Die Retter

„Sprich immer nur, wenn du sicher bist, dass du die Frage wirklich verstanden hast“, riet das Fräulein der Siebenjährigen am Morgen eines grauverhangenen Tages, an dem die Sonne durch die Fenster hereinbrach. Das Mädchen nickte schüchtern und wollte sich am liebsten in sich selbst zurückziehen und niemanden ansehen. Vielleicht würden ihre Mitschüler sie verraten? Ein bisschen Angst davor hatte sie. Vor allem Heiner, den sie sowieso ein wenig fürchtete und der ihr mehr als einmal an den Zöpfen gezogen hatte, würde sie es zutrauen. Nicht, weil er im Herzen böse wäre, sondern weil er sie oft ärgerte. Und was wäre einmal mehr?

Es könnte sie ihr Leben kosten, hatte das Fräulein gesagt. Und niemand war so klug wie das Fräulein. Fast niemandem traute sie so sehr wie ihr. Außer dem Papa. An Papa reichte keiner heran. Auch nicht das Fräulein. Aber Papa war nicht in der Schule, sondern auf Schicht unter Tage und er würde ihr nicht helfen können heute, an dem Tag, an dem der Schulrat die Volksschule besuchte.

Kurz nach der Pause hörten sie zackige Schritte auf dem Flur, es klopfte und die Türe wurde aufgerissen. Das Mädchen wollte am liebsten in den blauen Himmel hinaus schauen, statt die braun-graue Aura des strammstehenden Herren in ihren Blick zu nehmen. Doch sie wusste: Sie durfte nicht auffallen. Also wandte sie sich ihm und den anderen beiden Männern zu und beobachtete Heiner, dessen Sprung von der Bank hoch neben das Pult sie rasch kopierte. Wie alle erhob sie den Arm zum Gruß und wie alle ahmte sie die Sprechchöre der Erwachsenen nach.

Der Herr Schulrat trat neben das Fräulein, beugte sich zu ihr und besprach kurz etwas mit ihr. Dann feuerte er Fragen in die Klasse hinein. Das Mädchen wusste kaum, wie ihm geschah: So viele Wörter purzelten vorbei. Immer, wenn ein Schüler eine Frage beantwortet hatte, konnte er oder sie sich setzen. Irgendwann standen nur noch vier Kinder: Das Mädchen und Heiner waren auch dabei. Da fragte der Schulrat etwas – und keines der verbliebenen Kinder antwortete. Also wiederholte das Fräulein die Frage und fixierte das Mädchen. Und es antwortete. Das Fräulein lächelte, als es sich endlich hinsetzen durfte.

Nach der Stunde kam Heiner zu dem Mädchen, grinste und sagte deutlich: „Das haben wir gut gemacht, oder? Wie wir ihn veräppelt haben, als würden wir die Frage nicht verstehen, damit das Fräulein sie noch einmal wiederholen kann?“ Und das Mädchen, das von seinen Lippen lesen konnte, gab ihm einen Kuss auf die Wange: „Danke“, sagte es.

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