Freundschaftswege

Sie mochten einander nicht. Weil sie sich zu sehr zueinander hingezogen fühlten. Da war es besser mit sarkastischen Sprüchen auf Abstand zu gehen, als der guten Freundin, mit der er zusammen war, vor den Karren zu fahren.

Doch wie viele Jugendbeziehungen währte auch diese nicht lange und weil sie keine Freunde waren und es keine sozialen Medien zur oberflächlichen Kontaktbeibehaltung gab, nicht mal Handys in jugendlichen Händen, sahen sie einander nicht. Nur einmal in einer Disco, da sagte er, ihr Outfit sei grässlich und die Fronten blieben geklärt.

Erst zu Studienzeiten querten ihre Wege. Sie trafen sich auf Partys und irgendwie war da was, aber was genau? Sie wussten es nicht. Doch eines Abends hockten sie auf dem kalten Discoboden und unvermittelt fragte er: „Hast du Lust zu knutschen?“, und, wenn auch überrumpelt, fanden seine Lippen ihre. „Du bist schön“, sagte er und hob die Hand: „Sag nicht, dass es nicht so ist. Ich finde dich schön.“ Mit in seine Wohnung wollte sie nicht, aber sie besuchte ihn in den kommenden Monaten immer einmal wieder. Und sie telefonierten, weil sie Freunde waren und er, einige Jahre älter, ihr den Kopf bei gewissen Typen zurechtzurücken versuchte.

In ihrer ersten Wohnung war er der erste, den sie einlud. Er erzählte ihr von der Traumfrau, die er getroffen hatte, und für einen Moment dachte sie, er meine sie. Doch sein Herz gehörte einer anderen und so küssten sie ein letztes Mal. Heftig und wild und mit Sternenexplosion.

Und nach all dem blieben sie Freunde, wenn auch seine Beziehung und später ihre eigene es ihnen im Laufe der Zeit erschwerten. Erst wurden ihre Treffen seltener, dann ihre Telefonate, doch sie hielten durch. So kam es, dass er sie nach Jahren anrief. In der Besenkammer sitzend teilte er ihr neben anderem mit, dass er seit zwei Jahren ohne Sex sei, dass er seine Beziehung nicht mehr aushalte, dass er eine eigene Wohnung wolle, sein eigenes Leben.

Als er das langsam wieder aufgebaut hatte und sie von einer monatelangen Reise zurückgekommen war, erreichte sie an einem wunderschönen Sommertag eine Einwort-SMS: „Knutschen?“, fragte er. „Eis?“, fragte sie zurück. Und als sie sich trafen und der aus der Stadt verschwindenden Sonne hinterherliefen und sich überall dahin setzten, wo noch Strahlen von ihr waren, und sie nach dem Eis Bier und bei der Tanke Cola und anschließend einen Burger besorgten, verging die Zeit wie nichts. Und irgendwann fanden sie sich wieder zwischen Glühwürmchen und mit Blick über die Lichter der Stadt, die ihr Zuhause war, und … waren die Freunde, die sie blieben.

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7 Kommentare zu „Freundschaftswege

      1. Irgendwie wie die zwei Königskinder. Oder? Und vielleicht schwirrt der Gedanke, daß beide eigentlich viel mehr erwarteten vom Leben, nur in meinem Kopf herum …

      2. Was es bei dir auslöst, ist ja ganz dir überlassen. Immerhin ist die Geschichte ja frei in der Welt. Ich hätte nur gedacht, dass Freundschaft doch auch ziemlich gut ist? So viele Lebensliebespartner können wir immerhin nicht haben. Also können wir schon, aber das wäre ja eher unorthodox… Und mit manchen passt es als Freunde besser.
        Lieber Gruß und schön, dass du nochmal hier warst!

      3. Ja. D hast ja Recht. Freundschaft ist ein sehr, sehr hohes Gut, das ich auch kenne, und das Schöne in der Geschichte.

        (Polyamorie ist ein möglicher Weg — aber ein schwieriger. Lebensabschnittsbegleiter sind bequemer … unsortiert gedacht)

        Die von mir gefundene Traurigkeit entspringt dem „viel mehr vom Leben erwartet“, das ich herauslese.

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