Rastlose Überlegungen

„Es ist zu nah, ich konnte es nicht weiterlesen.“ Das war eine Kritik zu meinem Roman. Zu nah, weil die Leserin meinte, immer nur das reale Mich in ihm zu sehen, weil sie keine Fiktion erkennen wollte, wo Fiktion war. „Man hört deine Stimme“, sagte eine andere. Das sei ja nicht schlimm, aber sie sei eben immer im Kopf. „Wie viel davon hast du eigentlich selbst erlebt, hab ich mich dauernd gefragt“, wollten mehrere wissen. Zu ehrlich klang es wohl irgendwie.

Wo ist es Realität und wo beginnt die Fiktion? Oft habe ich gesagt: „Die Biografie ist meiner ähnlich, aber die Szenen sind alle erfunden.“ Und doch steckt natürlich mehr von mir in „Rastlos“ als nur einige Lebenspunkte. Es war durchaus eine Abrechnung. Ein Jahre dauernder Abschnitt war zu Ende gegangen und ich musste diesen Abschnitt verarbeiten. Und weil die Person für mich gestorben war, ließ ich sie das auch im Buch tun. Und es stecken viele Gedanken drin. Ist es denn etwa nicht so, dass Bücher die Gedanken ihrer Schreiber vermitteln?

In meinem Leben gab es die beiden Ekeltypen, von denen der eine mich verfolgte und der andere sich einen im Auto runterholte, während ich an der Bushaltestelle stand und er mich angaffte. Es gab jenen Bullerbü-Sommer am Ende der 4. Klasse. Auch hat eines meines besten Dates auf einer Bank stattgefunden, auf der wir einfach nur drei Stunden saßen und die Menschen an uns herüberziehen ließen.

Mehrere Male bin ich stundenlang alleine mit meinem Auto durch Europa getingelt und in Wien habe ich wild mit einem Kanadier geknutscht. Und ja, jene Weltenmüdigkeit, dieser Moment, in dem alles Aufgestaute einem zuviel wird, man kaum atmen kann und tief, tief in Lethargie reingezogen wird, zumindest für längere Augenblicke, auch die verspürte ich, wenn ich bemerkte, dass ich doch eigentlich nur irgendwo ankommen wollte.

Es gab diesen Typen in meinem Leben, der mir sagte, er könne nur bei mir so sein, wie er ist, und dass er sich bei anderen Frauen immer verstellen müsste, der aber keine Konsequenz daraus ableitete, weil er nicht verliebt war. Und es gab jenen Typen, der ein Ersatz für den anderen hätte sein können, es aber nie wurde. In Dresden habe ich die Zauberflöte besucht. Als Misfits haben wir uns betitelt und dass wir uns vermissten, haben wir zugegeben. Nur das. Und Tango …, Tango wollte er mit mir tanzen.

Aber was hilft es zu wissen, welche Teilchen in einer erfundenen Geschichte erfunden waren und welche nicht? Die Geschichte ist nicht meine und irgendwie doch. Aber erlebt habe ich sie nicht.

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11 Kommentare zu „Rastlose Überlegungen

  1. Ist doch egal. Wenn ich wirklich schreiben würde, was ich tatsächlich denke und fühle und alles gemacht habe, wäre es ein Skandal. Und das ist wahrscheinlich ähnlich so bei sehr vielen Menschen 🙂
    Hauptsache Du hast ein tolles Buch geschrieben und bist den Druck ein bißchen los geworden…
    Alles andere ist letztendlich egal.

    1. Ja, ich finde es auch egal. Nicht, weil ich gewisse Dinge nicht schreiben würde, damit man nichts Seltsames denkt, sondern weil ich eine Geschichte in die Welt gegeben habe, die der Leser nun mit seinen Erfahrungen anreichern muss. Und da ist es egal, was wahr ist, wichtig ist eher, dass es stimmig ist.

      1. Eben. Alles ist wahr, was trifft.
        Denn sonst wäre alles Literatur unecht, denn Worte haben nie die Fähigkeit, alles zu wiedergeben..

  2. Vor etwa zehn Jahren, habe ich einer Freundin einen Text per Mail geschickt. Ihre Lebensgeschichte diente als Vorlage. Klar war das erkennbar, aber die Heldin ging einen ganz anderen Weg. Was ist passiert? Noch am gleichen Tag hat sie geantwortet, sich echauffiert, mich gerügt, akribisch alle Details aufgezählt und eine Korrektur des Textes verlangt. Sie war tödlich beleidigt, als ich kein Wort änderte.

    1. Bei so einer Situation kann ich ihre Ablehnung durchaus verstehen. Wenn sie sich in zu vielen Details erkennt und die Figur ihr dann eventuell auch nicht sympathisch ist … Wie sehr darf man sich bedienen und wann ist es zu viel?
      Ich lasse mich ja immer durch die Menschen um mich inspirieren, aber zweimal bin ich einem Freund schon so auf die Zehen getreten, dass die Freundschaft kippte. Dabei war beim zweiten Mal gar nich explizit er gemeint.
      Ich verstecke mich ja in der relativen Anonymität des Blogs. Meine Freunde lesen ihn eigentlich nicht. Ich glaube, ich würde mich vielleicht manches Mal stärker zensieren, wenn sie es täten. Andererseits sind ihre und mein Leben ja nur Schablonen anderer Leben. Es sind gewisse Typen, die immer wieder vorkommen.

  3. kommt mir irgendwie bekannt vor… dabei sollte es eigentlich egal sein, wenn die geschichte an sich stimmt. doch vermutlich wird jeder autor, der nicht grad übers auenland oder zum leben erwachte buicks schreibt, danach gefragt 😀

  4. Kann mir nicht passieren. Ich schreibe nur exakt das auf, was mir passiert ist 😉 😛

    Ich finde diese Manie, in Geschichten nach dem Autor zu suchen, schrecklich. Fiktion ist Fiktion, egal, wovon sie inspiriert wurde. Und wie viel vom Autor oder der Autorin drinsteckt, sagt nichts über ihre Qualität als Geschichte aus.

  5. Statt nach Übereinstimmung mit dem Autoren zu suchen, wäre es doch besser, sich in die Geschichte hineinfallen zu lassen. Was sind Auslöser für bestimmte Ereignisse? Und wenn schon Vergleiche heranziehen, dann wohl mit eigenen Erlebnissen. Ich mag „Rastlos“ noch immer, es ist für mich irgendwie ein Zeitzeuge geworden von etwas, was ich so nie erlebte und doch ähnlich, nur anders…

    Ach, Sie verstehen schon, liebe Stefanini.
    Herzliche Grüße, Ihre Käthe.

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