Alternativen

Wieso eigentlich kein Freiwilligenjahr, wieso nicht Entwicklungshelfer, hat mich Robin gefragt. Der war zwar nicht so ablehnend wie meine Mutter, aber von meinem Reiseplan an sich hielt er auch nicht viel. Was bringt es Menschen in Afrika, Syrien, dem Irak und Afghanistan, wenn ich durch Europa reise, hat er mich gefragt. Und es ist ja nicht, als hätte ich mich nicht erkundigt. Aber ich bin zu alt.

Wenn man sich erst mit 29 entscheidet, aktiv Menschen helfen zu wollen, ist man zu alt. Nicht bei allen Organisationen natürlich, aber doch bei vielen. Man müsste außerdem auch mehr als Englisch fließend sprechen. (Meinen Uni-Spanischkurs von vor vier Jahren erkenne ich selbst nicht an, denn flüssig bin ich nicht.) Am besten hat man was Soziales studiert, aber Politik wäre im Notfall auch gegangen. Und man sollte sich ca. 10 Monate vorher um einen Platz kümmern. Ach ja, noch ein letztes Problem: Viele Organisationen sind kirchlich, ist man aber nicht mehr katholisch, fällt man oft raus. Ehrlich, als ich mich informiert habe, dachte ich nur, wie viele Leute sich offenbar so für diese Arbeit interessieren, dass die Hürden so hoch gesetzt sind. Schon die Sache mit dem Alter finde ich reichlich bescheuert. Kann denen doch egal sein, wann ich mich dafür entschieden habe, zu helfen?!

Ich glaube, Robin war erstaunt, dass ich mich überhaupt danach erkundigt habe. Weil ich ja immer so unzuverlässig und sprunghaft bin … Weil ich mir keine Gedanken um nichts mache … Na ja, er meinte dann, ich könne doch auch sonst direkter helfen. Wahrscheinlich hat er sich vorgestellt, mit mir einen LKW zu organisieren, den wir mit Spenden vollpumpen und den ich dann nach Syrien bringe. Genau. Weil es so sicher ist durch die Türkei zu fahren, weil ich so viele Leute kenne, die Arabisch sprechen und als Dolmetscher mit mir kämen und ich ja auch einen LKW-Führerschein habe. Oder ich könne z.B. nach Samos und dort Nahrung an die Flüchtlinge verteilen. Dass auf den griechischen Inseln wegen des Flüchtlingsdeals mit der Türkei viel weniger Flüchtlinge landen, hat er wohl nicht so auf dem Schirm.

Als er mich zum Abschied drückte, flüsterte er, dass er mich wahnsinnig, wahnsinnig mutig findet. Aber Mut hat mit alledem nichts zu tun. Mut ist zu wissen, dass deine Reise so gefährlich wird, dass der Tod dein ständiger Begleiter ist. Mut ist, dein Leben in die Hände von Leuten zu legen, die mit dir Geld verdienen wollen. Mut kann sehr nah an Verzweiflung gebaut sein. Aber ja, vielleicht ist Mut auch lediglich eine Definitionssache. Und für Menschen wie Mama und Robin bin ich mutig, waghalsig und total verrückt. Weil ich mich entschieden habe, frei(er) zu sein.

(Teil 4: Ansagen)

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