Traumdorf

Und so möchte ich nun von einem kleinen Dorf erzählen, jenseits unserer Zeit, um das sich die schönsten Gerüchte und Legenden ragen. Manche Menschen nennen es die Traumwelt, manche das Märchenschloss, manche die Wolkenburg, manche den Himmel und manche können sich gar nicht vorstellen, dass etwas wie dieses Dorf existieren kann. Nun, es existiert in den Leuten, die an es glauben, die sich dorthin wünschen, um aus der Realität zu fliehen, sich aus ihr fortzuträumen.

Und wenn nun einige denken, dass es dort langweilig ist, weil es im Grunde durchweg positiv sein muss, dann muss ich widersprechen. Denn man hat nicht nur gute Träume, sondern ebenso Alpträume, die in der Nacht über einen herfallen und aus denen man schweißgebadet aufwacht, sich im Bett aufsetzt und heftig mit dem Kopf schüttelt, um die Gedanken daran loszuwerden. Diese Gedanken, die sich quälend ins Gedächtnis schleichen, weil man wissen möchte, warum man so geträumt hat und welche Einflüsse sich auf einen niedergelassen haben.

Alles in allem aber ist es ein sehr erträgliches Dorf. Beinhaltet es ja nicht nur die Nachtträume, sondern auch die Tagträume der Menschen. Und weil die Träume so verschieden sind, kann man in dem Dorf um eine Ecke eines alten Bauernhauses laufen und sich plötzlich vor einem Wolkenkratzer wiederfinden. Man kann im See schwimmen und gleichzeitig ein Bad in den Wolken nehmen. Genauso aber ist es nicht nur ein Dorf, sondern eine Stadt. Die Menschen können in der einen Minute altertümlich angezogen sein, in der anderen Minute aber mit Walkman und in der nächsten mit MP3-Player herumlaufen und Skatersachen tragen. Man kann in einen Obstladen hineingehen und aus einem Supermarkt herauskommen. Man kann ganz plötzlich entgegen aller menschlichen Vernunft fliegen oder seine Gestalt ändern. Menschen können einem entgegenkommen, ohne dass man sie erkennt, aber man weiß, dass es sie gibt, und man weiß auch, wen man vor sich hat, oder diese Menschen können einem in Form des Namen des Menschen begegnen, obwohl man die Buchstaben seltsamerweise gar nicht sieht, und nur wie durch einen Schleier weiß, dass es sich um den Menschen handelt, der einem bekannt ist.

Und obwohl das alles kompliziert ist, verschmelzen in dieser eigenen Welt, in diesem Dorf, in dem Traumschloss, in der Wolkenburg all die Menschenträume miteinander. Darum kann es sein, dass einander vollkommen fremde Menschen die gleichen Menschen im Traum sehen, und nicht einmal wissen, wer der Mensch ist, den sie da sehen.

(21.06.1999, Sommeranfang)

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8 Kommentare zu „Traumdorf

  1. Ja, träume! Die Träumer benutzen vor allem ihre rechte Gehirnhälfte: Sie denken in Bildern, chaotisch und visionär und lassen sich weder durch logische Regeln noch durch Traditionen einschränken. Diese „Technik“ wurde bekannt als die „Disney-Methode“, die auf den Schöpfer der Micky Maus zurückgeht.

      1. Oh, ich alte Australienreisende… Naja, irgendwie hängen meine Gedanken gerade bei Kleiderschränken und sonstigen Einrichtungen…

  2. Und ich habe mich schon immer gefragt, wer wohl all die Menschen sind, denen wir in unseren Träumen begegnen, ohne sie zu kennen – etwa, wenn wir im Ttraum durch eine belebte Straße laufen oder ein großes Fest besuchen, ohne zu wissen, wer uns einlud.
    Jetzt weiß ich immerhin, wo all diese Menschen wohnen… 🙂

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