Zum Verstehen

Gestern. Vor der Klasse mit einem solchen Kloß im Hals, dass ich nur mit Mühe die Tränen unterdrücken konnte. Montags hatten zahlreiche der Schüler mich mit ihren unüberlegten, nachgeplapperten, teilweise am rechten Rand einzuordnenden Kommentaren hilflos gemacht. Ihr ganzer Unmut richtete sich auf die Flüchtlinge, ohne zu verstehen, was diese eigentlich bereits durchgemacht haben und wieso sie sich auf eine gefährliche Flucht begeben, um es hier vielleicht besser zu haben.

Nun begann ich die Stunde damit, diejenigen der SchülerInnen, deren Eltern in der ersten Generation in Deutschland leben, anzusprechen, warum denn sie eigentlich nach hier gekommen sind. Aber ich wollte keine persönliche Antwort, sondern nur, dass sie nachdenken. Einer wollte aufbegehren, doch ein anderer der Klasse wandte sich zu ihm: „Aber sie hat ja Recht.“

Dann zeigte ich ihnen eine halbstündige Dokumentation, die ich zufällig am Wochenende im Fernsehen gesehen hatte. Erst hatte ich mich über die Art des Reporters aufgeregt, fand seine Ausdrucksweise unangemessen, einige Szenen zu gestellt. Aber irgendwie dachte ich, dass es für meine Schüler passen könnte. Darum ließ ich Ein schwarzes Loch von Hubertus Koch laufen.

Und als der Film beendet war und ich mich vor die Schüler stellte, musste ich nichts mehr sagen. Und das war auch gut so, weil ich in ihre Gesichter sah und meine Tränendrüsen ihre Produktion anfangen wollten. Dann schnellten die Finger hoch. Und erst zitterte meine Stimme noch.

Ich konnte ihre Fragen nicht alle beantworten. Ich konnte ihnen nicht sagen, wie wir entscheiden sollten als Europäer, um diese Menschen zu unterstützen, auf welche Seite wir uns schlagen müssen. Aber ich konnte ihnen ein bisschen Angst nehmen und Mitgefühl geben. „Wenn wir einen solchen Krieg mitbekommen hätten, hätten wir keine Angst mehr.“ – „Wieso sollte Deutschland nicht in den Krieg ziehen? Wieso sollten nicht vielleicht auch welche von uns sterben, damit wir weiter so leben können wie bisher?“ – „Wie können wir helfen? Kämen unsere Spenden an?“ – „Wenn diese Kinder da die Möglichkeit hätten in die Schule zu gehen, sie wären viel weiter als wir. Weil sie viel erlebt hätten und wüssten, was wichtig ist.“

Es war die gleiche Klasse wie Montag und doch eine andere. Ihre Äußerungen waren nun die, die hilflos waren, die reflektiert waren, die voll Mitgefühl waren, die zeigten, dass sie verstanden hatten. Zumindest ein bisschen. Zumindest für diesen Moment.

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11 Kommentare zu „Zum Verstehen

  1. Es ist keine leichte Aufgabe, den Kindern den Mist aus den Köpfen zu holen, der ihnen durch Medien und hirnlose Menschen hineingeschaufelt wird. Sie können die Informationen nicht so gut filtern, zumal es genügend Erwachsene gibt, die es ebenso wenig können. Schön, dass du einen Weg gefunden hast und ebenso die Kraft dafür.

  2. Ich habe über 23 Jahre als Berater für Migranten und Flüchtlinge gearbeitet, meinen Job aber immer auch als einen öffentlichkeitswirksamen und politischen verstanden. Ich habe sowohl vor Schulklassen gestanden (manchmal mit Flüchtlingen) als auch an den so genannten SCHILF – Tagen Seminare für Lehrer angeboten. –

    Ich weiß, wie mühsam beides war und ist, und so viele Lehrer waren es nicht, die sich so viele Gedanken um das Thema gemacht haben und von sich aus so ein Engagement entwickelt haben, wie ich das aus Deinen Zeilen lese.

    Ich finde das großartig, aber es kostet auch ganz schön Kraft, nicht wahr?

    Liebe Grüße an Dich und ein nur gut gemeinter Wunsch für ein erholsames Restwochenende!

    1. Ja, diese Woche hat mich der Umgang mit meinen Schülern psychisch doch so angestrengt, dass ich keine Nacht länger als halb vier geschlafen habe …

  3. Schön, dass du in die richtige Richtung lenkst. Es gibt sicher auch Lehrer, die eher Unmut schüren, als dass sie vernünftig reflektieren!

  4. Ich finde es gut, dass du die aktuellen Probleme auch behandelst. Bei uns hängt es stark vom Lehrer ab, ob wir z.B. über den aktuellen Terror, über die Flüchtlinge oder den IS im Allgemeinen sprechen. Ich finde es allerdings für Lehrer auch schwierig, die Schüler zur eigenen Meinungsbildung anzuregen und nicht einfach Statements abzugeben, welche die Schüler unreflektiert übernehmen. Mir scheint, als sei dir diese schwierige Aufgabe gelungen. Respekt.

    1. Vermutlich sehe ich erst in einiger Zeit, ob es mir wirklich gelungen ist bzw. gelingen wird, aber wenn man gewisse Äußerungen seiner Schüler mitbekommt und nicht wenigstens versucht gegenzusteuern, braucht man gar nicht erst Lehrer sein. Denk ich mir.

  5. Ich finde es toll, dass du das im Unterricht so engagiert aufgreifst. Großes Lob! Und es stimmt mich hoffnungsvoll, dass das auch Wirkung zeigt.

    Weiter so 🙂 Und ich wünsche dir ganz viel Kraft.

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