Andere Welt II

Finstere Vorahnungen schwirrten wie Asche durch die Luft, legten sich über die Waldwesen und schienen die Dunkelheit zu vertiefen. Ein Erschrecken breitete sich mit einem Aufzucken wie eine Welle über Farne, Büsche und Bäume durch den Wald aus, als die ersten Eindringlinge in das Gehölz stürmten.

Mehr und mehr von ihnen erreichten den Waldrand und zwängten sich, viele Bodenwesen achtlos zerstörend, mit brachialer Gewalt zwischen den Stämmen hindurch. Sofort wurde Nachricht über das seltsame Aussehen der Kreaturen in alle Bereiche des Waldes weitergeraunt. In Lumpen gekleidete Halbmenschen seien es, mit bleichen Gesichtern, stierendem Blick aus blutunterlaufenen Augen und einem zwar schwankenden, dennoch seltsam-bestimmten Gang. Verfolgten sie ein Ziel? Hatte sich Kunde vom gläsernen Sarg herumgesprochen? Sollte das Mädchen geraubt werden? Die Große Eiche bezweifelte dies: Aber lange bevor die Horde auch nur in der Nähe der Lichtung angelangt war, stand für sie fest, dass diese, ihr in ihrer fast tausendjährigen Lebenszeit noch nie vorgekommenen, Kreaturen wohl zerstören würden, was sie schon so lange hütete, sofern die Schneise, die die Geschöpfe durch den Wald schlugen, über die Lichtung verlaufen würde. Das Eichenherz wies einen Teil der Wurzeln an, den halb in die Erde eingelassenen Sarg tiefer in den Boden zu ziehen, befahl dem anderen Teil der Wurzeln aber, sich stärker aus dem Erdreich herauszudrücken, um den Weg um den Baum herum unebener und weniger leicht passierbar zu machen.

Die Herzensangst war nicht umsonst gewesen, führte doch die Beschaffenheit des Waldes mit den an einigen Stellen so eng bewachsenen Bäumen dazu, dass ein Großteil der Horde über die Lichtung trampelte und die die Lichtung eingrenzenden Niedriggewächse zertrat. Die direkte Umgebung der Großen Eiche wurde aufgrund der weisen Vorkehrungen gemieden, bis…

… die Nachhut, bestehend aus den durch das Laufen schwach gewordenen Halbmenschen die Lichtung erreichte. Ein Schaudern lief durch den Organismus des alten Baumes, als er erkennen musste, dass diese Wesen vormals vielleicht Menschlinge gewesen waren, der Tod sie sich jedoch schon teils einverleibt hatte. Was war in der waldlosen Ebene geschehen? Waren das die Reste des Menschenvolkes? Hatte man das Mädchen deswegen – noch lebend allerdings – den Zwergen zugeführt, um sie in Sicherheit zu bringen? In Sicherheit vor diesen Menschenüberbleibseln oder in Sicherheit vor dem, vor dem diese Wracks zu fliehen schienen?

Schnaubend und grunzend ließen sich einige der Kreaturen auf der Lichtung fallen; der letzte von ihnen, bei weitem nicht so matt wie die übrigen, lehnte sich aber gegen den Totenschrein des Mädchens, den er für einen Erdhügel hielt.

(Weiter kam ich nicht. Zu viel Zeit benötigte ich für die Wortfindung, um es atmosphärisch zu schreiben … Lohnt sich ein Weiterschreiben?! Ich weiß es nicht.)

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18 Kommentare zu „Andere Welt II

  1. Ja! 😉

    Ich fände es schön, wenn sich aus den angedeuteten Zusammenhängen langsam konkretere „Fraktionen“ ergeben würden.

    Kennst Du das Lied von Eis und Feuer? Dort gibt es einen Handlungsstrang der mich atmosphärisch an Deine Geschichte erinnert.

      1. Ich meine den Handlungsstrang mit Bran. Als er in dieses „Wurzelreich der Wälder“ eintaucht. Wohin seine Visionen ihn führen. Da finde ich eine ähnliche Mischung – in der Atmosphäre. Ist ja nicht ganz klar, wie Martin die Geschichte dort weiterführt. Ob mit Brans Tod und seiner Herrschaft über den Wald.

        Ich finde Deine Geschichte lädt in eine schöne Atmosphäre ein. Wohin sie führt: in eine post-apokalyptische Welt, in ein Fantasy-Reich, in einen Surrealismus – da wünsch ich Dir viel Geduld und Inspiration 😉

  2. Du bist immer noch die Einzige.
    Ich denke:
    – Sollte der Halbmensch auf der Suche nach seiner verlorenen Menschlichkeit sein, und sollte das Mädchen das Sinnbild der tief in ihm und in der Seele seines Volkes vergrabenen Menschengeistigkeit sein, denn lohnt es sich auf jeden Fall weiter zu schreiben. Nicht für uns, sondern in erster Linie für Dich.
    Für mich ist jede Geschichte, die ich schreibe, lediglich ein Laut-denken über irgendein Thema, das mich gerade beschäftigt. Und finde ich meine Antworten, findet die Geschichte auch ihr Ende.
    Als ich die Zeile las, wie die Halbmenschen in den Wald ‚rein stürmten, hatte ich den Eindruck, Du wärest der Wald und die Fremdwesen eine Horde stürmischer kraftvoller Gedanken und Empfindungen, die ich Dich eingedrungen sind, Antworten suchend, nach Klarheit, nach Erlösung sich sehnend…

    1. Danke!
      Das Weiterschreiben wäre diesmal etwas, das nicht aus mir herauskommt, sondern das wirklich Arbeit wäre, weil ich dann das erste Mal mit einem Schreibplan zur Sache gehen müsste.
      Diese Geschichte habe ich für meinen Freund zu Weihnachten begonnen, weil der Zombies mag. Leider ist er aber kein Märchenfan – und die Schneewittchenandeutung ist ja ziemlich offensichtlich…

      1. Und zu denken, daß ich gar nicht an Schneewittchen gedacht habe! Das ist natürlich wieder eine ganz andere Richtung anderer Art… eine Liebesgeschichte.
        Wahrscheinlich wirst du sie aber am Ende für Dich weiter schreiben müssen, damit sie echt wird und bleibt. Eine Schatztruhe der Möglichkeiten hast Du getroffen.
        Viel Glück dabei! Der Anfang ist viel versprechend, bunt, lebendig und gut gelungen. 🙂 Hoffe, es geht irgendwann, wann Du bereit bist, weiter; bin gespannt, wie es sich weiter entwickelt.
        Danke fürs Teilen…

    1. Ich danke dir. Ein paar Seiten habe ich zwar noch, aber ich bin mir hinsichtlich, wie ich sie in den Kontext einbauen werde.
      Das würde auf jeden Fall ein Buch werden, für das man einen Plan bräuchte und nicht einfach drauflos schreiben darf …

  3. Weiterschreiben, unbedingt. Nicht jeder hat diese Wortgewalt wie du und es passt hervorragend zu Fantasy, außerdem bin ich gespannt, wie es mit Schneewittchen weiter geht.

    1. Das ist sehr lieb, danke fürs Komplimentieren! Aber ich fürchte, ich könnte diese „Wortgewalt“, wie du sie nennst, nicht über einen solch langen Zeitraum aufrecht erhalten. Es ist eine sehr anstrengende Art zu schreiben. Dafür habe ich keine Zeit bzw. bin nicht bereit sie mir noch zu nehmen, nachdem mein eigentlicher Job mich zumindest momentan auch schon recht anstrengt.

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