Geschwindigkeit … drosseln (Wortfriedhof)

Schneller, größer, höher, weiter, mehr. Steigerungsformen gehören zu unserem Leben dazu. Und so einen richtig schönen Einkaufsbummel, bei dem man von dem einen Geschäft zum nächsten schlendert, wann habe ich den das letzte Mal gemacht? Eher habe ich in einem bestimmten Moment Lust auf Shoppen und eile in meinen Stammladen, strolche durch die Gänge und lade mir so viel auf den Arm, wie nur eben möglich ist, damit ich mich nicht zu oft aus- und anziehen muss.

Dennoch würde ich behaupten, dass in meinem Leben mehr Ruhe und Entspannung vorhanden sind, als in vielen anderen. Ja, ich schlendere tatsächlich manchmal einfach durch die Stadt und setzte mich irgendwohin, um mir die anderen Menschen anzusehen und die Zeit zu verbummeln.

Schlendern und bummeln sind dann aber auch schon die hauptsächlichen Verben, die ich für gemächliches Herumspazieren aktiv nutze. Ich flaniere, schlenze, promeniere, pilgere, zockle, zottle, zuckle, hatsche, ambuliere, trudle, schlunze, schlenker, scharlenze und lustwandle nicht. Gab es einst tatsächlich so viel mehr Wörter für die langsame Gangart? Und woher kam das? Dass ein Bauer herumpromeniert hat und ein Handwerkermeister gelustwandelt ist, kann ich mir auch nicht vorstellen. Der Wortfriedhof des Duden will mir aber gerade das weismachen: „Die Beschleunigung des Alltags spiegelt sich auch im Wortschatz wider: Es gibt neue Wörter nur für die schnellen Fortbildungsarten.“

Ist das wirklich so?

8 Gedanken zu “Geschwindigkeit … drosseln (Wortfriedhof)

  1. Wenn ich mir die von dir gesammelten Wörter so anschaue, würde ich sagen, manche von denen sind regional beschränkt. Davon abgesehen würde ich mich zu folgender These versteigen: Das Flanieren allgemein war dem gehobenen Bürgertum vorbehalten. Da dieses natürlich nicht bloß flanieren kann, dann wirkt es ja 1) faul und 2) wenig individuell, benötigt es für die vielen kleinen Nuancen im Flanieren, die unterschiedlichen damit verfolgten Zwecke, ein Fachvokabular. Der gemeine Bürger festigt damit sein Rollenbild und grenzt nach außen sich vom Arbeiter ab, indem er nach innen einen Code verwendet, der signalisiert: Ich habe viel zu tun, auch wenn ich müßig wirke. Ich bummele (an Schaufenstern vorbei auf der Suche nach Neuem), promeniere (an den Cafés vorbei: Sehen und gesehen werden) und schlendere über den Rathausplatz (wo ich mir Zeit nehme, über die barocken Deko-Elemente an den Fassaden nachzudenken und mir somit einen Bildungsgestus gebe), etc. pp.

    1. Das Regionale stimmt auf jeden Fall. Aber das habe ich aus dem Synonymwörterbucheintrag gelöscht, damit es nach mehr aussieht.
      Und ja, vermutlich war es das gehobene Bürgertum. Aber heute ist es vielleicht gerade das, was sich eilt?

      1. Oder vielleicht das von Abstiegsängsten bedrohte Kleinbürgertum? Wobei das mit den Schichten oder Milieus retrospektiv ja immer einfacher ist, allein wenn es um die Identifikation solcher Gruppen geht. Es ist der dominierende Ton der Gesellschaft. Damals galt es, dem Adel den Rang auf der Prestige-Leiter streitig und aufzusteigen, heute erzählen wir keine Aufstiegsgeschichten mehr, sondern der Diskurs verurteilt jede Erzählung, so klein sie auch sei, als Ideologie und Träumerei im Angesicht der Alternativlosigkeit.

  2. Also, dieser Wortvielfalt muss man mal nachgehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich probiere demnächst all diese Gangarten aus 😉 „Entschleunigung“ ist allerdings ein neueres Wort, ob das Anlass zur Hoffnung gibt?

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