Warum unser Bildungssystem krankt (1)

1. Wegen der Einstellung der zukünftigen Lehrer und Noch-Studenten.

Von 30 haben acht den vorzubereitenden Text in einem Fachdidaktikseminar Deutsch (5. Semester) gelesen. Dies wird offenbar, als ich auslose, wer meine Fragen zum Text beantworten soll, und niemand etwas zum Text sagen kann.

Wie sie sich gefühlt haben, als ich die Losung begann: „Als würde ich nicht ernst genommen“, sagt einer, der nicht gelesen hatte. Ja, werden Sie auch nicht. Wenn Sie sich zu einem Deutschseminar anmelden und – ich bin mir sicher – bisher keinmal vorbereitend gelesen haben, dann werden Sie nicht ernst genommen. Denn dann fehlen Ihnen die Grundlagen, um wirklich mitzuarbeiten.

Es sei keine gute Methode, um die Abfrage der Hausaufgabe zu testen, denn das würde schwächeren Schülern, die sich bei den Hausaufgaben vorbereiten, die Möglichkeit nehmen, sich zu melden. Ja, und die Melden-Rannehmen-Methode gibt denen, die nicht gelesen haben, die Möglichkeit sich zu verstecken. Ich weiß schon. Und manchmal könne man auch nicht so genau (oder eher gar nicht) lesen, weil man so viele Seminare und so viel zu lesen habe. Überraschend, im Deutschstudium. Und wir sind zu Beginn des Semesters!

Da habe ich angehende Pädagogen vor mir sitzen, die in einem der wenigen sie wirklich auf den Unterricht vorbereitenden Seminare die Schülererklärungen herauskehren.

Da gebe ich ein Lyrikseminar im 5. Semester (Fachdidaktik Deutsch, nicht Literaturwissenschaft – Grundlagen muss ich also eigentlich nicht mehr legen) und mehr als die Hälfte kennt weder den Unterschied zwischen Analyse und Interpretation, noch können zwei Drittel mir Anapher, Alliteration, Personifikation und Metaphern richtig in einem Gedicht benennen.

Da sitzen zukünftige Deutschlehrer vor mir, die mir in ihrer Lesebiografie schreiben: „In der Uni lese ich nur das Nötigste, aber nur ungern, weil mich die Texte einfach nicht ansprechen und ich selten eine Bereicherung darin sehe. Privat lese ich wieder viel: Modemagazine und Literatur über Mode und Einrichtung. Belletristik lese ich nur selten.“

Solche Lehrer will ich nicht ausbilden, denn ich will sie nicht auf die Schüler und Schülerinnen loslassen. Wie soll man Jugendliche für Literatur begeistern, wenn man seit der Oberstufe nur Lektüreschlüssel gelesen hat und sich nie wirklich mit einem Werk auseinandersetzte?! Wie?

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20 Kommentare zu „Warum unser Bildungssystem krankt (1)

  1. Autsch. Das ist traurig, vor allem, wenn ich das mit den Lehrern vergleiche, von denen ich viel mitgenommen habe – und das waren häufig die Deutschlehrer und -lehrerinnen: Da war einfach eine Begeisterung für das Fach da, ein Interesse am Stoff und der ehrliche Wunsch, dieses Interesse zu teilen, und ich habe mich davon gern anstecken lassen.

    Klar, nicht jeder Schüler macht da mit, und es ist sicher frustrierend, einem Klassenzimmer voll pubertierender Null-Bock-Gesichter gegenüberzustehen. Aber wenn sich die (angehenden) Lehrer schon selber nicht für den Stoff interessieren: Wie hoffen sie dann, bei irgendwem Interesse zu wecken? Wenn man schon selber null Bock ins Klassenzimmer mitbringt: Was glauben sie denn, wie das auf die Schüler wirkt?

    Und, mal ganz ehrlich: Warum studieren diese Leute denn überhaupt auf Lehramt, wenn sie am Stoff kein Interesse haben? Wären sie dann nicht besser aufgehoben in einem Job, bei dem sie ihre Arbeitszeit nur absitzen und keine Arbeit mit nach Hause nehmen (und am besten auch keinen Kontakt zu Außenstehenden haben, die von der Qualität ihrer Arbeit abhängig sind)?

    Ich hoffe, du hast ihnen das wenigstens um die Ohren gehauen. Ich finde, Studenten darf man als erwachsen genug ansehen, dass man ihnen auch mal harte Wahrheiten sagt. Wenn sie damit nicht klarkommen, ist es mit der Hochschul-„Reife“ wohl nicht so weit her.

    1. Ich stimme dir aus vollem Herzen zu. Und ich habe ihnen durchaus zu verstehen gegeben, dass ihre Einstellung sie bei mir nicht unbedingt weiterbringt und ich gewisse Dinge erwarte. Das hat dazu geführt, dass von den 30 nur noch fünf Klausur bei mir schreiben und drei oder vier einen Praktikumsbericht. Alle anderen haben sich für einen Teilnahmenachweis entschieden – und glauben nun ihre Zeit absitzen zu können … Scheinbar.

      1. Ich verstehe einfach nicht, warum sie mit der Einstellung überhaupt Lehrer werden wollen… Aber ich finde es gut, dass du Klartext mit ihnen redest 🙂 Offensichtlich brauchen sie das.

      2. Leider hilft es nicht. Sie werden irgendwie durchkommen und wenn sie ein Zweitfach wie Chemie oder Physik haben, werden sie auch trotz Stellenmangel wahrscheinlich eine Stelle kriegen.

        Und dann sitzen da so Leute, die unsere Kinder motivieren sollen und die nicht gerne lesen, sich nicht richtig vorbereiten, denen alles zu viel ist, die alle fünf Minuten auf ihr Handy sehen müssen …

        Naja. Es liegen ja noch fünf Semester vor ihnen. Hoffen wir mal, das reicht, um einigermaßen erwachsen und vor allem verantwortungsbewusst zu werden.

        Ich bin sicherlich nicht der Mensch, der total erwachsen ist. Bestimmt nicht. Aber wenn ich einen Job mache, dann mache ich ihn ganz und vollkommen und mit dem besten, das mir möglich ist. Und ich interessiere mich für meine Schüler. (Und Studenten.) Aber diese Einstellung erkenne ich da leider noch nicht.

      3. und die dürfen dann trotzdem unterrichten, irgendwann?

        wild, eigentlich!!

      4. Und sogar nun noch früher. Denn ein Jahr später sind sie im Praxissemester und werden ein halbes Jahr lang auf SchülerInnen losgelassen.

    1. Naja, im Grunde leite ich ja angehende Lehrpersonen an. Hinsichtlich ihres Handykonsums sind sie schlimmer als meine Schüler das je waren.
      Und ich weiß durchaus, dass wir alle in gewisse Muster zurückfallen. Und ja, ich wollte ja nie Lehrer werden und dachte von den Fachdidaktikseminaren auch, dass ich sie nicht brauche. Aber he, wenn ich nicht mal die Grundlagen einer Lyrikanalyse kenne, wenn ich noch nicht mal Zeichensetzung in den einfachen Fällen kann, wenn ich in einer Hausaufgabe für die Dozentin von „Meiner Mama … “ schreibe, dann zeigt mir das: Diese sind nicht nur nicht reif fürs Lehramtstudium, sondern auch nicht für ein Studium generell. Vielleicht hätten sie eine angeleitete Ausbildung machen sollen.

      1. Wusste eh, dass meine Frage bei dir rein rethorisch bleiben wird 🙂
        Und was nun? Wo Lehrpersonen herbekommen, wenn das die einzigen sind, die es tun wollen – oder… sich zumindest nur… na ja. Wenn das die einzigen sind, die vor dir sitzen?

      2. Wir müssen das Lehrersein attraktiv machen. In Deutschland erhältst du mit dem Lehrerjob den sicheren Beamtenstatus. Das ist falsch. Aber wenn man einen guten Lohn nach einer guten Ausbildung bekommt, wenn man wie in Finnland die Lehrer aussucht, die Lehrer werden wollen, dann erkennen auch die Schülerinnen und Schüler das an. Die merken schnell, wer sich für sie und ihre Bildung interessiert und wer da rumeiert und rumdruckst und nichts auf dem Kasten hat.

        Aber das sind Themen für spätere Teile zum Bildungssystem.

        😉

  2. Das Problem mit der fehlenden Motivation gibt es leider nicht nur an der Uni. Auch in der Schule (gymnasiale Oberstufe) ist Hausaufgaben vernünftig machen eher die Ausnahme, genau wie Vor- und Nachbereitung des Unterrichts. Warum denn auch, wenn man mit vor der Stunde abschreiben noch locker eine 3, manchmal eine 2 bekommt? Ich persönlich mache meine Hausaufgaben selbst. Ich fühle mich dazu verpflichtet, weil ich ja auch möchte, dass der Lehrer den Unterricht vorbereitet. Wenn ich merke, dass die Person vor mir keinen Plan hat, wie sie unterrichten soll, leidet zugegebenermaßen auch die Qualität der HA.
    Lehramtsstudium (Gymnasium/Gesamtschule) in Bio und Deutsch war bisher auch mein Plan B nach dem Abi. In letzter Zeit habe ich nur an meiner Motivation gezweifelt. Ich hätte sicher Spaß daran, Schülern Unterrichtsinhalte näherzubringen, aber es gibt durchaus Leute, die sich noch stärker dazu „berufen“ fühlen. Wenn ich allerdings deine Schilderung lese, wird mir klar, dass der Punkt wohl doch erstmal auf meiner Wunschliste bleiben wird. Scheinbar würde ich zu den oberen 30% (?) gehören, die echtes Interesse an den Inhalten haben und kein Problem damit haben, viel zu lesen…
    Danke für die Anregung zur Meinungsbildung! Viele Grüße! 🙂

    PS: Einen Lektüreschlüssel hatte ich bis jetzt noch nie. Wo bleibt denn da die Herausforderung? 😉

    1. Ich bin ehrlich gesagt in der Schule auch nie auf den Gedanken gekommen einen Lektüreschlüssel zu nutzen, oder doch zumindest kaum, weil wir die Texte mit unserem Lehrer so gut erarbeitet haben. Gerade bei Deutschlehrern ist die Persönlichkeit und das Interesse am Menschen und an Literatur so wichtig, um Schüler zu packen. Hausaufgaben müssen meiner Meinung nach in der Oberstufe nicht unbedingt sein, nur, wenn sie wirklich dazu gebraucht werden, z.B. längere Texte als Übung für die Klausur zu schreiben. Dann würde ich als lehrer aber auch stets anbieten, dass das Geschriebene abgegeben werden kann. Lieber Gruß!

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