Alle Jahre wieder

Während sie den Mantel enger um sich schlingt, beobachtet sie ihn. Er ist wie jedes Jahr zu Weihnachten in der Heimat. In ihrer und seiner Stadt. Nun schlendert er, mit dem Rücken zu ihr, langsam über den Platz vor dem Theater, während er auf sie wartet. Als er sich umdreht, erblickt er sie sofort, zieht lächelnd seine Ohrstöpsel ab, kommt herüber und gibt ihr einen Kuss auf die Wange.

Es ist holpernd zu Beginn – so wie es das immer ist. Aber ein, zwei, drei Whisky-Cola können das Verkrampfte zwischen ihnen lösen. Stetig offener reden sie über ihr Leben, besprechen, was sich getan hat, und auch, wie sie sich die Verwirklichung ihrer Träume vorstellen. Und als sie Stunden später in der letzten Bar landen, schwanken sie schon ein wenig. Schummrig ist das Kerzenlicht, Wärme umgibt sie, die Musik dudelt im Hintergrund und die Cockailkarte steht der Reihe nach vor ihnen. Später werden sie gar nicht mehr wissen, welche und wie viele sie getrunken haben.

Irgendwann beugt er sich zu ihr und sie weiß, sie sollte nicht, aber sie schließt die Augen, als seine Lippen sich auf ihre legen und ein Erschaudern durch ihren Körper zieht. Sie will ihn. Verdammt. All die Jahre, die vergangen sind, und sie will ihn immer noch! Wie unheimlich erwachsen sie doch geworden sind. Lächerlich! Und dabei hat es doch nie, nie wirklich zwischen ihnen funktioniert. Was ist das nur, das Zwischenihnen, das sie nie die Finger beieinander lassen lässt?

Er nimmt ihr Gesicht in seine Hände und flüstert, bevor er sie erneut küsst: „Was sollen wir nur tun? Ich in Hamburg und du hier…“

Sie schüttelt den Kopf und wispert hilflos: „Ich gehe schon wieder mit dir fremd.“ – Und sein Blick wird traurig, bevor er sagt: „Oh nein, Lilly… Nicht.“

Trotzdem werden ihre Lippen wieder und wieder voneinander angezogen. Auch noch auf dem Weg durch die bitterkalte Nacht halten sie an, lehnen sich gegen das alte Gemäuer des historischen Rathauses und befühlen ihre Körper, soweit die Kleidung es zulässt. Erst als er sagt, er möchte mit ihr nach Hause gehen, er wolle endlich wieder mit ihr schlafen, reißt sie sich in ihre Gegenwart zurück und von ihm los: „Nein. Das geht nicht. Das wäre zu viel.“

Und während sie durch die diesige Nacht über das Kopfsteinpflaster vorbei an den zugenagelten Weihnachtsmarktbuden und weg von den besten und zugleich idiotischsten Stunden seit Monaten oder vielleicht sogar Jahren huscht, dreht es sich in ihrem Kopf ein wenig und doch ist sie bei klarem Verstand. Sie wird sich nicht vorgaukeln, dass das, was sie getan hat, auf den Alkohol zurückzuführen ist, denn für eine solch billige Ausrede war es zu gut und zu schön. Sie weiß, dass es falsch war, sie weiß, dass sie die Schuldige ist, sie weiß, dass das, was sie tat, ohne Sinn, Zweck und Zukunft gewesen ist. Sie weiß das alles. Dennoch bleibt es ein vollkommenes Date. Und wenigstens das zuzugeben ist sie ihm und sich schuldig. Er ist der Mensch, mit dem sie seit zwölf Jahren ihre Träume teilt. Und doch ist er nicht der, den sie liebt.

Advertisements

2 Kommentare zu „Alle Jahre wieder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s