Ansagen

Sie möchten mir gerne alle sagen, wie bescheuert ich bin. Alle möchten es, aber nur eine sagt es. Meine Mutter. Ihr Leben lang hat sie auf das gebaut, auf das ich nun verzichten möchte. Auf Sicherheit und Schutz durch hundert Versicherungen. Schon meine Studienwahl hat sie nicht verstanden damals. Warum Politik und Germanistik? Was willst du damit denn später machen? Und ich konnte es ihr nicht beantworten. Ich hatte keinen Schimmer. Am liebsten schreiben, habe ich dann gesagt.

Sie hat immer erzählt, dass ihre Kinder frei aufwachsen sollen, dass sie eigene Entscheidungen treffen lernen müssten. Aber wenn wir eigene Entscheidungen trafen, war sie damit selten zufrieden und zeigte es auch. Meine Schwester entschied sich Friseurin zu werden (Hast du dir das gut überlegt? Du weißt ja, man bekommt nichts und steht den ganzen Tag.) und mein Bruder wurde im Laufe seiner Jugend vom krassen Aufreißer zum tiefgläubigen Typen einer Adventgemeinde, sogar ihr Beauftragter für Jugendarbeit und heiratete mit 22. Was sie dazu zu sagen hatte, kann man sich ja vielleicht denken. Da war ich mit meiner richtungsoffenen Studienwahl noch recht „normal“ gegen. Wieso konnten wir nicht Bankkauffrau oder Industriekaufmann werden? Oder am besten noch Versicherungsmakler, dann hätte sie wenigstens einen, dem sie vertrauen konnte. Aber letztlich ließ sie uns unsere eigenen Wege gehen. Zähneknirschend, hinterfragend, stirnrunzelnd. So wie jetzt.

Aber du hast du einen guten Job an der Uni? Und mit der Diss bist du doch auch schon weit, warum willst du das jetzt pausieren lassen oder sogar wegschmeißen? Was hast du davon, wenn du dich ins Auto setzt? Du musst an deine Rente denken und außerdem wird die Welt unsicherer und unbeständiger. Willst du da wirklich weg?

Gerade weil unsere heile Welt Risse bekommt, gerade deswegen muss ich raus. Um noch zu erleben, wie Freiheit sich anfühlen kann. Um noch zu spüren, wie kostbar das Leben ist, das ich führen darf. Um nicht als gegeben hinzunehmen, was so viele Menschen nicht haben, nie hatten, nie haben werden oder teils mit ihrem Leben bereit sind zu bezahlen. Ich kann es haben. Also nehme ich es mir.

(3. Teil: Antriebe)

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8 Kommentare zu „Ansagen

  1. Gerade denke ich mir (neben den Phrasen, die niemand hören will in Richtung mach was du willst blabla), dass ich gespannt bin ob die Realität hinter der Vorstellung mit einer Keule lauert. Oder ob auch das ein Spukgespenst ist. Nicht in Bezug auf Sicherheit, sondern rein elementar und in den Grundbedürfnissen.
    Finden wir es raus 😉

    1. Sorry, ich bin mir grade nicht sicher, wieweit du und ich uns hier verstehen … 🙂 Du kannst hier alle Phrasen hinschreiben, die du magst, vielleicht lasse ich die in den nächsten Teil einfließen.
      Ich habe noch keine Ahnung, wohin dieses Fantasiegebilde meinerseits marschieren wird. (Du weißt, dass nicht ich das bin, die hier der Icherzähler bin, nicht wahr?!) Die Grundbedürfnisse sollte diese Person schon noch abgedeckt kriegen, aber das meint sie ja mit ihrem Ersparten zu erreichen. (Zumindest für die Jetztzeit. Nicht für die Rente …)

      1. Ja weiß ich. Und genau das meine ich. Auf einmal fällt in lybien die Lebwr aus und das Leben nimmt das ersparte mit beiden Händen.
        Wäre aber schon wieder sehr vorsichtig darauf zu hören.
        Oder es beballert einen die Hilflosigkeit, da ein roadtrip vielleicht nicht immer einer ist.

        Vielleicht, so mein Gedanke, gibt es dinge die mit dir (ihr) auf der Straße passieren, die in der Vorstellung untergehen, aber nach der ersten kurzen Freiheit mit der Keule kommen.
        Und Freiheit an sich ist ja auch nicht unbeeindruckend.

        Sprich: wieviel der erhofften Freiheit fügt sich in das an Sicherheit gewöhnte Weltbild; wieviel schlägt mit Krallen nach ihr?

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