheit beschmutzt? Verdreckt von Ignoranz und Egoismus? Aber habe nicht auch ich nur dieses eine Leben? Und soll ich nicht ein gutes daraus machen? Wie gut kann es sein, wenn ich vor lauter Angst den Kopf in den Sand stecken würde, weil immer dieses dumpfe Gefühl mit dabei wäre?!

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8 Kommentare zu „Angstgegner

  1. Es kann natürlich auch sein, dass diese Welt wirklich aus den Fugen gerät. Schwieriges Thema, warum dies oder jenes wie lang und breit in den Nachrichten erscheint – das sind viele Faktoren.

    Am allerwichtigsten ist, dass man sich nicht ängstigen LÄSST.

    Liebe Grüße

    PS: Kein Mobiltelefon … dann Internet-Café, oder wie kommt es zu diesem Beitrag?

  2. Das Zauberwort ist Resilience. Die Widerstandsfähigkeit erhalten bzw ausbauen. Schau Dir Israel an und wie sie lernen mussten mit der Situation umzugehen. Da müssen wir leider auch hin. Wir hatten sehr lange Glück. Die anderen Länder zeigen uns aber, dass man sich daran gewöhnt. So schlimm es ist. So wie unsere Großeltern auch zu Zeiten des Krieges ihre positiven Erinnerungen haben. Der Mensch ist am Ende des Tages ziemlich zäh.
    Genieß den Urlaub und lass die Nachrichten sein was sie sind. Du und ich können daran nichts ändern.

    1. Ich hoffe doch sehr, dass es nie so krass werden wird wie in Israel. Da habe ich immer gesagt, dass ich nicht verstehen kann, wie man dort wohnen bleiben kann. Ich weiß, das sage ich, weil es nicht meine Heimat ist, aber der „Menschenverstand“ würde mir, so würd ich hoffen, raten, dort wegzugehen.
      Auch glaube ich nicht, dass unsere Großeltern sich an den Krieg gewöhnt haben oder dass sie viele positive Erinnerungen damit verbinden. Krieg ist ein Dauerzustand der Angst. Die wird vielleicht weniger dringlich, aber gewöhnt ist man nach einigen Jahren wahrscheinlich doch nicht daran? (Aber ich weiß es nicht. Und wann genau ist man an etwas gewöhnt? Wie zeichnet sich das aus? Dass man trotzdem schlafen kann?) Meine haben zumindest keine positiven Erinnerungen mitgeteilt, nur die negativen.
      Die hier beschriebene Reise existiert im Übrigen nur in meinem Kopf. Ich habe solche zwar mehrmals schon gemacht, aber gerade jetzt unternehme ich keine. Es sind Gedankenspiele, Ideen …

      1. Da habe ich mich falsch ausgedrückt. Der Krieg an sich hat nichts positives. Aber trotz Krieg gab es positive Erinnerungen. Am Ende werden selbstverständliche Dinge wie warmes Wasser zu einer Besonderheit. Nicht erstrebenswert das es soweit kommt.
        Die Gedankenspiele sind wichtig. Stell Dir Du hättest jetzt die Millionen im Lotto gewonnen. In diesem einen Augenblick wäre Dein Leben keinen Deut anders. Du könntest bereits eine Krankheit in Dir tragen. Da Du es nicht weißt ist es nicht weiter von Belang. Beide Beispiele sind insoweit schlecht, da sie einen langfristigen Effekt haben. Viele der Nachrichten sind aber am nächsten Tag schon wieder verdrängt. Denke an Griechenland. Das Waldsterben.

  3. Ich hatte so viele WortGedanken beim Lesen, Thema Freiheit… Weltgeschehen… so viel… und dann doch auch das Gefühl von zu wenig Information_nur immer wie Teilwahrheiten weil Hintergründe verworren im Politik Geflecht der WeltenSichten…
    So kam mir in den Sinn, dass du ohne Nachrichten vielleicht noch viel offener und freier durch die_deine Welt mit so vielen Berührungspunkten gehen_spazieren_schweben_laufen_phantasieren… kannst. Offen für die Menschen die dir begegnen, ohne Hintergrundgedanken, die schweigend im Kopf Substanz annehmen…
    Vielleicht macht das ja auch Freiheit aus… Selbstbestimmung_entscheiden_Leben…

    1. Auch ich hatte schon entschieden, auf Nachrichten einfach mal verzichten zu lassen. Denn hinter all den schlechten Nachrichten, ist die Welt um einen herum ja immer noch da. Und meine ist da eigentlich ziemlich gut.
      Lieber Gruß!

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