Auslöser

Drei Jahre warten und ausharren und zweifeln sind genug, oder? Drei Lebensjahre, die mir keiner zurückgeben wird. Nicht, dass ich in der Zeit nicht viel Sinnvolles getan habe. Und das ist ja das Ziel eines jeden, oder? Die möglichst sinnvoll-effektive Nutzung der Lebenszeit. Wenn wir nicht produktiv in irgendeiner Form für unsere Gesellschaft sind, sind wir nicht ganz richtig. Nicht ganz so falsch, wie wir in China oder anderen sozialistisch orientierten Systemen wären, aber der Kapitalismus, dieses sich nach oben schraubende Monster, will doch im Grunde Ähnliches. In der einen Staatsform sollen wir als Kollektiv arbeiten und in der anderen möglichst kollektiv unser Geld verprassen und investieren. Wie ich überhaupt nicht mehr hören mag, dass wir Deutsche zu wenig investieren und so verdammt konservativ in unserer Geldanlage sind. Lieber konservativ als hinterfotzig das Geld anderer Leute auf den Kopf hauen und Investitionen tätigen, die ins Finanzchaos stürzen.

Was ist eigentlich vor drei Jahren passiert, wirst du dich fragen. Kann ich dir sagen: Ich habe meine Masterarbeit über die Auswirkungen der europäischen Kolonisation auf den afrikanischen Kontinent und die dortigen Regime heutzutage geschrieben. Ich bin zur Recherche die ganze verdammte Liste der afrikanischen Länder durchgegangen. Nein, ich will damit nicht langweilen, denn wir wissen es ja eigentlich alle, aber betrachtet man sich allein den Buchstaben „A“ – und wenn du das alles schon weißt, dann überspring‘ doch einfach den nächsten Absatz. Ich will dich ja nicht mit dem Leid und den politischen Systemen der anderen belasten …

Ägypten gilt als westlicher Verbündeter seit Sadat einen Frieden mit den Israelis vorantrieb. Doch nach Mubaraks unfreiwilligem Rücktritt wurde der nächste angeblich demokratisch gewählte, aber nicht in den Plan des Militärs passende Mursi abgesetzt. (As-Sisi, zufällig der, der Mursi mit absetzte, wurde – wiederum angeblich – mit großer Mehrheit zum Präsident gewählt, verschärfte das Strafrecht und praktiziert eine Politik des Ups-weg-waren-sie. – Aber das wusste ich zum Zeitpunkt der Masterarbeit noch gar nicht.) Algerien: Wird seit 1999 von Bouteflika regiert (seit 1999 …) und mittlerweile ist der schwerkrank, sitzt im Rollstuhl und kann kaum sprechen. Aber an Macht klammert er sich vermutlich nicht. Angola: Obwohl offiziell eine Mehrparteiendemokratie gilt der Staatsapparat als korrupt und das Regime als autoritär – mit einem Präsidenten, der seit Beginn der 90er regiert. Äquatorialguinea: Der herrschende „Präsident“ Obiang ließ 1979 seinen herrschenden Onkel töten und hält sich seitdem im Amt, angeblich mit immer mehr als 95% der Wählerstimmen. So nebenbei ist er einer der reichsten Staatsoberhäupter und hat seinen Sohn zu seinem Nachfolger aufgestellt. Menschenrechte stehen dort im übrigen nicht sonderlich hoch im Kurs. Und dann haben wir noch Äthiopien. Ein Land, von dem wir ja immer schon viel Gutes gehört haben. Bei der letzten „Wahl“ erhielt das Regierungsbündnis 99,6% der Stimmen – und Menschenrechte werden auch hier mit Füßen getreten. (Dann wäre da noch die Genitalverstümmelung, Zwangsheirat von Minderjährigen und das Verbot von Homosexualität …)

Ehrlich, ich hätte kotzen können. Da saß ich in meinem hübschen Studentenzimmer in der von Mama und Papa bezahlten WG, draußen beschwerten sich die Studenten, dass die Mieten angezogen werden, und in den Seminaren bemängelten sie, dass die Dozenten ihnen nicht alles vorkauten. (Was die Dozenten dann aber doch lieber taten, um gute Bewertungen bei den allsemestrigen Evaluationen zu erhalten.) Aber Gott, Afrika war ja immer schon der Katastrophenkontinent, das war man schließlich „von denen“ nicht anders gewohnt. Weniger erfreulich war da schon eher, dass der Krieg in Syrien kein Ende nehmen wollte, und dass türkische Staatsbürger gegen ihren demokratischen Präsidenten auf die Straße gingen. Bis sie es lieber nicht mehr taten.

Das war also vor drei Jahren. Und jetzt ist wohl eher die Frage, wieso ich überhaupt so lange gewartet habe. Ehrliche Antwort?: Aus Faulheit und Bequemlichkeit und der Ahnung von Sicherheit. Sicherheit. Pah!

(1. Teil: Ausbruch.)

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