Die unendliche Geschichte

Ich glaube, dass viele von uns schon einmal in ihr drin gesteckt haben. Viele Frauen vor allem. In der unendlichen Geschichte mit einem Mann, von dem wir alles wollen, der aber nur wenig zurückgibt. Wenig, aber gerade so viel, dass es fürs Herz reicht, dass es nicht loslassen will, weil es in Hoffnung schwebt und sich, kaum droht sie wegzufliegen, an sie klammert, sie herunterzieht und zu Luftschlössern verbaut.

Und was sind das für wahnwitzige Konstrukte, bestehend aus Einred- und Beschwörungsgedanken und dem drängenden, beengend-befreienden Gefühl, dass das Liebe sein muss. Und dass, wenn man selbst sie so empfindet, es den anderen doch nicht kalt lassen kann. Kann es doch nicht? Es passt ja. Irgendwie. Und mit keiner wird er so er selbst sein, wie er es nun ist. Er muss es nur noch einsehen.

Und wir machen uns von ihm abhängig, weil er der Drehpunkt der kleiner gewordenen Welt ist. Und obwohl wir viel zur Ablenkung unternehmen, tun wir doch all das nur wegen ihm, um ihm näher zu sein oder ihm zu zeigen, dass wir ihn nicht brauchen. Wir laufen weg, nur um wieder zu kommen und zu sehen, ob er unser Verschwinden bemerkt hat.

Und wir baden in seinen Worten, seinen Aufmerksamkeiten. Wir hören ihm genau zu und interpretieren die kleinsten Schwingungen seiner Tonlage und jeden Blick, mit dem er uns misst. Und wir sind besessen, nennen es aber verliebt. Seelenliebe vielleicht sogar, weil die Seele und die Liebe gefangen genommen worden sind in jenem Luftschloss aus Hoffnung.

Vielleicht sagt er uns, dass er sich so wohl fühlt, dass wir mehr bedeuten, als jede sonst, dass wir ihn so gut verstehen, dass er bei uns endlich er selbst sein kann, dass er uns vermisst hat. Und vielleicht ist eifersüchtig auf jeden, der sich in unsere Nähe wagt oder den wir ihm vorführen. Und ja, eventuell sagt er sogar, dass er uns liebt. Liebt. Liebe. Sind wir am Ziel, wundern wir uns dann.

Doch am nächsten Tag meldet er sich nicht. Obwohl Melden immer einfach ist. Immer schon einfach war. Man schrieb eine Botschaft und übermittelte sie irgendwie. Oder man rief an. Und wenn man beides nicht tat, hieß das selten, dass die Nachricht auf dem Weg verschwand, das Telefon kaputt war oder er im Krankenhaus lag … Es hieß, dass er nicht wollte. Nicht so wie wir.

Ja, ich glaube, viele von uns hatten schon einmal eine unendliche Geschichte. Es fühlte sich an, als wäre die Liebe und die Sehnsucht für diese eine Person für ewig. Ein Fürimmer.

Doch das war es nicht. Denn zu unendlichem Fürimmer gehören Zwei. Und solche hoffnungsgewebten Luftschlösser finden ihren Platz in der Realität nicht. Oder zumindest so gut wie nie.

Advertisements

11 Kommentare zu „Die unendliche Geschichte

  1. ha! da ist es! genau das,w as ich neulich auch zu beschreiben versuchte… und wir uns beide an der depression aufgehangen haben, die in meiner geschichte nur ein auslöser für das war, was du jetzt so schön beschrieben hast ❤

      1. nein, nicht die depression war der auslöser 🙂
        aber dies hier „Ja, ich glaube, viele von uns hatten schon einmal eine unendliche Geschichte. Es fühlte sich an, als wäre die Liebe und die Sehnsucht für diese eine Person für ewig. Ein Fürimmer. Doch das war es nicht. Denn zu unendlichem Fürimmer gehören Zwei. Und solche hoffnungsgewebten Luftschlösser finden ihren Platz in der Realität nicht. Oder zumindest so gut wie nie.“… das war das, was ich in meiner geschichte auch zu beschreiben versuche.
        die depression ist ist nur ein puzzleteilchen.

  2. Mir fällt dazu eine Szene aus „Die Geisha“ ein. Nach vielen Jahren sagt sie zu ihm: „Verstehen Sie denn nicht? Ganz gleich, welchen Schritt ich auch tat, seit damals als Kind auf dieser Brücke … alles geschah nur, um mich Ihnen näher zu bringen.“.
    Furchtbar traurig und so rührend. Der Schmerz ist aber nur bei einem Happy End süß.

      1. Im Film ja. An das Buch erinner ich mich leider nicht mehr so gut, aber das war auch weniger ausgeschmückt, als der Film, soweit ich mich erinnern kann.

    1. Liebe Franzi, mich würde auch mal interessieren, wie viele tatsächlich wen vor Augen haben. Es gibt ja andererseits auch die vielen normalfunktionierenden Beziehungen. Und dennoch eben auch solche, die sich über Jahre ziehen und die nie normal sind. Lieber Gruß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s