Hass und Feuer

Du bist ungebildet und ahnungslos und darum irgendwie rechts – aber nein, ein Nazi bist du nicht. Du willst nur, dass Deutschland den Deutschen gehört, weil die Deutschen doch schon genug Probleme haben. In deinem Umfeld leiden auch viele und maulen, wie schlecht es ihnen geht. Und vielleicht stimmt es auch und es geht ihnen schlecht. Und dann sagst du, deine Kinder können keinen Sport mehr machen, weil Flüchtlinge in der Halle sind, und dann verweist du auf die Penner – denen du aber vermutlich bisher nicht einmal geholfen hast -, und dass du mal gehört hast, dass die Armut in Deutschland wächst und wächst und die Reichen, die werden doch nur reicher, aber abgeben tun die von ihrem Geld sowieso nichts. Aber du, du armer Mensch, du sollst spenden und deine Steuern werden weggegeben. An Flüchtlinge! An diese Wirtschaftsflüchtlinge, die hier nach Deutschland kommen, weil das ja praktisch das Eldorado ist. Das Eldo…was? Das Paradies für die. Obwohl paradiesische Zustände bei dir sicherlich nicht angekommen sind. Unter Paradies stellst du dir jedenfalls nicht nen Job als Putze bei Aldi und kaum Geld für deinen Smartphonevertrag vor. Aber dann wollen diese Wirtschaftsflüchtlinge dir auch noch diesen Job wegnehmen. Also lieber mal vor Blödheit strotzende Kommentare auf Facebook und die ganze eigene Nichtintelligenz zeigen oder direkt nen Anschlag, damit die sehen, wie gar nicht willkommen die sind.

Ehrlich, mein Hals schwillt an vor lauter Dummheit!

Die meisten Flüchtlinge kommen momentan aus Syrien. Weiß ja eigentlich jeder, dass die da ein tolles Land mit schönem Klima und hübschen Bauwerken haben und dort sicherlich ein Auskommen hätten, aber allein von Deutschlands verlockendem wirtschaftlichen Ruf angezogen werden. In die EU drängen momentan auch – man könnte es mitbekommen haben – eine Menge Menschen aus Afrika, die ihre stabilen Länder (mit Militärdiktaturen und Warlords) verlassen, eine entspannte Bootstour auf sich nehmen, um dann in einem sicheren europäischen Hafen zu landen. Auch ihre Motivation dürfte die wirtschaftliche Beständigkeit des reichen Europas sein.

Genug des Sarkasmus‘.

Krisenherde gibt es viele gerade am südlichen Rand Europas. Dennoch ist die Zahl der Personen, die ihr Heimatland wirklich bereit sind aufzugeben und für lange Zeit zu verlassen, noch relativ gering, was auch daran liegen wird, dass eine Flucht teuer und voller Gefahren ist. Wie schlimm muss die Lage Zuhause sein, um sich und manchmal auch die Familie Schleppern anzuvertrauen! Doch selbst hieraus wird den Flüchtlingen ein Strick gedreht: Dann heißt es, sie wären a) ja scheinbar viel reicher als die Deutschen, denen es finanziell schlecht geht – und wieso soll man ihnen dann helfen, und/oder b) dass sie schlechte Menschen sein müssten, immerhin würden hauptsächlich die Männer zu uns kommen und ihre Familien in den schlimmsten Zuständen zurücklassen.

Es steht außer Zweifel, dass die nordeuropäischen Staaten aus Sicht zahlreicher Afrikaner, Syrer, Roma … gerade wegen ihres wirtschaftlichen Erfolges und ihrer stabilen, demokratischen Regierungen ein verlockendes Ziel sind. Aber vielleicht versetzt man sich einmal – nur einmal wirklich – in die Lage dieser Menschen.

Stell dir vor, jede Nacht reißen Bomben deine Kinder aus dem Schlaf; jeden Tag wartest du in langen Schlangen, um Wasser zu erhalten; jede Minute musst du aufpassen, welche Meinung du äußerst; immer wieder siehst du Rauch am Horizont. Angst ist in dir, hat sich schon längst in deinen Körper hineingefressen. Deine Freunde sind in Nachbarländer geflohen, zahlreiche Häuser der Umgebung sind bombardiert, Menschen werden sklavenähnlich gehalten. Du schaust auf deine Kinder, siehst sie mit Fesseln an den Beinen, mit vor Schreck geweiteten Augen, während Männer sich ihnen unsittlich nähern, siehst sie traumatisiert fürs Leben und ständig von Hunger bedroht, und ja, in manchen Nächten auch von Kugeln zerfetzt.

Und dann schaust du auf die Hügel deines Landes, die Reste deiner Stadt, hörst die Sprache, in der du sprichst und liebst und streitest, und weißt: Es geht nicht mehr. Ein Leben hier wird von Tag zu Tag unmöglicher. Und du zwingst dir ein Lächeln ab für deine Kinder, du versuchst aufmunternd zu klingen, wenn du ihnen von dem Land jenseits des Meeres erzählst, von den Menschen, die freundlich sind, sein müssen, weil sie doch so viel haben, vor allem die Sicherheit des Lebens, und Arbeit, und Häuser, und Nächte voller Träume, die keine Albs in sich tragen. Und du sagst „Alles wird gut“ und willst es glauben. All deine Habe verkaufst du viel zu sehr unter Wert, damit du die bezahlen kannst, die dich nach Europa bringen, wo du auf Asyl, auf Arbeit hoffst. Du weißt, du kannst arbeiten, du kannst dich zurücknehmen, dich umstellen, du weißt, wenn du musst, dann kannst du alles. Und du musst. Für die Zukunft der Deinen musst du. Und du blickst zurück auf dein Land, auf die Ebene oder die Wälder oder die Felder oder die Ruinen der Stadt oder … und du schaust in die Gesichter deiner Liebsten und dein Herz bricht und bricht und du musst stark bleiben, weil du ihre Hoffnung bist. Und du besteigst das Boot und du hoffst …

Stell dir vor, du wärst dieser Mensch. Und ihm kannst du voll Hass, mit Feuer, ohne Mitleid begegnen?! Ihm kannst zu zurufen „Uns geht es auch schlecht!“ und „Wir haben genug eigene Probleme!“? Wie menschlich bist du?!

Aus der Jahresabschlussreihe „Am meisten gelesen in diesem Jahr auf diesem Blog“ … Platz 3. (Ursprünglich veröffentlicht im September.)

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12 Kommentare zu „Hass und Feuer

  1. Jeder Mensch soll das Recht auf ein Leben ohne Krieg und Terror haben und Asyl bekommen, wenn man in seinem Land nicht mehr leben kann. So ging es auch vielen Deutschen gerade in der Zeit zwischen 1933 und 1945, welche aufgrund ihrer Religion (meist JüdInnen), Weltanschauung oder explizit in diesen Beispiel ihrer Herkunft fliehen mussten.
    Eine Flucht aus der Heimat reißt bei vielen Menschen Wunden, da sie sich ihr ja verbunden fühlten. Sie sollten ein Stück ihrer Heimat auch hier finden und mit offenen Armen empfangen werden…

  2. Danke! Du triffst alles auf den Punkt, was mein Herz und Seele denkt. Und der Mund oft viel zu selten herausruft, damit es auch die erreicht, bei denen braunes Gedankengut wohnt, oder gerade anklopft. Hut ab für diese klaren Zeilen! Polly

  3. Du hast natürlich Recht mit Deinen Worten – doch auch bei allem Verständnis und Mitgefühl und den Wertigkeiten des Elends, die einige bei uns noch immer nicht begriffen haben, wie gut es ihnen hier geht – auch über Flüchtlinge, deren Gründe, Verhalten und die Gedanken darüber, wie es auf Dauer weiter gehen soll – es muss erlaubt sein, auch Kritik oder Bedenken äußern zu dürfen, ohne gleich in bestimmte Ecken gedrängt zu werden, oder in Schubladen gesteckt zu werden. Auch hier haben Menschen Ängste (selten vergleichbar mit denen, die nur das nackte Leben gerettet haben), die abgebaut werden müssen, da es zu viele Mauern im Kopf gibt…

    gute Denkanstöße, gern gelesen…

    LG

    Maccabros

    1. Diese Ängste müssen definitiv abgebaut werden und darüber soll auch gesprochen werden. Die Kommentare unter den Facebook-Einträgen sind aber meistens reine Dummheit. Man kann die Politik kritisieren und dass sie zu wenig aufklärt, man kann aber nicht unser Sozialsystem mit dem Leid der Flüchtlinge vergleichen und immer wieder mit dem angeblichen Argument der Wirtschaftsflüchtlinge kommen. Sicherlich gibt es auch diese. Aber momentan sind sie wohl eher in der Minderheit.
      Außerdem werden ja Menschen aus Nicht-Krisenregionen mittlerweile schon schneller abgeschoben. Und Flüchtlingsheime anzünden, kann ich einfach nicht auf Ängste, sondern nur auf Mauern im Kopf aus Dummheit und Unwissenheit zurückführen. (Damit dann aber auch noch auf diese Art und Weise an die Öffentlichkeit zu gehen …)

  4. Hat dies auf effifanblog rebloggt und kommentierte:
    Dieer Beitrag fasst alles zusammen! Man kann es mit Kopf und Herz begreifen!! Ich wünsche mir nichts sehnlicher als das ALLE DAS MIT HERZ UND SEELE AUFNEHMEN!

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