Angst

Wir haben verlernt mutig zu sein. Mit vorgebeugten Schultern und hängendem Kopf oder mit kerzengradem Schritt und falschem Lächeln schlängeln wir uns durch unsere Leben. Wir sagen, wir seien auf der Suche. Und dass es gut ist, wenn diese Suche nicht aufhöre, denn sie treibe uns an, treibe uns weiter und eröffne neue Horizonte. Einen Horizont nach dem anderen. Aber sind es wirklich neue Horizonte? Und durchschreiten wir sie dauerhaft?

Wir nicken wissend, wenn wir Selbsthilfebücher lesen, und erkennen Situationen und dargestellte Menschen wieder. Vielleicht auch uns selbst. Ja, wahrscheinlich im Herzen auch uns selbst in diesen von irgendwelchen Menschen verfassten Schriften, die angeblich helfen wollen, aber doch hauptsächlich zu deren Lebensunterhalt beitragen.

Wir fürchten die Nachrichten und können sie doch nicht nicht wahrnehmen: Überall Kriege, überall Leid, überall die Möglichkeit, eine schreckliche Krankheit aufzuschnappen. Wir igeln uns ein. In Deutschland sind wir sicher. Wir haben alles, was wir brauchen. Und unsere Probleme sind Luxusprobleme. Wir verstehen zu wenig von Wirtschaft, aber wir plappern nach, dass der Wertverlust des Dax‘ uns besorgt. Endlich noch eine Sache, über die wir uns Sorgen machen können. Fügen wir sie doch der Angst um unsere Kinder, der Angst um uns selbst, der Angst um unseren Besitz, der Angst um unser Vermögen, der Angst um unsere Berufsunfähigkeit, der Angst vor möglicher Altersarmut, der Angst vor dem Verlust unseres Lebens hinzu.

Wir haben Angst um so vieles. Und Angst vor so vielem. Und es lähmt uns. Uns und die Gesellschaft. Und kreativ und wirklich drängend nach neuen Ideen, neuen Konzepten, neuen Lebensweisen sind wir nicht mehr. Oder? Warum?

Wir haben verlernt mutig zu sein.

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19 Kommentare zu „Angst

    1. Ja, das stimmt. Aber über Vieles könnte man sich doch mehr hinwegsetzen, als es viele von uns tun: Darüber sämtliche Versicherungen nur für den Fall der Fälle abzuschließen; darüber, das Gefühl zu haben schon mit 20 in die Rente einzahlen zu müssen; darüber, 10.000 Euro Erspartes lieber auf einem unnützen Konto liegen zu lassen, als es für etwas einzusetzen, das einem Freude bringt …

  1. Das ist ein sehr schöner Text und ich stimme mit Dir in vielem überein. Obwohl wir alle wissen, dass unsere Lebensspanne kurz ist, bleiben wir doch meistens in der Komfortzone, die wir uns schaffen, um uns in den Unwägbarkeiten der Zukunft halbwegs sicher zu fühlen. Und es ist sehr schwer, sich von gängigen Meinungen loszusagen (z.B. die Versicherungen, die Altersvorsorge) – einfach weil es alle tun und wir nicht überblicken können, was kommt. Bleibt eigentlich nur, in die Zukunft zu vertrauen und darauf zu bauen, dass alles gut werden wird, wenn man seinem Verstand und seinem Herzen folgt. Vielen Dank für die Anregung zum Nachdenken! Viele Grüße, Ailis.

  2. Das hat durchaus etwas … wahres … bitteres …

    Besonders, weil der, der mutig ist und etwas neues wagt, nur angelächelt wird und selten ernst genommen.
    Und wir streben doch so danach, ernst genommen zu werden.

    Wieso also sollten wir dann mutig sein?

  3. Uns wird die falsche Angst eingetrichtert. Katasrophenberichte und -bilder allüberall. Was unsere Politiker machen, ist Nebensache, was uns mit den laut entgegengebrüllten gesetzlichen Änderungen noch so übergeholfen wird, wird nicht ohne Grund verschwiegen …

    Mut. Mut, auf uns selbst zu achten, jeder für sich und wenigstens auf die uns nahen Menschen.

  4. Wirklich wahre Worte. Vor allem lassen viele sich von den Medien beeinflussen und schließen sich, wenn es hart auf hart kommt, einfach der Mehrheit an. Das ist das einfachste und dazu braucht man am wenigsten Mut und eigene Meinung.

    1. Die Mehrheit liegt ja auch nicht immer falsch. Aber eben mit eigener, fundierter Meinung. Und das ist das schwierige, vor allem weil wir wegen der Medien nicht immer oder vielleicht selten wirklich wissen, was los ist. Es ist eben immer im Auge des Betrachters (bzw. des Siegers).

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